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Narzissmus : Unterm Strich zähl’ ich

  • -Aktualisiert am

Selbstverliebt: Narziss aus der griechischen Mythologie konnte sich für nichts und niemanden außer für sein eigenes Spiegelbild begeistern – wie das Gemälde von John William Waterhouse zeigt. Bild: akg-images

Narzissten leben oft lange gut mit ihrer Persönlichkeitsstörung. Doch irgendwann kommt das Leid: Stress, Sucht und Einsamkeit. Aber wo soll man Hilfe finden, wenn man sich selbst für den Besten hält?

          Immer wieder hatte seine Frau ihn gebeten, langsamer zu fahren, doch stattdessen gab der Mann immer mehr Gas. Der Unfall ließ nicht lange auf sich warten, der Wagen überschlug sich. Der Mann kam mit dem Schrecken davon, seine Frau aber wurde schwer verletzt. Nach zahlreichen Operationen hatte sie noch immer mit starken Schmerzen zu kämpfen, ihr Gesicht war von Narben entstellt. Weil auch der Mann unter der Situation litt, suchte er einen Therapeuten auf. Er weinte und weinte, der Therapeut fragte nach dem Grund seines Kummers. Der Mann antwortete: „Wie stehe ich denn jetzt da, mit einer Frau, mit der ich mich schämen muss?“

          Das Buch des Psychiaters Reinhard Haller, aus dem die Szene stammt, handelt vom Narzissmus. Und damit von Menschen, die auf den ersten Blick oft etwas Schillerndes an sich haben, die einnehmend sein können und faszinierend. Die aber, wenn man sie näher kennt, zu Egoismus und Kaltherzigkeit neigen, die wenig Rücksicht nehmen und, einmal gekränkt, tagelang in Schweigen verharren können. Oder deren Selbstmitleid keine Grenzen kennt, wenn das Unglück auch sie einmal trifft.

          Einige Narzissten lassen sich schwer durchschauen

          Ohne Narzissmus wäre die Welt eine andere. Manch großes Kunstwerk und manch große Erfindung gäbe es nicht, und auch nicht die ein oder andere Rekordleistung. Zahlreiche Selbstmörder wären noch am Leben, und die Menschheit wäre wohl verschont geblieben von so manch gefährlicher oder blutiger Krise, so mancher Diktatur, von allerlei Familientragödien. Narzissten streben häufig nach Ruhm oder Macht, doch man trifft sie auch jenseits von Politik, Börse oder Kunst. Im Alltag stehen sie einem oft näher als gedacht: „Zwei Drittel der Reaktionen auf mein Buch kamen von Frauen. Bei der Lektüre erkannten sie ihren Gatten wieder“, sagt Haller, Autor von „Die Narzissmus-Falle“ und Psychiater aus dem österreichischen Vorarlberg.

          Viele Narzissten treten auf, wie es ihrem Klischee entspricht: selbstbewusst und besserwisserisch, leistungsstark und eingebildet, mit ausgefallenen Hobbys und gutem Benimm. Andere wiederum lassen sich schwerer durchschauen. Zum Beispiel der Pedantische, der ständig um Rat fragt, Probleme haarklein durchkaut und keinerlei Risiko erträgt. Der Womanizer, der niemals tiefe Gefühle hegt und gelangweilt ist, sobald die Eroberung glückt. Oder der ganz Bescheidene, der Lob gar nicht nötig hat und dessen größter Trumpf seine Genügsamkeit ist.

          „Es ist in Ordnung, sich selbst höher zu schätzen als andere“

          Wie oft haben Sie in den vergangenen zwei Wochen eigentlich erwartet, dass Ihnen andere aus dem Weg gehen, wenn Sie vorbeiliefen? Haben Sie mit Vertretern des anderen Geschlechts über Ihre Erfolge gesprochen? Haben Sie andere unterbrochen, um Ihre eigenen Neuigkeiten mitzuteilen? Haben Sie mit Ihrem Schatz an sexuellen Erfahrungen geprahlt? - Mit Fragen dieser Art ermitteln Psychologen, wie narzisstisch sich Menschen im Alltag verhalten.

          Ab und zu die eigene Wichtigkeit hervorzuheben, ist weder krank noch schlecht. Im Gegenteil: Es verhilft dazu, sein Licht nicht unter den Scheffel zu stellen und an die eigenen Bedürfnisse zu denken, Ideen zu realisieren und sich auch mal durchzusetzen - Qualitäten, die heute gefragt sind.

