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Natürliche Beautyprodukte : Mehr als Marketingfloskeln

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Schlichtes Design, ausgefallene Marken: MDC Cosmetic in Berlin Bild: MDC Cosmetic

Melanie dal Canton war früher die Geschäftsführerin von Murkudis in Berlin. Heute betreibt sie eine Boutique für besondere Beautyprodukte und erzählt, wie man Kunden von Natürlichkeit überzeugt.

          Diese Mähne! Wild steht das krause Haar mitsamt des durchgestuften Ponys in großem Bogen vom Kopf ab. Fast so, als stünde hier gerade jemand mächtig unter Strom. Melanie dal Canton sieht nicht aus wie das Klischee der Beauty-Verkäuferin, kein Masken-Makeup, keine Duftwolke. Die attraktive Unternehmerin kommt zum Termin beinahe ungeschminkt, einzig ein kleiner heller Lichtreflex auf ihrem Augenlid deutet auf einen subtilen Hauch dekorativer Kosmetik hin. Ansonsten leuchtet ihr Teint diesen „Glow“ einer gesunden Haut, den wohl kein Make-up zu imitieren vermag. Wenn doch – dann findet man es mit großer Sicherheit in ihrem Laden.

          Vor sechs Jahren hat dal Canton sich mit MDC Cosmetic selbständig gemacht, einer kleinen Boutique im Berliner Prenzlauer Berg, in welcher sie auf hellen, minimalistischen Holzregalen eine feine Auswahl an Pflegeprodukten, Düften und Accessoires verkauft von weniger bekannten nachhaltigen Marken und Manufakturen. Ein Blick auf dal Canton genügt eigentlich, um ihr Konzept zu verstehen. Sie sagt: „Wir sind hier alle eher die natürlichen Typen. Bei uns steht Gesundheit und gesundes Aussehen an erster Stelle.“ Für eine Beautyboutique war das 2012 eine neue Idee, die genau im richtigen Moment kam.

          Die Eröffnung von MDC Cosmetic fällt nämlich in eine Zeit, in der die Haltung gegenüber Schönheitsprodukten gerade dabei war, sich zu wandeln. „Die Ozeane sind mit Plastik durchzogen, in Bangladesch stürzen Fabriken ein – die Welt ist bedrohlich geworden“, sagt dal Canton. „Früher haben sich die Menschen Silikone ins Gesicht geschmiert, heute würden sie alles dafür tun, sie wieder herunter zu kratzen.“ Wo, wie und auf welche Kosten werden die Dinge produziert, die uns umgeben? Fragen, die die Ernährungs- und Modeindustrie seit ein paar Jahren durchschütteln, führen auch im Beauty-Segment zu einem Umdenken der Konsumenten. Für einen bewussten Lebensstil werden die nachhaltigen Schönmacher deshalb immer wichtiger – wobei: Auch auf die Verpackung kommt es heute an.

          Del Canton hat mit ihren Produkten eine Nische gefunden

          „Wenn ich eine neue Marke aufnehme, muss das Gesamtpaket stimmen. Mir ist es wichtig, dass Labels eine Geschichte erzählen, die über reine Marketingfloskeln hinausgeht. Wofür steht ein Produkt? Und natürlich muss es wirken“, sagt dal Canton und lacht. In ihrem Sortiment finden sich deshalb Labels wie das Münchener Aqua Organic – Luxusnaturkosmetik, in der Inhaltsstoffe wie Mäusedorn- oder Rosskastanienextrakt, Hyaluronsäure und Aloe Vera nur in besonders purer Form enthalten sind. Oder Malin+Goetz, ein familiengeführtes Unternehmen aus New York, das speziell auf die Bedürfnisse empfindlicher Haut abgestimmt ist und Produktlinien für Männer und Frauen herstellt. Die natürlichen Inhaltsstoffe sind mit den neuesten technisch ausgeklügelten Wirkstoffkomplexen kombiniert. Obendrein sind die hellen Flakons mit den leuchtend blauen, grünen oder gelben Drucken im Badezimmerregal ein dekoratives Statussymbol.

          Beautyprodukte, die auch als Statussymbol im Bad dienen

          Es ist genau diese Kreuzung von Natur, modernen Wirkstoffen und Design, mit der dal Canton eine Nische gefunden hat, in der sie bis heute kaum Konkurrenz erlebt. Und in der sie über Umwege geraten ist. Die studierte Politologin, die ursprünglich vom Bodensee kommt, merkt früh, dass sie „ganz gut verkaufen kann“ und landet zunächst in der Mode. 2005, als sich in Berlin gerade viele junge Labels ansiedeln, hat sie mit einer Freundin die Idee, eine Agentur zu gründen, die den Nachwuchstalenten in Sachen Businessplan und Sales hilft.

