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Two Of A Kind

Von CHRISTIANE HEIL
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3. Oktober 2022 · Maria Riva, die einzige Tochter von Marlene Dietrich, wuchs im Schatten der Diva auf. Heute, mit 97 Jahren, hat sie für vieles im Leben ihrer Mutter Verständnis. Aber nicht für alles.

In Hollywood, sagt man, gibt es mindestens so viele kaputte Beziehungen zwischen Eltern und Kindern wie unter Ehepartnern. Vielleicht sogar mehr. Elizabeth Taylor, die erste Berühmtheit des amerikanischen Films, erinnerte sich an regelmäßige Schläge ihres Vaters, während sie als Zehnjährige für „Lassie Come Home – Heimweh“ vor der Kamera stand. Lange bevor das Wort Dysfunktionalität in Hollywood Einzug hielt, erschütterte auch Tatum O'Neals Beziehung zu ihrem Vater Ryan O'Neal die Fans. Der alternde Schwiegermutterliebling, so warf die Schauspielerin ihm vor, habe sie durch Vernachlässigung und Wutausbrüche nicht nur in die Drogensucht getrieben. Als Tatum O'Neal im Alter von zehn Jahren für ihre Rolle als altkluge Addie Loggins in „Paper Moon“ mit einem Oscar belohnt wurde, habe ihr Vater auch die Preisverleihung boykottiert – aus Missgunst. Ryan O'Neal, der in Peter Bogdanovichs Roadmovie neben seiner Tochter den Trickbetrüger Moses Pray spielte, war damals nicht für einen Goldritter nominiert worden.

Auch das Verhältnis zwischen Alec Baldwin und seiner Tochter Ireland, inzwischen 26 Jahre alt, galt jahrelang als getrübt. Die Telefontirade, in der Baldwin sie 2007 während der Scheidungsstreitigkeiten mit Kim Basinger als „gedankenloses kleines Schwein“ beschimpfte, kostete den Golden-Globe-Preisträger damals das Besuchsrecht. Nach einem Aufenthalt in einer Entzugsklinik, um ihr „emotionales Trauma“ zu verarbeiten, vergab Ireland Baldwin ihrem Vater. Elizabeth Taylor erklärte die Gewaltexzesse ihres Vaters später mit dessen Alkoholsucht. Und selbst Hollywoods krisengeschütteltes Vater-Tochter-Gespann O'Neal gelang gelegentlich die Versöhnung, zumindest bis zur nächsten Auseinandersetzung.

Marlene Dietrich mit Töchterchen Maria, genannt Heidede.
Marlene Dietrich mit Töchterchen Maria, genannt Heidede. Foto: akg-images

Maria Riva, Marlene Dietrichs einziges Kind, tut sich dagegen bis heute schwer. Die Siebenundneunzigjährige hatte vor 30 Jahren mit ihrer Biographie „Meine Mutter Marlene“ am Image der wenige Monate zuvor verstorbenen Filmdiva gekratzt. Dietrich, so ließ die Schauspielerin Riva damals wissen, sei kalt, unnahbar und rücksichtslos gewesen. „Im Alter von drei Jahren wusste ich genau, dass ich keine Mutter hatte“, fasste Riva ihre Vorwürfe zusammen. „Ich war das Eigentum einer Königin.“

Heute gibt sie sich großmütiger. „Wir alle haben unsere Schwächen, Unzulänglichkeiten und Fehler. Das ist nur menschlich“, schreibt die Siebenundneunzigjährige der F.A.Z. aus Palm Springs, wohin sie sich nach ihrem Abschied aus Hollywood zurückgezogen hat. Drei in ihren E-Mails nur angedeutete „Ereignisse“, die sie 1992 in ihren Erinnerungen an Dietrich festhielt, will Riva aber auch Jahrzehnte später nicht von der Liste der Verfehlungen streichen. „Meine Mutter war eben, wie sie war“, teilt sie vage mit und schickt die Interviewerin auf Spurensuche.