          „Es ist in Ordnung, sich selbst etwas höher zu schätzen als die anderen“, meint Psychiater Haller. Und auch in der sogenannten narzisstischen Gesellschaft, in welcher der Fokus der Menschen auf ihnen selbst liegt, auf ihren Träumen und Potentialen, sieht er nicht nur Nachteile: „Wenn heute jeder und nicht mehr nur die Oberschicht Anspruch darauf hat, sich selbst zu verwirklichen, zeigt das auch die Demokratisierung der Verhältnisse auf.“

          Mehr als Egoismus, Eitelkeit und leichte Kränkbarkeit

          Entscheidend, sagt er, sei das Ausmaß narzisstischer Denk- und Verhaltensweisen. Bei einem Prozent der Bevölkerung sind sie so stark ausgeprägt, dass Experten von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sprechen. Männern wird sie doppelt so häufig attestiert wie Frauen. Zumindest heute noch. Denn „die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist von allen Persönlichkeitsstörungen diejenige, bei der es die größte Angleichung der Geschlechter gibt“, berichtet Haller. Frauen holen also auf, wenngleich das häufig unentdeckt bleibt. Denn während sich der Narzissmus bei Männern eher durch Aggressivität bemerkbar mache, manifestiere er sich bei Frauen oft durch Eitelkeit und übertriebene Sorge um die körperliche Erscheinung - und sei damit „sozialverträglicher“, wie er es nennt.

          Die narzisstische Persönlichkeitsstörung umfasst jedoch weit mehr als Egoismus, Eitelkeit und leichte Kränkbarkeit. Was Betroffenen fehlt, ist Empathie. Sie fühlen nicht mit anderen mit. Und sie können dies auch nicht ohne weiteres lernen. Vor kurzem hat eine Arbeitsgruppe um den Psychiater Stefan Röpke an der Berliner Charité festgestellt, dass die Gehirnstruktur von Narzissten verändert ist. Zuvor hatten sie bei 34 Probanden, von denen die Hälfte unter der narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt, mit Fragebögen das Mitgefühl gemessen. Dabei zeigte sich, dass Narzissten zwar durchaus einschätzen können, wie es dem anderen geht, aber selbst nicht mitfühlen. Sehen sie beispielsweise ein Bild, auf dem ein Kind vor einem abgebrannten Haus steht, dann sagt ihnen ihr Verstand, dass sich das Kind elend fühlt. Emotional betroffen sind sie aber nicht.

          Das Selbstbild eigener Großartigkeit aufrechterhalten

          Später wurden die Gehirne der Studienteilnehmer untersucht. Das Augenmerk der Forscher lag dabei auf der Inselregion, einem Hirnlappen hinter dem Ohr, der wichtig ist für die Fähigkeit zum Mitgefühl. Die Magnetresonanztomographie zeigte, dass die Menge an grauer Substanz in besagter Inselregion variiert, und zwar in Abhängigkeit von der Empathiefähigkeit. „Wir haben nachgewiesen, dass Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung über eine verminderte zellreiche Substanz verfügen“, sagt Röpke. Doch leicht zu helfen ist den Patienten angesichts der neuen Erkenntnisse nicht, denn Mitgefühl lässt sich nicht transplantieren: „Die Zellstruktur ist so fein, da kann man chirurgisch nichts machen“, sagt Röpke. „Man kann aber auch nicht sagen: Fühl mehr mit! Das geht nämlich nicht.“

          Es gibt hirnphysiologische Studien, die Hinweise darauf geben, dass Narzissmus erblich bedingt sein kann. Genetische Faktoren spielen also offenbar eine Rolle, persönliche Erfahrungen kommen hinzu. Experten betonen, wie wichtig Kindheitserlebnisse sind, insbesondere das Zuviel oder Zuwenig an Zuwendung. Denn hinter dem Glauben und dem Bemühen, besonders zu sein, verbirgt sich ein brüchiges Selbstwertgefühl.

          „Wenn das Kind zu sehr verwöhnt und schon vom ersten Tag an unkritisch bewundert wird, wenn es nie lernt, mit Problemen fertig zu werden, entwickelt es keine Frustrationstoleranz. Bekommt das Kind zu wenig Bestätigung, verkümmert sein Instinkt für den eigenen Wert“, erklärt Haller. Das Kind wächst heran, und berufliche Leistung, sexuelle Bestätigung oder besondere Abenteuer vermögen nagende Selbstzweifel außer Kraft zu setzen und das Selbstbild eigener Großartigkeit aufrechtzuhalten.

