https://www.faz.net/-hrx-9y0pa

Therapeutische Tattoos : Unter die Haut

  • -Aktualisiert am

Mein erstes Tattoo habe ich vor etwa zehn Jahren bekommen, da war ich Anfang 20 und gerade neu in Berlin. Ein Baum, aus dem Booklet meiner Lieblingssängerin Tori Amos, am linken Oberarm. Ein großer Fehler. Der Tätowierer war schlecht, das Motiv nicht unbedingt geeignet für ein Tattoo, zu grob und zu schwarz. Jahre später hat ein anderer Tätowierer das Tattoo überstochen, feiner gemacht, Details hinzugefügt. Tätowieren ist auch ein Lernprozess, eine Auseinandersetzung mit dem, was geht und was man möchte. Heute habe ich mehrere Motive von Hieronymus Bosch auf meinem rechten Unterarm. Alle aus dem „Garten der Lüste“, einem Gemälde, das ich während meines Studiums der älteren deutschen Literatur stundenlang betrachtet habe, um jede noch so kleine Szene des Bilds zu dechiffrieren.

Auf der linken Brusthälfte habe ich eine große Krähe, daneben, auf der rechten Seite, eine Eule. Mein linker Unterarm ist die Szene einer Dragshow des Künstlers Taylor Mac, der letztes Jahr in Berlin auftrat. Mein rechter Oberarm ist inspiriert vom Festspielhaus in Bayreuth, in dem die Werke von Richard Wagner aufgeführt werden. Mein Hals ist ein Ausschnitt aus „Melencolia 1“ von Albrecht Dürer – der Komet, der auf die Erde stürzt. Und auf der linken Seite des Halses findet sich das Gesicht von Candy Darling, einer Transkünstlerin, die zeitweise zum Kreis um Andy Warhol gehörte.

Den „Garten der Lüste“ betrachtete er während seines Studiums stundenlang: Heute hat er mehrere Motive von Hieronymus Bosch auf seinem rechten Unterarm.

Tattoos, die für Stärke stehen

Das alles sind Bilder und Szenen, die mein Leben geprägt haben. Candy Darling zum Beispiel ziert das Cover eines Albums von Antony and the Johnsons, das ich intensiv gehört habe. In Bayreuth war ich schon zweimal, einmal für „Die Walküre“, einmal für den gesamten „Ring“. Wagners Musik begleitet mich schon seit Jahren, wühlt mich auf, verändert mich. Und wenn ich an Dürer denke, denke ich an das Seminar über Melancholie – und wie mich diese Zeit während meines Studiums bewegt hat.

Ich erinnere mich aber auch noch an ein anderes Bild. Ein Foto, das in meinem Klassenzimmer hinten an der Wand hing. Aufgenommen wurde es während der Klassenfahrt in Südtirol. Ich, als dicker Junge, kaum in der Pubertät, knallrot nach einer Wanderung. Freilich wussten Schüler und Lehrer, dass mich das Bild demütigen würde. Aber es hing da. Und von dem Tag an wurde ich noch stärker gemobbt als vorher. Mir wurde an die Brüste gegriffen, die ich als dicker Junge nun mal hatte. Und man erfand Spitznamen für mich, Schnitzel war einer davon.

Ich erinnere mich, dass das ein weiterer Moment war, der mich von meinem Körper getrennt hat. Der es mir unmöglich machte, das zu mögen, was ich da mit mir herumschleppte. Es würde Jahre dauern, bis mein Körper mir wieder näher gekommen war. Auch durch Tattoos.

Der Körper, der einst ein Ärgernis für unseren Autoren war, wurde durch die Tattoos zu einem Sinnbild für seine Lebensentscheidungen.

Katja ritzte sich mehr als drei Jahre lang, von 15 bis 18. Ihre Mutter, psychisch krank, verletzte sich selbst, schlug ihren Kopf gegen die Wand und sagte zu Katja, dass sie komisch sei, anders, dick. „Das Ritzen war ein Ventil für mich“, sagt sie. „Kurze Zeit konnte ich selbst den Schmerz kontrollieren, jeder Schnitt fühlte sich ein bisschen an wie Selbstbestimmung.“ Heute, mit 26 Jahren, ritzt sie sich zwar nicht mehr, aber die Narben sind noch da. Vor vier Jahren hat sie sich ihr erstes Tattoo stechen lassen. Ein Frauenkopf auf dem linken Oberschenkel, der einen dicken Eisenohrring trägt. Dahinter ein Wal, der das Bein herabschwimmt. „Beide drücken Stärke für mich aus“, sagt Katja. Auf dem anderen Oberarm hat sie ein Sonnensystem, das ihr zeige, wie klein wir alle eigentlich seien, die ganzen Probleme eigentlich gar nicht so wichtig. Ihren linken Unterarm ziert ein Blumenstrauß, „der hat etwas Positives, Luftiges.“

Weitere Themen

Sarrazins weiter Weg Video-Seite öffnen

SPD Parteiausschluss : Sarrazins weiter Weg

Die SPD-Bundesschiedskommission berät über einen Ausschluss des umstrittenen Mitglieds Thilo Sarrazin. Wie die Kommission sich auch entscheidet, der Autor hatte bereits ankündigt, notfalls durch alle Bundesinstanzen gehen zu wollen.

Topmeldungen

Libanon : Deutsche Diplomatin bei Explosion in Beirut getötet

Bei der verheerenden Explosion in der libanesischen Hauptstadt Beirut ist auch eine Mitarbeiterin der deutschen Botschaft getötet worden. Außenminister Maas zeigte sich bestürzt: „Unsere schlimmste Befürchtung hat sich bestätigt.“

Hiroshima 1945 : Acht Zeitzeugen über Krieg und Kapitulation

Zum ersten Mal wurde am 6. August 1945 eine Atombombe in einem Krieg eingesetzt. In Hiroshima wurden mehr als hunderttausend Menschen getötet – unter Trümmern, im Feuersturm oder durch Verstrahlung. Acht Japaner über ihr Leben im Krieg, die Bombe und die Kapitulation des Kaisers.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.