„Ich war ihr Produkt, sie wollte mich immer an ihrer Seite haben.“
MARIA RIVA

Als „Dietrich“, wie die Deutsch-Amerikanerin ihre Mutter nennt, im Frühjahr 1930 nach Hollywood kam, empfing sie der Regisseur Josef von Sternberg mit einem Blumenstrauß und einem flaschengrünen Rolls-Royce Phantom. Zwei Wochen zuvor hatte die Tragikomödie „Der Blaue Engel“, einer der ersten Tonfilme mit der Schauspielerin in der Rolle der Sängerin Lola Lola, in Berlin Premiere gefeiert. Da der gebürtige Österreicher von Sternberg, der als Kleinkind mit seinen Eltern nach New York ausgewandert war, den Film gleichzeitig in Deutsch und in Englisch gedreht hatte, wurden Dietrichs Titel „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“ und „Ich bin die fesche Lola“, übersetzt als „Falling in Love Again (Can’t Help It)“ und „They Call Me Naughty Lola“, bald auch in ihrer neuen Heimat bekannt. Während Dietrich in Los Angeles eine Villa bezog, blieb Riva bei ihrem Vater Rudolf Sieber in Berlin. Den Regieassistenten hatte Dietrich 1922 bei den Dreharbeiten zu Joe Mays Stummfilm „Tragödie der Liebe“ kennengelernt. Ein Jahr später heiratete das Paar, im Dezember 1924 brachte die Schauspielerin kurz vor ihrem 23. Geburtstag die Tochter Maria Elisabeth zur Welt. Dass für „das Kind“, wie Dietrich und Sieber ihren Nachwuchs nannten, kaum Zeit blieb, schreibt Peter Riva, Maria Rivas Sohn, Marlenes Ehrgeiz zu. „Sie hat besonders in den Zwanzigern sehr, sehr hart gearbeitet“, sagt der Zweiundsiebzigjährige der F.A.Z. „Sie wollte um jeden Preis eine erfolgreiche Schauspielerin werden.“

Maria Riva wollte ihr Familienleben bewusst anders gestalten, als sie es selbst mit ihrer Mutter und ihrem Vater Rudolf Sieber erlebt hatte (um 1931).
Maria Riva wollte ihr Familienleben bewusst anders gestalten, als sie es selbst mit ihrer Mutter und ihrem Vater Rudolf Sieber erlebt hatte (um 1931).

Nach dem Umzug nach Hollywood, mit einem Vertrag mit der Filmproduktionsgesellschaft Paramount Pictures, war ihr die Schauspielerei aber nicht mehr genug. „Marlene wollte mehr, sie wollte eine Persona schaffen.“ In den nächsten Jahren gelang ihr das wie keiner anderen. Auf dem Weg von der vermeintlich deutschen Hausfrau zum Weltstar nahm Dietrich ab, zupfte sich die Augenbrauen noch schmaler und überraschte das amerikanische Publikum mit einem androgynen Look aus Hose, Hemd und Krawatte. Von Sternberg, der auch das Bett seiner Entdeckung teilte, setzte sie dabei ins rechte Licht. Ihre eher breite Nase, die sie immer wieder mit dem Hinterteil einer Ente verglich, wurde durch seine kunstvoll orchestrierte Beleuchtung schmaler. Die Schatten, die der Regisseur auf Dietrichs Wangen legte, ließen ihr Gesicht fragil scheinen.

