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Mehr als Wellness : Verraten Sie dem Masseur nicht, wo es zwickt!

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Teil der Gesundheit: Massagen können auch vorbeugende Therapie sein Bild: Your_Photo_Today

Weil wir uns immer weniger bewegen, können auch Massagen notwendiger denn je sein. Damit ist allerdings mehr gemeint als nur ein bisschen Wellness.

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          Wer sich Ellenbogen oder Knie gestoßen hat, kennt die reflexartige Reaktion: Die Hand geht schnell zur traktierten Stelle, um diese kräftig zu reiben. Auf dieser instinktiven Reaktion basiert eine Heilmethode, die immer öfter in die Schublade „Wellness“ gepackt wird. Es gibt ständig mehr mögliche und unmögliche Massageangebote, die allerdings nur zum Teil den Namen „Massage“ verdienen.

          Ziel der klassischen Massage, früher auch mal „schwedische Massage“ geheißen, ist es, Verspannungen und Verhärtungen der Muskulatur zu lockern. Dass sie mal nach dem nordeuropäischen Land benannt war, liegt an ihrem Schöpfer. Dem schwedischen Dichter, Autor und Begründer der Gymnastik, Pehr Henrik Ling, wird zugeschrieben, die Massage in Europa etabliert und zur systematischen medizinischen Therapie weiterentwickelt zu haben.

          Dabei reicht die Kunst des Massierens mehr als vier Jahrtausende zurück. Nicht nur Nudeln und Speiseeis sind im alten China erfunden worden, sondern auch die Massage. Später war es der Vater der westlichen Medizin, der griechische Arzt Hippokrates, der die Massagetherapie in Europa populär machte. Im Alten Rom kamen die Gladiatoren in den Genuss von entspannenden Massagen. Als das Römische Reich versank, ging in Europa auch die Massagetherapie unter. Wiederbelebt wurde sie zunächst durch den schwäbischen Arzt Paracelsus im 16. Jahrhundert - und später eben durch jenen schwedischen Gymnastiklehrer.

          Sozusagen einer seiner Nachfolger ist Mathias Starry, Chefmasseur in der Bad Nauheimer Sportklinik; hier werden Spitzensportler wie der Tischtennis-Profi Timo-Boll, Formel-1-Pilot Timo Glock und Turnprofi Fabian Hambüchen betreut. Für Starry steht außer Frage: „Massage ist unerlässlich für die Gesundheit.“ Sie sei nicht nur in akuten Fällen von Beschwerden sinnvoll, sondern eine ideale vorbeugende Therapie. Allerdings komme es immer darauf an, was man unter Massage verstehe - und ob sie richtig angewendet werde. Wellnessmassagen, Sportmassagen und reine kosmetische Entspannungsmassagen seien keine medizinischen Heilmassagen.

          Guter Masseur ertastet die Beschwerden

          Medizinische, klassische Massagen müssen von einem Arzt verordnet werden und dürfen nur von staatlich geprüften Masseuren oder Physiotherapeuten durchgeführt werden. Um sich Wellnessmasseur nennen zu können, bedarf es hingegen weder einer bestimmten Ausbildung noch einer Prüfung. Heute scheinen klassische Massagen wieder weitgehend verschwunden zu sein. Von modernen und häufig teuren Wellnesstrends wie Schokoladen-, Honig-, Rosenöl- oder Klangschalenmassage hält Starry aus medizinischer Sicht nichts. Geht man von dem angeborenen Reflex der Selbstheilung nach angestoßenem Körperteil aus, dann ist dies nachvollziehbar: Wir gehen ja auch nicht erst ins Bad und holen uns Öl, das nach Rosen oder Vanille duftet, um uns damit dann die schmerzende Stelle einzureiben.

          Bei einer klassischen medizinischen Massage sollte ohnehin nicht viel Schmiermittel verwendet werden, sagt Starry, der staatlich geprüfter Masseur und medizinischer Bademeister ist. Um möglichst wirkungsvoll massieren zu können, dürfe die massierende Hand nicht nur über die Haut hinweggleiten, sondern müsse sie auch gegen das Unterhautbindegewebe verschieben können. Wenn seine Hände über den öligen Körper nur hinweggleiten, könne er niemals die Muskeln so bearbeiten, wie es notwendig sei.

          Dabei ist aber umgekehrt bei jeder klassischen Massage auch ein Wohlfühlfaktor dabei. Eine körperliche Massage sei auch immer eine Seelenmassage, betont Starry, 58, der 1979 mit der Masseurausbildung begann. Einen guten Masseur erkenne man daran, dass er die Beschwerden von selbst erspüre. Dies gelingt dem Masseur, indem er mit seinen Händen zunächst zum Aufwärmen den Körper leicht massiert und Problemzonen ertastet. Deshalb empfiehlt Starry auch, dem Therapeuten beim ersten Besuch nicht zu verraten, wo es zwickt oder wehtut. Oft sei es auch so, dass der Schmerz an einer ganz anderen Stelle als die Ursache liege und ein verspannter oder verhärteter Muskel weit ausstrahle.

          Massage dient Verletzungsprävention

          Hat der Masseur die Quelle oder sogar mehrere Quellen des Übels ertastet, bearbeitet er mit bestimmten Grifftechniken die Muskeln. Er streicht, knetet, dehnt, reibt, klopft und bringt den Körper zum Vibrieren. Alles mit dem Ziel, die Muskeln zu entspannen, die Durchblutung zu steigern, Stauungen zu beseitigen, Verhärtungen aufzulösen und am Ende die Schmerzen zu lindern oder ganz zu beseitigen.

          Das Verfahren sei heute notwendiger denn je, erklärt der Masseur. Anders als noch zu Zeiten unserer Großeltern bewegen wir uns zu wenig oder zu einseitig. Ob mit oder ohne Bewegung beansprucht jeder Mensch eine Vielzahl von Muskeln, von deren Existenz wir oft erst erfahren, sobald sie uns Probleme bereiten.

          Es gehe also nicht nur um mehr Bewegung, mit der die Fitnessindustrie und manche Gesundheitsinstitutionen werben. Warum, so fragt Starry, werden Spitzensportler regelmäßig während des Trainings und im Wettkampf massiert, wo sie sich doch ausgiebig bewegen? Die Antwort liegt für ihn auf der Hand: Es sei die beste Verletzungsprävention, wenn die Muskeln gepflegt und gelockert sind. Vorbeugen ist eben besser als Heilen.

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