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Therapeutische Tattoos : Unter die Haut

  • -Aktualisiert am

Jeder Stich in die Haut ist Selbstempfinden

Für Katja war das Tätowieren ein Übermalen der Vergangenheit. Die Zeichen, die ihr Leben so lang bestimmt hatten, traten in den Hintergrund. Nie trug sie kurze Hosen, ihr Unterarm war immer verdeckt. Denn da waren die Narben – und mit ihnen die Blicke der Menschen, die sofort zu wissen glaubten, was los ist. „Das Tätowieren war jedes Mal ein Aufatmen, der Beginn eines neuen Abschnitts“, sagt Katja. Mit jedem neuen Tattoo fühlt sie sich etwas wohler, etwas mehr in ihrem Körper angekommen.

Die wunderbare Dragqueen Katya Zamolodchikova sagte einmal einen Satz, lapidar und nebenbei, doch er blieb hängen: „Tattoos make me more interested in having a body.“ Für Katja sind die Tattoos also ein Grund, sich für den Umstand zu interessieren, dass sie einen Körper hat. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab der Satz. Während gerade meine Hände auf der Tastatur liegen, um diesen Text zu schreiben, sehe ich nicht nur Hände und Arme. Ich sehe Bilder, sehe Farben, sehe meine Entscheidungen. Tattoos gehen unter die Haut. Tinte wird von vielen kleinen Nadeln unter die erste Hautschicht gebracht. Dort bleibt sie, auch wenn der Körper sie langsam abbaut – darum verändern sich Tattoos mit der Zeit. Die Farben werden blasser, die einst scharfen Striche werden sanfter. Sie verändern sich mit dem Körper.

Der rechter Oberarm unseres Autors ist inspiriert vom Festspielhaus in Bayreuth, in dem die Werke von Richard Wagner aufgeführt werden.

Durch diese vielen kleinen Nadeln habe ich mich mehr mit meinem Körper auseinandergesetzt. War er sonst eigentlich nur ein Ärgernis, dem mit Sport und Diät beizukommen war, wurde er mehr zu einer Sammlung von ganz unterschiedlichen Bildern und Diskursen. Was meinen Charakter formte, formt nun auch die Oberfläche, meine Haut, meinen Körper. Und auch wenn es oberflächlich klingen mag, Tattoos können auch verbinden – denn es ist immer augenscheinlich, worüber man sprechen kann. Es ist sprechende Haut, die einen zum Teil von etwas machen kann. Das ist ein Gefühl, das ich lange vermisste: dazugehören. Durch mein Übergewicht als Kind und Jugendlicher hatte ich wenig Vertrauen in Menschen, wenig Freunde. Das Gefühl, ausgeschlossen zu sein, begleitete einen großen Teil meines Lebens. Nun beschreibe ich meinen Körper mit Geschichten, mache mich selbst zu einer Erzählung, die auch viele Andere schildern können.

„Mein erstes Tattoo war eine besondere Erfahrung in Bezug auf die eigene Körperwahrnehmung, das Aushalten von freiwillig zugefügten Schmerzen“, sagt Daniel. Vor einigen Jahren wurde bei ihm Sarkoidose festgestellt. Eine Erkrankung des Bindegewebes, bei der sich Knoten unter der Haut bilden. „Ich hatte stark geschwollene Fußgelenke und Knoten überall am Körper“, sagt der Achtunddreißigjährige. Mit der Einnahme von Kortison bildeten sich die Knoten nach einigen Wochen wieder zurück. Trotzdem: „Das hat mich total aus der Bahn geworfen. Ich hatte das Gefühl von Kontrollverlust, gefolgt von Ängsten: Kommt das wieder? Wird das mein Leben verkürzen?“

Er ließ sich ein Tattoo stechen, auf der Innenseite des rechten Oberarms. Eine Musikkassette. Es kamen noch einige dazu. Auf dem rechten Fußknöchel ein Karton, aus dem die Ohren und der Schwanz einer Katze schauen. Auf dem linken Oberschenkel seine inzwischen verstorbene Katze, die ein Holzfällerhemd trägt. „Der Schmerz ist für mich Teil der Erfahrung. Ich habe die Kontrolle darüber, wie viel ich aushalten möchte – wie viel mute ich mir zu?“

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