Schon die erste gemeinsame Hollywood-Produktion, das Liebesdrama „Marokko“, machte sie in den Vereinigten Staaten zum Star. Für den Part der Nachtclubsängerin Amy Jolly, die sich in den von Gary Cooper gespielten Fremdenlegionär Tom Brown verliebt, nominierte die Academy of Motion Pictures Arts and Sciences (AMPAS) sie 1931 für einen Oscar. Um sich Besuchern auch zu Hause von der vorteilhaftesten Seite zu präsentieren, ließ die Selfmade-Diva in der Eingangshalle ihrer Villa am Birchwood Drive in Westwood filmtaugliche Scheinwerfer installieren. „Mit ihrem Perfektionismus trieb sie das Studio zum Wahnsinn“, sagt Enkel Peter Riva. „Jede Kostümprobe wurde zum Kampf mit der Kostümbildnerin.“

Meist waren alle Blicke auf Marlene Dietrich gerichtet.
Meist waren alle Blicke auf Marlene Dietrich gerichtet. Foto: Laif

Dabei sei es ihr gar nicht um Eitelkeit gegangen. „An Prominenz lag ihr nichts. Die hat sie nie interessiert.“ War sie dann in Hollywood nicht an der falschen Adresse? Heute, sagt Peter Riva im Arbeitszimmer seiner Ranch in New Mexico, hätte Dietrich tatsächlich nicht gut zur amerikanischen Filmindustrie gepasst. „Aber früher setzten die Studios auf genau die Perfektion und Disziplin, die auch sie forderte.“

Während „The Dietrich“ im Rampenlicht badete und mit von Sternberg die Filme „Entehrt“, „Shanghai-Express“, „Blonde Venus“, „Die scharlachrote Kaiserin“ und „Der Teufel ist eine Frau“ drehte, fristete ihre Tochter Maria ein einsames Dasein. Riva erinnert sich, wie sie nach dem Umzug von Berlin nach Amerika als Assistentin ihrer Mutter in den Paramount-Studios arbeitete. Während andere Kinder zur Schule gingen und die Nachmittage mit Freunden verbrachten, half sie Dietrich bei der Garderobe, begleitete sie zum Set, erledigte Botengänge.

„Ich war ihr Produkt, sie wollte mich immer an ihrer Seite haben“, erinnerte sich Maria Riva nach dem Tod ihrer Mutter. „Da mein Gehirn nie durch normale Dinge wie Schule, Freunde und Geburtstagsfeiern abgelenkt wurde, war ich wie ein unbeschriebenes Stück Papier, auf dem nur das stand, was Dietrich sagte, was Dietrich dachte. Ich gehörte ihr, und sie sprach mit mir, als ob sie laut mit sich selbst sprechen würde.“

Das Aufwachsen an Filmsets prägte Riva. Nach einer kleinen Rolle neben ihrer Mutter in dem Historienfilm „Die scharlachrote Kaiserin“, in dem die damals Neunjährige 1934 die junge Katharina die Große spielte, nahm sie Schauspielunterricht. Zu „Papi“, wie Riva ihren Vater Rudolf Sieber nennt, ging sie auf Distanz.


„Ich gehörte ihr, und sie sprach mit mir, als ob sie laut mit sich selbst sprechen würde.“
MARIA RIVA

Der Regieassistent und Drehbuchautor lebte damals längst mit Tamara Matul zusammen. Die junge Russin hatte Dietrich und ihre Familie vor dem Abschied aus Europa in Berlin kennengelernt. Offiziell das Kindermädchen, inoffiziell Siebers Lebensgefährtin, bot „Tami“ alles, was Riva bei Dietrich nicht fand: Zuneigung, Aufmerksamkeit, Wärme. „Marlene, Papi, Maria und Tami gaben sich als Familie aus. Das nahm ihnen aber niemand ab. Papi nutzte sie als Geliebte“, bestätigt Peter Riva die Gerüchte über die für Matul schwierigen Jahre. Immer wieder wurde „Tami“ von Sieber schwanger, immer wieder verlangte er, dass sie abtrieb. Peter Riva berichtet von drei Schwangerschaftsabbrüchen, Dietrich-Biographen zählten 15 Abtreibungen oder mehr. „Sie war ein echter Mensch“, sagt er, „sie litt.“

Für seine Mutter wurde „Tami“ zur Vertrauten, dem „einzigen Menschen“, für den sie in Kindheit und Jugend Gefühle hegte. Wie Maria Riva schreibt, stellte Dietrich die zunehmend psychisch angeschlagene Matul mit Medikamenten ruhig. Dass „Tami“ 1956 nach fast 37 Jahren an Siebers Seite allein in einer Nervenklinik starb, gehört wohl zu den drei „Ereignissen“, die Riva ihrer Mutter bei aller Altersmilde bis heute nicht verziehen hat.

