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Michelangelos David : Der Gigant

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So ein Mann, so ein Mann: Die Faszination David lässt sich kaum erklären. Schon gar, weil er bei näherer Betrachtung nicht so perfekt ist. Bild: Prisma Bildagentur

Er gilt als der perfekte Mann. Doch David war gar nicht so makellos, wie die Skulptur von Michelangelo es vortäuscht. Vielmehr handelte es sich bei dem Schafhirten aus dem Alten Testament um einen Schwächling.

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          Man entkommt ihm nicht. Weder in Florenz noch in ganz Italien. Und selbst hierzulande zögert kaum ein Gartencenter, ihn als Gipsreplik mitten in Gartenzwerg-Heeren anzubieten: Michelangelos David zählt wie Marylin Monroe und Mona Lisa zu den Unsterblichen unserer Kultur, die bisher sogar dem großen Vergessen des Computerzeitalters trotzen. Als einziger unter den Jahrtausend-Ikonen aber fesselt der David auf T-Shirts, Postern und Ansichtskarten eher mit seinem Unterleib als durch sein Gesicht. Selbst im prüden Dunstkreis des Doms von Florenz - auf dessen Chor die Statue ursprünglich hätte stehen sollen - bieten Souvenirstände außer den obligaten schmerzensreichen Madonnen und tränenseligen Christusfiguren Herrenschürzen an, die mit dem besten Stück des nackten David bedruckt sind. Sie finden reißenden Absatz - bei Familienvätern und bei Männern, die statt Frau und Kind lieber ihren Geliebten bekochen.

          Mit einem Wort: Davids Männlichkeit ist, neben den sich tastend einander nähernden Zeigefingern Adams und Gottvaters, die Michelangelo an die Decke der Sixtinischen Kapelle gemalt hat, die meistverbreitete Schwulen-Ikone der Kunstgeschichte. Das mag so manchen bisher ahnungslosen Möchtegern-Latin-Lover, der die davidische Leistenregion als Verheißung eigener enormer Fähigkeiten trug, zu sofortiger T-Shirt- oder Schürzen-Verbrennung veranlassen. Doch damit wäre die Tatsache nicht aus der Welt, dass die Massenrezeption nicht auf Anhieb zwischen homo- und heterosexuellen Reizen der genialen Michelangelo-Skulptur zu unterscheiden vermag - David, das Faszinosum für alle.

          Homoerotische Komponente

          Die homoerotische Komponente überschattete freilich schon die Geburt des Marmorathleten. Denn 1501, als Michelangelo in seiner Heimatstadt Florenz mit der Arbeit an der Skulptur begann, stand man dort noch unter dem Eindruck der Schreckensherrschaft Savonarolas. Auch drei Jahre nach dessen Hinrichtung auf der Piazza della Signoria war nicht nur der Scheiterhaufen für den Mönchsdiktator in aller Erinnerung, sondern auch jenes „Feuer der Eitelkeiten“, mit dem im Februar 1497 auf Geheiß Savonarolas unersetzliche Kunstwerke als „gottlose Machwerke“ vernichtet worden waren.

          Besonders heftig hatte der fanatische Bußprediger die „Todsünde der Sodomie“ gegeißelt. Auch dafür hatte ihm die Kunstszene des damaligen Florenz Anlass gegeben: Angeregt von den antiken Schriftquellen, die Männerliebe als kulturelle Selbstverständlichkeit schildern, waren gleichgeschlechtliche Beziehungen unter Künstlern und Intellektuellen gang und gäbe, und angesehene Bildhauer und Maler wie Verrocchio, Andrea del Castagno oder Botticelli gestalteten Darstellungen des heiligen Sebastian oder antiker Helden als Inbegriff homoerotischer Reize.

          Wie Mona Lisa: Jenseits aller Körperlichkeit ist es wohl auch der unergründliche Blick, der fasziniert.

          Doch die Libertins bewegten sich auf dünnem Eis. So war zum Beispiel der heute als Fanal der Renaissancekunst gefeierte David des Donatello, die erste Nacktfigur Europas seit der Antike, schon 1444 wegen seiner androgyn gerundeten Hüften, leicht gewölbten Brüste und der lasziv tänzerischen Körperhaltung Anlass für anzügliche Munkeleien über den Künstler und seinen Auftraggeber, Cosimo I. de’ Medici gewesen. Fünfzig Jahre später hatte sich wenig an der kollektiven Stimmung geändert: Hätte Michelangelo, der 1496 von Florenz nach Rom übergesiedelt war, seinen berühmten „Trunkenen Bacchus“ nicht dort, sondern am Arno gemeißelt - die lebensgroße Marmorstatue des nackten Weingotts mit dem aufreizend nach vorn geschobenen Unterleib und einem obszönen Satyr als Stütze wäre als Teufelswerk verdammt worden.

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