          Sie kam um zu beraten und blieb als Geschäftsführerin

          Mit ihren Lookbooks unter dem Arm marschiert sie auch zu Andreas Murkudis, heute die graue Eminenz unter den Berliner Fashion Retailern, dessen kuratierte Concept Stores zu den führenden Modegeschäften der Stadt gehören. Ihm möchte sie nahelegen, auch ein paar junge Labels mit ins Sortiment seines zwei Jahre zuvor eröffneten Shops zu nehmen. Sie wird für zehn Jahre seine Geschäftsführerin. In MDCs Anfangsjahren arbeitet sie einfach mehr. Bei Murkudis nimmt sie irgendwann die österreichische Naturkosmetikmarke Susanne Kaufmann mit ins Sortiment — der Grundstein ihres Interesses am Thema Beauty. Später holt dal Canton noch die australische Marke Aesop mit dazu, deren Flakons an Apothekenprodukte vergangener Tage erinnern.

          „Ich habe dann gemerkt, dass in einer Modeboutique irgendwo die Grenze erreicht ist, wenn man den Kunden noch adäquat beraten will.“ So war ihre nächste Idee geboren: Eine Beauty Boutique zu eröffnen, wo man genau das bekommt: die besten Produkte bei der besten Beratung. Dafür musste sie noch einiges lernen: „Natürlich ist das ein konstanter Prozess, aber gerade am Anfang habe ich sehr viel gelesen. Ich wollte verstehen, wie einzelne Inhaltsstoffe wirken und miteinander reagieren.“ Anfangs musste sie außerdem „Aufklärungsarbeit“ betreiben, wie sie es nennt: „Die Kunden heute sind gut informiert. Aber leider bringen viele ein gefährliches Halbwissen mit.“

          Was ist denn eigentlich natürlich?

          Wenn jemand auf natürlichen Produkten bestehe, könne sie nur noch mit den Augen rollen. „Was genau ist denn eigentlich natürlich“, fragt sie dann. „Wollen die eine Creme, die am hauseigenen Herd emulgiert wurde?“ Dass es heute für Natur und Umwelt sogar besser sein kann, einige pflanzlichen Wirkstoffkonzentrate im Labor herzustellen, ist auch so eine Sache, die wenigen bewusst ist. „Dabei handelt es sich bei Pflanzen um Rohstoffe, die auch mal nachwachsen müssen.“ Ein Öko-Siegel allein sei ihr nicht wichtig – „man kennt das von Biotomaten. Die sind nur dann nachhaltiger als andere, wenn sie nicht um die halbe Welt geschifft werden mussten.“ Für ihre Kunden nimmt sie sich gemeinsam mit ihrem mittlerweile zehnköpfigen Team auch deshalb viel Zeit.

          „Es wird immer wichtiger, sich im stressigen Alltag kleine Auszeiten zu nehmen“, sagt dal Canton. Sie scheint das trotz vollem beruflichem Terminkalender sowie der Verantwortung gegenüber ihren zwei Kindern und zwei Hunden bestens verinnerlicht zu haben. Ihre Worte wählt sie mit Bedacht, den Kaffee schlürft sie mit einer rhythmischen Ruhe, so als würde sie insgeheim gerade meditieren. „Ich übe noch“, sagt sie und lacht. „Manchmal sagt mein Sohn schon noch zu mir: Leg doch mal dein Handy weg.“

          Vor der Eröffnung von MDC kaufte die Unternehmerin aus Mangel an Alternativen übrigens häufig im Reformhaus. Deutschland gilt ohnehin als Naturkosmetiknation, entstanden „aus einem guten anthroposophischem Gedanken heraus“, sagt dal Canton. Nur dass die Weiterentwicklung anschließend leider eingeschlafen sei. „Nicht jeder Haut reicht es, wenn man sie mit Mandelöl aus dem Bioladen eincremt. Mir selbst waren viele der Reformhausprodukte oft zu fettig.“ Der Öko-Look der Produkte war zu piefig.

          Da treffe es sich gut, dass die „Menschen heute bereit sind, in ein gesundes Aussehen und Gesundheit zu investieren“ – immerhin werden im MDC für die hübsch verpackten Wirkstoffessenzen auch echte Boutique-Preise aufgefahren. Vielleicht auch deshalb waren die ersten zwei Jahre wirtschaftlich nicht einfach. Dal Canton sagt: „Neunzig Prozent unserer Kunden kommen aus Deutschland. Die sind anfangs erst einmal misstrauisch. Aber wenn sie ein Produkt überzeugt hat, kaufen sie es immer wieder, unabhängig vom Preis.“

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