Die sexuellen Eroberungen, durch die Dietrich schon in den ersten Monaten in Hollywood für Klatsch sorgte, berührten Riva nicht. Während der Dreharbeiten zu „Marokko“ kam ihre Mutter ihrem Ko-Star Gary Cooper näher. Ihm folgte das Who’s Who der kalifornischen Unterhaltungsindustrie. Der Schauspieler John Gilbert, wegen seiner Affären auch als „The Great Lover“ bekannt, teilte ebenso mit ihr das Bett wie James Stewart, Yul Brynner, Frank Sinatra, Ernest Hemingway, Jean Gabin und Kirk Douglas. Private Filmaufnahmen zeigen Dietrich bei einem Bootausflug in den Dreißigern – mit Tochter Maria, Ehemann Sieber und Douglas Fairbanks Jr., ihrem damaligen Liebhaber. Ihre Abenteuer, bis zu drei an einem Tag, vermerkte sie in einem Notizheft. Auch mindestens einen Kennedy, John Fitzgerald, soll Dietrich intimer kennengelernt haben. Der Sex mit Männern, schreibt Maria Riva in der Biographie „Meine Mutter Marlene“, war ihr dabei nicht wichtig: „Er war vor allem ein Mittel, sie zu kontrollieren und zu manipulieren.“

Im Jahr 1937: Marlene Dietrich (links) mit einer Freundin in Paris
Im Jahr 1937: Marlene Dietrich (links) mit einer Freundin in Paris Foto: Collection Dupondt / akg-images

Bei Frauen sah es anders aus. Die Diva, die schon während ihrer Anfänge als Revuetänzerin und Theaterschauspielerin in Berlin keinen Hehl aus ihrer Bisexualität gemacht hatte, trat in Hollywood dem „Nähkreis“ bei. In der Goldenen Ära der Filmenklave, in der Studios wie Paramount, Warner Brothers und 20th Century Fox öffentliche Ausschweifungen ihrer Stars durch Moralklauseln in den Verträgen bremsten, versammelten sich lesbische und bisexuelle Schauspielerinnen regelmäßig zu gemeinsamen Mittagessen, Unterhaltungen und dem, was die Autorin Diana McLellan „Möglichkeiten“ nennt. Dem berüchtigten „Sewing Circle“ gehörten auch die mexikanische Filmschauspielerin Dolores del Río an, damals Ehefrau des künstlerischen Leiters bei Metro-Goldwyn-Mayer, Cedric Gibbons, die New Yorker Schriftstellerin Mercedes de Acosta, die Darstellerin Joan Crawford („Menschen im Hotel“) und Greta Garbo. Die Scheinehe ihrer Eltern stellte für Maria Riva ebenso wenig ein Problem dar wie der Umstand, dass Dietrich mit Männern und Frauen schlief. „Für mich war das normal“, erinnert sich die gebürtige Berlinerin. „Als Kind lernt man durch das, was man sieht. Und da das für mich immer gleich blieb, bereitete es mir auch keine Probleme.“

Die Begegnung mit einer lesbischen Nanny, die Dietrich laut Rivas Biographie für ihre Tochter anheuerte, wurde aber zum Trauma. Ob der sexuelle Missbrauch der damals Dreizehnjährigen ihr mehr zusetzte als die Reaktion der Mutter, als sich das Mädchen ihr anvertraute, bleibt offen. „Jetzt hast du es doch hinter dir. Du bist nicht tot, also finde dich damit ab“, soll Dietrich ihrer Tochter entgegengeworfen haben – ein Schock und das zweite „Ereignis“, das Riva ihr bis heute nachträgt. Auf der Flucht vor sich selbst begann sie als Siebzehnjährige zu trinken. Kurz nach dem 19. Geburtstag heiratete Riva den Schauspieler Dean Goodman. Obwohl die Ehe schon 1946 zerbrach, beschreibt sie die Verbindung als Beginn eines besseren Lebens. Goodman habe ihr geholfen, sich von Ballast zu befreien. Womöglich meint sie damit auch das Verhältnis zu ihrer Mutter.