          Sich noch besser fühlen – mit Alkohol und Kokain

          Meist geht das eine ganze Weile gut, aber kein Leben lang. In die Ambulanz der Berliner Charité kommen Narzissten beispielsweise, weil schon wieder eine Beziehung gescheitert ist. Das passiert häufig genug: Der Verlust von Autonomie ist ihnen unerträglich, und das romantische Arrangement ist deshalb oft schnell wieder passé. „Manche sind dann bis ins Mark erschüttert, und sie leiden noch viel mehr als andere Menschen. Andere denken bei Trennungen oder Jobverlust, ihre Genialität wurde verkannt, und sind darüber gekränkt. Letztlich leiden aber auch sie.“

          Im vergangenen Jahr zeigten amerikanische Wissenschaftler, dass narzisstische Eigenschaften wie das immense Anspruchsdenken zumindest bei Männern nachweislich zu Anspannung führen: In dem Speichel der Probanden maßen sie eine erhöhte Konzentration von Cortisol, einem Stresshormon aus der Nebenniere. Viele Narzissten entwickeln deshalb ihre eigene Weise, diese Anspannung in den Griff zu bekommen: Sie nehmen Mittel, mit denen sich Unangenehmes abwehren, Selbstzweifel wegwischen, innere Leere in Rauch auflösen und Einsamkeit ertränken lässt. „Narzissten gebrauchen überdurchschnittlich häufig Rauschmittel“, sagt Haller, der als Chefarzt an der Suchtklinik Maria Ebene therapiert. Seine Patienten greifen zu Alkohol und Kokain, um sich noch besser zu fühlen. Oder zu Ecstasy oder Marihuana, um sich mit der Welt in Einklang zu bringen: „Mit Drogen schirmen sie sich ab gegen Kritik und Kränkung. Oft ist das eine Art der Selbstmedikation.“

          Mit der Suche nach Hilfe lassen sich Narzissten Zeit

          Dass sich Sucht und Narzissmus strukturell ähneln, beobachtet er bei seiner Arbeit immer wieder. Denn früher oder später, meint Haller, werde es einsam um die Betroffenen. „Jede Sucht beginnt in Gesellschaft und endet mit Vereinsamung, das ist nicht anders bei der Ich-Sucht. Und mit einem Narzissten hält es keiner langfristig aus.“ Doch damit hören die Parallelen noch nicht auf. Auch die Gier verbinde beide Gruppen: Denn so wie ein Süchtiger seinen Stoff braucht, lechzt der Narzisst nach Bestätigung.

          Und dann nennt Haller noch die Selbsterhöhung, eine weitere typische Eigenschaft von Narzissten. Entweder sind sie es, die begnadet sind, oder sie bleiben durchschnittlich und machen dafür die anderen klein. Und so wie Narzissten von ihrer Besonderheit überzeugt sind, so sind es auch die anderen Süchtigen: die Drogensüchtigen etwa, indem sie über die Erlebnisarmut ihrer Mitmenschen spotten, oder die Magersüchtigen, indem sie die mangelnde Disziplin der anderen verhöhnen.

          Fast immer liegt einer Sucht eine narzisstische Problematik zugrunde. „Ich würde nicht so weit gehen wie Fromm, aber ich schätze, dass hinter 80 Prozent der psychischen Krankheiten narzisstische Störungen stehen“, sagt Haller. Erich Fromm, 1980 gestorbener Psychoanalytiker und vor allem als Autor von „Die Kunst des Liebens“ berühmt geworden, war der Meinung, ausnahmslos jede psychische Erkrankung habe narzisstische Probleme als Ursache.

          Dass die Quote darunter liegt, hat wohl sein Gutes. Denn die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist nicht heilbar, wenngleich sich am Verhalten, an Rücksichtnahme und Kritikfähigkeit arbeiten lässt. Das sagen zumindest die Therapeuten. Mit der Suche nach Hilfe lassen sich Narzissten ohnehin Zeit. Oft kommen sie erst, wenn ihr Ehepartner sie vor ein Ultimatum stellt oder der Absturz nahe ist. Sie seien, so berichtet Reinhard Haller, über lange Zeit davon überzeugt, dass sie keine Hilfe brauchen, und auch davon, dass niemand überhaupt dazu in der Lage sei, ihnen zu helfen - außer einem wirklich weltberühmten Therapeuten vielleicht.

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