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Narzissmus : Unterm Strich zähl’ ich

  • -Aktualisiert am

Sich noch besser fühlen – mit Alkohol und Kokain

Meist geht das eine ganze Weile gut, aber kein Leben lang. In die Ambulanz der Berliner Charité kommen Narzissten beispielsweise, weil schon wieder eine Beziehung gescheitert ist. Das passiert häufig genug: Der Verlust von Autonomie ist ihnen unerträglich, und das romantische Arrangement ist deshalb oft schnell wieder passé. „Manche sind dann bis ins Mark erschüttert, und sie leiden noch viel mehr als andere Menschen. Andere denken bei Trennungen oder Jobverlust, ihre Genialität wurde verkannt, und sind darüber gekränkt. Letztlich leiden aber auch sie.“

Im vergangenen Jahr zeigten amerikanische Wissenschaftler, dass narzisstische Eigenschaften wie das immense Anspruchsdenken zumindest bei Männern nachweislich zu Anspannung führen: In dem Speichel der Probanden maßen sie eine erhöhte Konzentration von Cortisol, einem Stresshormon aus der Nebenniere. Viele Narzissten entwickeln deshalb ihre eigene Weise, diese Anspannung in den Griff zu bekommen: Sie nehmen Mittel, mit denen sich Unangenehmes abwehren, Selbstzweifel wegwischen, innere Leere in Rauch auflösen und Einsamkeit ertränken lässt. „Narzissten gebrauchen überdurchschnittlich häufig Rauschmittel“, sagt Haller, der als Chefarzt an der Suchtklinik Maria Ebene therapiert. Seine Patienten greifen zu Alkohol und Kokain, um sich noch besser zu fühlen. Oder zu Ecstasy oder Marihuana, um sich mit der Welt in Einklang zu bringen: „Mit Drogen schirmen sie sich ab gegen Kritik und Kränkung. Oft ist das eine Art der Selbstmedikation.“

Mit der Suche nach Hilfe lassen sich Narzissten Zeit

Dass sich Sucht und Narzissmus strukturell ähneln, beobachtet er bei seiner Arbeit immer wieder. Denn früher oder später, meint Haller, werde es einsam um die Betroffenen. „Jede Sucht beginnt in Gesellschaft und endet mit Vereinsamung, das ist nicht anders bei der Ich-Sucht. Und mit einem Narzissten hält es keiner langfristig aus.“ Doch damit hören die Parallelen noch nicht auf. Auch die Gier verbinde beide Gruppen: Denn so wie ein Süchtiger seinen Stoff braucht, lechzt der Narzisst nach Bestätigung.

Und dann nennt Haller noch die Selbsterhöhung, eine weitere typische Eigenschaft von Narzissten. Entweder sind sie es, die begnadet sind, oder sie bleiben durchschnittlich und machen dafür die anderen klein. Und so wie Narzissten von ihrer Besonderheit überzeugt sind, so sind es auch die anderen Süchtigen: die Drogensüchtigen etwa, indem sie über die Erlebnisarmut ihrer Mitmenschen spotten, oder die Magersüchtigen, indem sie die mangelnde Disziplin der anderen verhöhnen.

Fast immer liegt einer Sucht eine narzisstische Problematik zugrunde. „Ich würde nicht so weit gehen wie Fromm, aber ich schätze, dass hinter 80 Prozent der psychischen Krankheiten narzisstische Störungen stehen“, sagt Haller. Erich Fromm, 1980 gestorbener Psychoanalytiker und vor allem als Autor von „Die Kunst des Liebens“ berühmt geworden, war der Meinung, ausnahmslos jede psychische Erkrankung habe narzisstische Probleme als Ursache.

Dass die Quote darunter liegt, hat wohl sein Gutes. Denn die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist nicht heilbar, wenngleich sich am Verhalten, an Rücksichtnahme und Kritikfähigkeit arbeiten lässt. Das sagen zumindest die Therapeuten. Mit der Suche nach Hilfe lassen sich Narzissten ohnehin Zeit. Oft kommen sie erst, wenn ihr Ehepartner sie vor ein Ultimatum stellt oder der Absturz nahe ist. Sie seien, so berichtet Reinhard Haller, über lange Zeit davon überzeugt, dass sie keine Hilfe brauchen, und auch davon, dass niemand überhaupt dazu in der Lage sei, ihnen zu helfen - außer einem wirklich weltberühmten Therapeuten vielleicht.

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