Am 4. Juli 1947 heiratete Maria Riva in New York den Musical-Designer William Riva.
Am 4. Juli 1947 heiratete Maria Riva in New York den Musical-Designer William Riva. Foto: Picture Alliance

Wie Marlene Dietrich, die 1939 amerikanische Staatsbürgerin wurde, meldete sich Riva während des Zweiten Weltkriegs zur Truppenbetreuung der United Service Organizations (USO). Dietrich nutzte die Popularität in ihrer Wahlheimat derweil für den Verkauf von Kriegsanleihen. Ihr Enkel Peter Riva beschreibt, wie sie damals in Kalifornien von Dorf zu Dorf tingelte, um die berühmten War Bonds anzupreisen. Sie sang, schüttelte Hände und sammelte Millionen. Clark Gable, der heimliche König in Hollywood, soll sich wiederholt beschwert haben, dass sie mehr Anleihen verkaufte als er. In den Jahren 1943 bis 1946 absolvierte Dietrich mehr als 500 Auftritte vor Soldaten der Alliierten – in Italien, Frankreich, Großbritannien und auf weiteren Kriegsschauplätzen, fast immer mit dem melancholischen Titel „Lili Marleen“, oft mit dem Comedian Danny Thomas. „Danny lieferte die Witze, sie den Sex“, sagt Maria Riva. Thomas erinnerte sich nach Kriegsende gern daran, wie Dietrich sich unermüdlich auf die Suche nach Soldaten mit einem Bedürfnis nach Ablenkung machte. „Marlene hat nichts ausgelassen, um uns in Gefahr zu bringen“, witzelte der Sidekick der unerschrockenen USO-Frontfrau immer wieder.

Zu Hause half Dietrich in der „Hollywood Canteen“ aus. Wie ihre Schauspielkollegen Bette Davis, Lauren Bacall und einige Dutzend weitere Stars putzte, sang und kochte sie in dem Restaurant am Cahuenga Boulevard für Soldaten auf Heimaturlaub. „Meine Mutter liebte es zu kochen, sie war eine gute Köchin. Ihre Rinderbrühe galt als Allheilmittel. Sie bereitete sie für jeden zu, der sich nicht gut fühlte“, erinnert sich Maria Riva. Gelegentlich hielt Dietrich mit ihren „Boys“, wie sie die GIs nannte, auch Händchen oder drückte ihnen einen Kuss auf die Wange. Dass sich einige Amerikaner an dem Einsatz einer Deutschen für die Soldaten störten, ignorierte sie. „Marlene war die Tochter eines Soldaten mit den entsprechenden Werten“, sagt Peter Riva. „Der Rest war ihr egal.“

Nach ihrer Heirat begann für die Tochter Marlene Dietrichs das, was sie „ihr Leben“ nennt – unter anderem als Schauspielerin für Fernsehsender.
Nach ihrer Heirat begann für die Tochter Marlene Dietrichs das, was sie „ihr Leben“ nennt – unter anderem als Schauspielerin für Fernsehsender. Foto: Getty

