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Make-up im Kinderzimmer : Rote Lippen statt Babyface

Zwischen Zahnspange und Make-up: Mädchen treffen sich mit ihren Freundinnen, bestellen Pizza und geben auf Google „Eyeliner für Anfänger“ ein. Bild: plainpicture/Cultura

Junge Mädchen fangen immer früher an, sich zu schminken. Sie wollen aussehen wie Rihanna oder ein Youtube-Star. Eltern beunruhigt dieser Trend, von dem vor allem die Kosmetikindustrie profitiert.

          Ihre erste Wimperntusche hat sich Pana Grigoroudi mit 14 Jahren gekauft. Für 2,75 Euro. Das war die billigste, die es im Drogeriemarkt gab. Als Nächstes kaufte sie sich Make-up, um ihre Pickel abzudecken, dann einen Nagellack, schließlich einen Eyeliner. Fast ihr ganzes Taschengeld ging dafür drauf. Bald traf sie sich fast jeden Nachmittag mit ihren Freundinnen zum gemeinsamen gegenseitigen Schminken. Ihre Eltern durften davon nichts wissen. Sie fanden das zu früh. Vor Schulbeginn schminkte Pana sich also heimlich, nach der Schule beseitigte sie auf dem Nachhauseweg die Spuren mit einem Abschminktuch, obwohl ihr größtes Horrorszenario damals war: ungeschminkt sein. „Das war unvorstellbar. Ohne Schminke fühlte ich mich absolut hässlich.“

          Anke Schipp

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Sich zu schminken - das war früher mal erwachsenen Frauen vorbehalten. Kinder schminkten sich zum Spaß, so wie sie sich verkleideten. Heute führen ungeschminkte Mütter endlose Diskussionen mit ihren Töchtern, die schon in der Grundschule lackierte Nägel, eingefärbten Lippenbalsam und Wimperntusche tragen wollen. Fast mehr als die Kleidung ist Schminken zum Markenzeichen der Adoleszenz geworden, ein nicht zu übersehender Vorbote der Pubertät, die bei Mädchen ohnehin immer früher einsetzt.

          „Wenn Eltern es zuließen, würden Mädchen sich heute schon mit zwölf Jahren komplett schminken“, sagt Ursula Haas, die in Frankfurt die „Make-up-Artist School“ leitet und einen Laden für Profi-Kosmetikartikel führt. Dorthin kommen regelmäßig Mädchen, die wie Miley Cyrus oder Rihanna aussehen wollen. „Ich sage dann: Mit Schminke kann man vieles machen, aber nicht alles.“ Doch das perlt an den Mädchen ab. Haas hat es aufgegeben, sie darauf aufmerksam zu machen, dass das Make-up nicht zu ihrem Hautton passe. Oder der Puder ihre Haut trocken mache. Oder sie mit keinem Eyeliner der Welt wie Kim Kardashian aussehen würden. Die Mädchen wissen genau, was sie wollen. Und was sie nicht wollen. Zum Beispiel, dass ihnen Erwachsene reinreden.

          Es sei denn, es ist Bibi.

          Durch Schminktipps zum Youtube-Star

          „Hallo, meine Lieben!“ Die blonde junge Frau mit dem runden Gesicht und dem hellrosa Lippenstift winkt kurz in die Kamera. Dann plappert sie munter drauflos, als träfe sie gerade ihre beste Freundin auf dem Schulhof. Bibis Zielgruppe sind Mädchen, die zu Hause vor dem Computer sitzen und eigentlich ihre Hausaufgaben machen müssten. Aber natürlich finden sie es unterhaltsamer, Bibis Schminktipps auf Youtube zu verfolgen, als sich mit räumlicher Geometrie zu beschäftigen.

          Kim Kardashian: Viele junge Mädchen wollen aussehen wie sie und schminken sich entsprechend.

          Sie nennen sich „Bibinators“ und schreiben Kommentare wie: „Bibi, ich hab dich ganz doll lieb.“ Oder: „Bibi, wo hast du nur den tollen Nagellack her.“ Bibi albert rum, Bibi schminkt sich, Bibi macht Flechtfrisuren, Bibi macht Frühstück, Bibi blödelt mit ihrem Freund. Dabei ist Bibi alles andere als glamourös. Sie ist Durchschnitt. Sie sitzt in ihrer kleinen Wohnung vorm Ikea-Regal und spielt die beste Freundin, die sich nur ein bisschen besser beim Schminken auskennt.

          Bibi heißt eigentlich Bianca Heinicke, ist 22 Jahre alt und ist mit „BibisBeautyPalace“ Deutschlands erfolgreichster weiblicher Youtube-Star. Angefangen hat sie im Dezember 2012. Innerhalb eines Jahres gewann sie mehr als 200.000 Abonnenten, mittlerweile sind es mehr als 1,6 Millionen.

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