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Narzissmus : Unterm Strich zähl’ ich

  • -Aktualisiert am

Mehr als Egoismus, Eitelkeit und leichte Kränkbarkeit

Entscheidend, sagt er, sei das Ausmaß narzisstischer Denk- und Verhaltensweisen. Bei einem Prozent der Bevölkerung sind sie so stark ausgeprägt, dass Experten von der narzisstischen Persönlichkeitsstörung sprechen. Männern wird sie doppelt so häufig attestiert wie Frauen. Zumindest heute noch. Denn „die narzisstische Persönlichkeitsstörung ist von allen Persönlichkeitsstörungen diejenige, bei der es die größte Angleichung der Geschlechter gibt“, berichtet Haller. Frauen holen also auf, wenngleich das häufig unentdeckt bleibt. Denn während sich der Narzissmus bei Männern eher durch Aggressivität bemerkbar mache, manifestiere er sich bei Frauen oft durch Eitelkeit und übertriebene Sorge um die körperliche Erscheinung - und sei damit „sozialverträglicher“, wie er es nennt.

Die narzisstische Persönlichkeitsstörung umfasst jedoch weit mehr als Egoismus, Eitelkeit und leichte Kränkbarkeit. Was Betroffenen fehlt, ist Empathie. Sie fühlen nicht mit anderen mit. Und sie können dies auch nicht ohne weiteres lernen. Vor kurzem hat eine Arbeitsgruppe um den Psychiater Stefan Röpke an der Berliner Charité festgestellt, dass die Gehirnstruktur von Narzissten verändert ist. Zuvor hatten sie bei 34 Probanden, von denen die Hälfte unter der narzisstischen Persönlichkeitsstörung litt, mit Fragebögen das Mitgefühl gemessen. Dabei zeigte sich, dass Narzissten zwar durchaus einschätzen können, wie es dem anderen geht, aber selbst nicht mitfühlen. Sehen sie beispielsweise ein Bild, auf dem ein Kind vor einem abgebrannten Haus steht, dann sagt ihnen ihr Verstand, dass sich das Kind elend fühlt. Emotional betroffen sind sie aber nicht.

Das Selbstbild eigener Großartigkeit aufrechterhalten

Später wurden die Gehirne der Studienteilnehmer untersucht. Das Augenmerk der Forscher lag dabei auf der Inselregion, einem Hirnlappen hinter dem Ohr, der wichtig ist für die Fähigkeit zum Mitgefühl. Die Magnetresonanztomographie zeigte, dass die Menge an grauer Substanz in besagter Inselregion variiert, und zwar in Abhängigkeit von der Empathiefähigkeit. „Wir haben nachgewiesen, dass Patienten mit narzisstischer Persönlichkeitsstörung über eine verminderte zellreiche Substanz verfügen“, sagt Röpke. Doch leicht zu helfen ist den Patienten angesichts der neuen Erkenntnisse nicht, denn Mitgefühl lässt sich nicht transplantieren: „Die Zellstruktur ist so fein, da kann man chirurgisch nichts machen“, sagt Röpke. „Man kann aber auch nicht sagen: Fühl mehr mit! Das geht nämlich nicht.“

Es gibt hirnphysiologische Studien, die Hinweise darauf geben, dass Narzissmus erblich bedingt sein kann. Genetische Faktoren spielen also offenbar eine Rolle, persönliche Erfahrungen kommen hinzu. Experten betonen, wie wichtig Kindheitserlebnisse sind, insbesondere das Zuviel oder Zuwenig an Zuwendung. Denn hinter dem Glauben und dem Bemühen, besonders zu sein, verbirgt sich ein brüchiges Selbstwertgefühl.

„Wenn das Kind zu sehr verwöhnt und schon vom ersten Tag an unkritisch bewundert wird, wenn es nie lernt, mit Problemen fertig zu werden, entwickelt es keine Frustrationstoleranz. Bekommt das Kind zu wenig Bestätigung, verkümmert sein Instinkt für den eigenen Wert“, erklärt Haller. Das Kind wächst heran, und berufliche Leistung, sexuelle Bestätigung oder besondere Abenteuer vermögen nagende Selbstzweifel außer Kraft zu setzen und das Selbstbild eigener Großartigkeit aufrechtzuhalten.

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