Nach dem Sieg der Alliierten über Hitler-Deutschland wurde Dietrich, die das europäische Kriegsgebiet nach Erzählungen des Oscar-Preisträgers Billy Wilder häufiger besucht hatte als General Dwight D. Eisenhower, für die Medal of Freedom vorgeschlagen. Vor der Zeremonie im Weißen Haus holten sie aber ihre sexuellen Eskapaden ein. „Präsident Truman und seine Frau waren peinlich berührt. Sie lehnten Dietrichs Lebensstil ab“, sagt ihr Enkel. Die Verleihung der Freiheitsmedaille, eine der höchsten zivilen Auszeichnungen der Vereinigten Staaten, fiel damals an der Pennsylvania Avenue aus. Truman überließ die Ehrung 1947 Generalleutnant James Maurice Gavin. Dietrich kannte den als Frauenheld berüchtigten Offizier schon von ihren Besuchen in Europa, als sie mit ihm eine kurze, stürmische Affäre hatte.

Nach Jahren als Hollywoods Stilikone, Sexsymbol und Großverdienerin wurde es dann ruhiger um „The Dietrich“. Schon nach der privaten und beruflichen Trennung von ihrem früheren Mentor von Sternberg Mitte der Dreißigerjahre hatten Filme wie David O. Selznicks „Der Garten Allahs“ oder das britische Historiendrama „Knight Without Armour“ mit ihr in der Hauptrolle weniger Besucher ins Kino gezogen. In Stanley Kramers Gerichtsfilm „Urteil von Nürnberg“, dessen deutsche Version im Dezember 1961 in Berlin uraufgeführt wurde, übernahm sie neben Maximilian Schell, Spencer Tracy und Burt Lancaster ihren letzten großen Part. Eineinhalb Jahre zuvor, bei Dietrichs erstem Besuch in ihrer Geburtsstadt nach dem Krieg, war ihr neben Begeisterung auch Ablehnung entgegengeschlagen. „Mindestens eine Hundertschaft Polizei musste die An- und Abfahrt Marlene Dietrichs schützen“, schrieb der „Tagesspiegel“ damals über die Stimmung vor dem Titania-Palast in Steglitz. „Noch fast eine Stunde nach Schluss der Vorstellung schwenkten propre Mädchen und sehr aufrechte Jünglinge unverdrossen ihre Pappkartons mit dem aufgemalten ,Marlene, go home‘. Ein Team der Allertapfersten schnaubte vor sich hin, dass sie ,sich doch nur raustrauen solle – man werde es der Verräterin schon zeigen‘.“

Joseph Goebbels‘ Versuch, Dietrich 1936 aus Hollywood zurückzuholen, um sie zum Gesicht nationalsozialistischer Propaganda zu machen, hatte sie zur Enttäuschung vieler ehemaliger Landsleute ausgeschlagen. Bei aller Kritik an ihrer Mutter lernte Maria Riva deren Geradlinigkeit zu schätzen. „Wenn ich eines von ihr gelernt habe, dann ist es, an sich selbst zu glauben und alles zu tun, um anderen zu helfen“, schreibt sie. „Und: pflichtbewusst zu sein.“

Im Mai 1951: Maria Riva bei Dreharbeiten für eine CBS-Fernsehserie im Studio.
Im Mai 1951: Maria Riva bei Dreharbeiten für eine CBS-Fernsehserie im Studio. Foto: Getty

Nach dem Freiwilligendienst für die USO traf Dietrichs Tochter Ende der Vierzigerjahre ihren zweiten Ehemann, den Musical-Designer William Riva. Mit ihm, erinnert sie sich, begann das, was sie „mein Leben“ nennt. Für den Fernsehsender CBS stand sie von 1951 an als Stammschauspielerin vor der Kamera und war in Produktionen wie „The Milton Berle Show“, „Studio One“ und „Hallmark Hall of Fame“ zu sehen. Bill Paley, der CBS von einem kleinen Radiosender zu einem der wichtigsten Medienunternehmen machte, lobte Maria Riva damals als seine Lieblingsschauspielerin: „Sie ist immer perfekt und beherrscht jede Rolle.“ Der Drang ihrer Mutter zu vollem Einsatz und Disziplin, den Riva als Kind in den Studios der Paramount Pictures beobachtet hatte, schien auf sie abgefärbt zu haben. Dass sie nach Anfängen im Theater nicht wie Dietrich zum Film ging, sondern das Fernsehen wählte, gab ihr dagegen das Gefühl, etwas Eigenes erreicht zu haben. Auch in ihrem Familienleben emanzipierte sie sich.

