https://www.faz.net/-hrx-9y0pa

Therapeutische Tattoos : Unter die Haut

  • -Aktualisiert am

Das Ende des Kontrollverlusts also, den er durch seine Krankheit erfahren hat. Jeder Stich in die Haut auch ein Selbstempfinden, eine Auseinandersetzung mit Schmerz, von dem er genau weiß, woher er kommt, und wieso er da ist. Tätowieren ist konkret. „Ich habe zwei Kinder. Meinem älteren Sohn, er ist dreieinhalb Jahre, habe ich schon versucht zu erklären, was Papa da auf dem Körper hat, was mir diese Bilder bedeuten“, sagt Daniel. Der Sohn wolle nun auch ein Tattoo haben, wenn er groß ist.

Wer ist der Träger meiner Tattoos?

Auch ich bin noch nicht fertig mit meinen Tattoos. Wahrscheinlich wird mein Körper noch lange eine laufende Arbeit sein. Ich kenne diese Angstzustände, von denen Daniel erzählt, das Gefühl des Kontrollverlusts. In den vergangenen Monaten habe ich auch deshalb viele neue Tattoos bekommen, weil ich diese Kontrolle wiederhaben will. Ich kann die Erfahrung der bodenlosen Angst nicht aus meinem Gehirn löschen – will es wahrscheinlich auch gar nicht. Aber ich kann den Körper verändern, der diese Angst in sich getragen hat und noch in sich trägt.

Oft werden Tätowierungen als Modeerscheinung beschrieben. Als aufmerksamkeitsheischend, sich in den Vordergrund drängend. Das Arschgeweih, das Tribal, der Name der oder des Geliebten: Grund für Spott. Doch für viele Menschen sind Tattoos ein Abschluss, ein Neuanfang, eine Zurückeroberung, Veränderbarkeit. Sie formen den Körper, lenken die Blicke der Menschen, die den Körper anschauen.

Es gibt Tage, gibt Momente, da fühle ich mich nicht wie der Träger dieser Tattoos. Da sehe ich den Bosch, den Dürer, da sehe ich Wagner und Drag und denke, dass ich gerade nicht der Mensch bin, der diese Tattoos trägt. Nicht, weil ich sie bereue, nicht, weil ich sie ändern möchte. Sondern weil sie eine Vorstellung von mir sind, der ich nicht immer gerecht werden kann. Das ist nicht schlimm. Denn anders als ein Kleidungsstück, in dem ich mich besonders wohl fühle, das ich aber nicht immer anziehen mag, weil es vielleicht zu laut, zu auffällig ist, kann ich die Tattoos nicht in den Schrank legen. Genau deshalb sind sie mir auch so wichtig. Sie erinnern mich jeden Tag daran, was in meinem Leben war. Und sogar daran, was noch sein kann, auch wenn sich das manchmal unheimlich anfühlen kann.

Im Fitnessstudio, nach längerer Pause. Mit frischen Tattoos soll man schließlich keinen Sport machen. Ich spüre die Blicke auf mir. Sie schauen auf meine Brust, meine Arme, meinen Schenkel. Auf Stellen meines Körpers, die mir so lange unangenehm waren. Nun weiß ich, dass sie meine Tattoos anschauen. Wenn ich in die Oper gehe, sehe ich die Blicke auf meinem Hals, auf dem Dürer. Ich sehe, wie Menschen versuchen, dieses Bild zu deuten. Das ist schön – denn sie deuten jetzt nicht mehr meinen Körper.

Meine Haut ist nun überschrieben, von mir selbst und von den Menschen, die die Nadeln geführt und mein Leben verändert haben, Farbpigment für Farbpigment. Es sind Männer und Frauen, die selbst interessante Geschichten zu erzählen haben. Von ihren turbulenten Lebensläufen, ihren Problemen im Leben und ihren Freuden an der Körperkunst. Mit allen habe ich während des Stechens gesprochen, sie kennengelernt. Diese Menschen sind nun auch Teil meines Körpers, meiner Erzählung. Und jetzt erzähle ich meine Geschichte mit ihnen zusammen. Ein schönes Gefühl.

Weitere Themen

So bleibt es bei Hitze kühl im Haus Video-Seite öffnen

Tipps : So bleibt es bei Hitze kühl im Haus

Nachts lüften, Wasser verdunsten lassen und elektrische Geräte abschalten – mit einfachen Methoden lassen sich heiße Sommertage in den eigenen vier Wänden besser aushalten.

Topmeldungen

Eine Frau arbeitet während des Lockdown von zuhause aus.

Arbeitsrecht : Was Chefs in Corona-Zeiten dürfen

Sind Zwangstests auf Covid-19 erlaubt? Was gilt für brisante Daten? Können Kosten für das Homeoffice steuerlich abgesetzt werden? Hier finden Sie Antworten auf die wichtigsten Arbeitsrechts-Fragen in Bezug auf die Pandemie.

8:2-Gala gegen FC Barcelona : Alle Achtung, FC Bayern!

Die Münchner demütigen den einst so großen FC Barcelona mit Lionel Messi im Viertelfinale der Champions League. Das 8:2 erinnert an das deutsche 7:1 im WM-Halbfinale 2014. Doch für den FC Bayern hat die Sache nicht nur einen Haken.
43:56

Digitec-Podcast : Kampf um Tiktok

Präsident Trump droht mit Verbannung, Microsoft verhandelt eine Übernahme: Was aus der besonders unter Jugendlichen beliebten App wird, diskutieren wir mit Tiktok-Fachmann Adil Sbai.

Republikaner begehren auf : Amerika oder Trump!

Die härtesten Kritiker des Präsidenten finden sich in den eigenen Reihen. Konservative machen gegen ihn im Netz mobil. Ihre Botschaft ist eindeutig.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.