Maria Riva brachte in New York vier Söhne zur Welt: John Michael, Peter, Paul und David. Sie nahm sich vor, alles anders zu machen als Dietrich. „Meine Mutter kopierte den Erziehungsstil ihrer Mutter, einer preußisch-viktorianischen Dame. Ich entschloss mich, meine Mutter als Beispiel für das zu nehmen, was ich nicht tun wollte“, erinnert sich Riva. Marlene Dietrich ließ sich dennoch als „Hollywoods glamouröseste Großmutter“ feiern.

Marlene Dietrich wurde bald „Hollywoods glamouröseste Großmutter“ (um 1954 mit den Enkeln Peter und John Michael).
Marlene Dietrich wurde bald „Hollywoods glamouröseste Großmutter“ (um 1954 mit den Enkeln Peter und John Michael). Foto: Marlene Dietrich Collection Berlin

Rivas Vater, jetzt mehrfacher Großvater, lebte derweil zurückgezogen auf einer Hühnerfarm im San Fernando Valley, die Dietrich ihm gekauft hatte. Als ein Reporter der Zeitung „Milwaukee Sentinel“ Sieber Anfang 1960 aufspürte, berichtete der Ehemann der Diva von gemeinsamen Feiertagen mit Tochter und Enkeln auf der Farm. „Das hier ist Marlenes Zuhause“, zitierte der Autor den Zweiundsechzigjährigen. „Sie besitzt Wohnungen in New York und Paris. Aber wenn sie in Kalifornien ist, wohnt sie hier.“ Ob er Dietrich nach 35 Ehejahren immer noch liebe? „Mehr denn je“, versicherte Sieber. Und die Liebeleien mit dem Schriftsteller Erich Maria Remarque, ihrem „Lampenfieber“-Kollegen Michael Wilding und dem russisch-amerikanischen Verleger Iva S. V. Patcevitch? „Sie ist eine glamouröse Frau, und von einer glamourösen Frau wird erwartet, dass sie ununterbrochen von Romanzen umgeben ist.“ Wie viel Eintracht tatsächlich zwischen Dietrich und ihrem „Rudi“ herrschte, bleibt ein Geheimnis. Als Sieber 1976 in Sylmar bei Los Angeles starb, galt er als Dietrichs längst vergessener Ehemann.


„Ich entschloss mich, meine Mutter als Beispiel für das zu nehmen, was ich nicht tun wollte.“
MARIA RIVA

Ein Sturz von der Bühne in Sydney hatte die Karriere der Diva ein Jahr zuvor abrupt beendet. Nach dem Abschied von der Leinwand war sie seit Mitte der Fünfzigerjahre als Sängerin und Entertainerin durch die Welt gezogen. Ihre fast monotone Stimme bei Titeln wie „La Vie en Rose“ oder „Das Lied ist aus“ faszinierte das Publikum damals ebenso wie die mit Kristallen besetzten „Nude Dresses“, die der französische Kostümbildner Jean Louis ihr auf den Leib schneiderte. Nach einer Krebserkrankung fiel es Dietrich immer schwerer, ohne Alkohol und Medikamente auszukommen. Mit einem kleinen Part in der deutschen Produktion „Schöner Gigolo, armer Gigolo“ beendete sie 1979 auch ihre zweite Karriere und zog sich aus der Öffentlichkeit zurück. Für ihre Tochter und deren Kinder begann die Zeit schier endloser Telefonanrufe aus Dietrichs Wohnung an der Avenue Montaigne in Paris. Riva, die damals mit Mann und Söhnen zwischen der Schweiz und Amerika pendelte, erinnert sich an Anrufe zu jeder Tages- und Nachtzeit: „Wir telefonierten jeden Tag. Am Telefon verbrachten wir unsere gemeinsame Zeit.“ Nach einem Leben auf zwei Kontinenten schien Dietrich das Phänomen der Zeitverschiebung nicht mehr richtig zu verstehen: „Meine Kinder wurden zu den merkwürdigsten Zeiten von ihrer Großmutter in Paris angerufen.“

Im Jahr 1954: Maria Riva stand von 1951 an als Stammschauspielerin für den Fernsehsender CBS vor der Kamera. Ihre Mutter Marlene Dietrich trat von 1953 an fast ausschließlich als Sängerin und Entertainerin auf und faszinierte das Publikum mit ihrer fast monotonen Stimme.
Im Jahr 1954: Maria Riva stand von 1951 an als Stammschauspielerin für den Fernsehsender CBS vor der Kamera. Ihre Mutter Marlene Dietrich trat von 1953 an fast ausschließlich als Sängerin und Entertainerin auf und faszinierte das Publikum mit ihrer fast monotonen Stimme. Foto: Action Press

In ihrem Buch „Meine Mutter Marlene“ beschreibt Riva auch verletzende Gespräche mit der damals bettlägerigen Dietrich. Wie in den Jahren bei Paramount Pictures degradierte der einstige Star sie abermals zur Assistentin. Die Frage, wie es ihrer Tochter geht, kümmerte Dietrich laut Riva nicht. Das Unvermögen, ihre Tochter als eigene Persönlichkeit zu respektieren, stellt zwar kein Ereignis im eigentlichen Sinn dar. Eine – vielleicht unverzeihliche – Kränkung ist es allemal.

Am 6. Mai 1992 starb Marlene Dietrich im Alter von 90 Jahren in ihrer Wohnung in Paris. Die offizielle Todesursache lautete Herz- und Nierenversagen. Ihre Privatsekretärin Norma Bosquet vermutete eine Überdosis Tabletten – als Versuch, bis zum Schluss die Kontrolle zu behalten. „Meine Mutter hat die Marke Dietrich geschaffen“, sagt Maria Riva. „Sie war ihr eigenes Werk.“

Ein Mythos ruft an

In ihren letzten Lebensjahren verschanzte sich Marlene Dietrich in ihrer Wohnung in Paris und telefonierte nur mit wenigen Freunden. Einer von ihnen war unser freier Mitarbeiter Peter Bermbach, inzwischen 90 Jahre alt, der seit mehr als sechs Jahrzehnten in Paris lebt. Als Journalist war er viel unterwegs und oft nicht zu Hause, wenn seine alte Freundin anrief. Aber er hatte einen Anrufbeantworter, der die Nachrichten der Diva aus ihrer Wohnung an der Avenue Montaigne an Bermbach, der nur wenige Kilometer entfernt wohnte, aufnahm. 1984 hinterließ sie ihm die Bitte: „Seien Sie doch so gut und rufen Frau Dietrich an. Es ist jetzt Montag Viertel vor Fünf. Hier noch mal meine Nummer: 47 23 97 42.“ Oder: „Man weiß ja nicht: Sind Sie nur ausgegangen, oder sind Sie nicht im Lande? Sie sollten mich anrufen, bitte!“ Rief er zurück, redeten sie über Liebe und Hass, Deutschland und die Politik, Gott und die Welt. Gesehen hat Bermbach sie in dieser Zeit nie. Aber er besorgte ihr Essen und stellte es vor ihrer Tür ab oder legte ihr die Zeitschrift „Bunte“ hin. Und weil er so nett war, schickte sie ihm Hortensien oder viel zu viele Geranien, für die er auf seinem Balkon gar keinen Platz hatte. Bermbachs Geschichte und die Nachrichten von Marlene Dietrich, vor zehn Jahren erstmals bei uns erschienen, lesen Sie: hier

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Quelle: F.A.Z. Magazin

Veröffentlicht: 03.10.2022 15:23 Uhr