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Jane Richardson über Nars : „Oh, schauen Sie mal, was mir mit dem Mascara passiert ist“

Erklären, was man gerade tut: Jane Richardson trägt einer Kundin am Counter von Nars Make-up auf. Bild: Hersteller

Make-up-Artist Jane Richardson erklärt, warum Nars-Produkte wie ein gut sortierter Kleiderschrank funktionieren – und wie man Fehler beim Auftragen von Lidstrich und Lippenstift rettet.

          3 Min.

          „Irgendwo muss immer die Haut durchschimmern“, sagt Jane Richardson und schaut einen dabei mit einem Blick an, der in reiner Routine Haut, Teint und Make-up registriert. Jane Richardson arbeitet seit 18 Jahren als Makeup-Artistin für die französische Beauty-Marke Nars. Während sie ihre Arbeit erklärt, stellt sie in ihrem Kopf schon einen Plan auf, was man am Gesicht der Gesprächspartnerin mit ein paar Pinselstrichen unterstreichen und hervorheben könnte. „Eine Frau sollte sich niemals mit unserem Make-up maskiert fühlen“, sagt die Engländerin mit den feuerroten Haaren.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Am Vortag hat Jane Richardson deutschen Konsumentinnen Nars-Produkte vorgestellt. Heute hat sie schon früh an einem Fotoshooting mitgearbeitet und einem Model mit raspelkurzem weißblondem Haar verschiedene Looks geschminkt. Nun erklärt sie ihre Arbeit, sie sieht makellos aus, keine Spur von Stress im Gesicht. Lange bevor sie den Firmengründer François Nars kennenlernte, kannte sie seinen Stil. In ihrem Mädchenzimmer hingen Poster von Frauen mit heller Haut, dunkelrotem Lippenstift und androgyner Figur. „Heroin Chic“ nannte sich das Mitte der Neunziger. Erfunden hatte es unter anderem der französische Visagist, der damals mit Calvin Klein zusammenarbeitete. 1994 stellte er seine ersten eigenen Produkte bei Barneys in New York vor: zwölf Lippenstifte, die so stark nachgefragt wurden, dass er eine ganze Kollektion nachschob. Den provokanten Geist seiner Laufsteglooks behielt er auch für seine Produkte bei. So heißen Rouge-Nuancen „Orgasm“ oder „Deep Throat“ und Lippenstiftfarben „Sexual Healing“.

          „Ich entschied mich, alles aufzugeben“

          Richardson erinnert sich noch genau an ihre ersten Nars-Produkte. „Das waren zwei Eyeliner mit Perlmutt-Glitzer-Partikeln.“ An dem zeitlosen Verpackungsdesign, der schwarzen Box mit weißer Blockschrift, habe man bis heute nichts geändert. Die Liebe zu Make-up-Produkten hat Richardson von ihrer Mutter. „Sie war Avon-Verkäuferin. Ich war fasziniert von den kleinen Tüten und Proben und den Mini-Lippenstiften.“ Also machte Richardson eine Ausbildung zur Kosmetikerin: „Wir lernten Tages- und Abend-Make-up aufzutragen, was eine ganz blödsinnige Unterscheidung ist. Da merkte ich, dass ich eigentlich Visagistin und nicht nur Kosmetikerin werden wollte.“

          Doch diese Ausbildung war nur an Privatschulen möglich, und deren Gebühren konnte sie sich damals nicht leisten. Also eröffnete sie ihren eigenen Kosmetiksalon, spezialisierte sich auf manuelle Therapie und arbeitete mit Krebspatienten. Das Geschäft lief gut, doch der Wunsch nach mehr brannte weiter in ihr. „Ich war 26 Jahre alt und hatte mir meine Nische erarbeitet. Doch dann entschied ich mich, alles aufzugeben und steckte jeden Cent in die zweite Ausbildung.“

          Die Lippenstifte von Nars haben mitunter provokante Namen.

          Sie schrieb sich an der Delamar Academy in London ein, deren Abgänger damals viele Preise bekamen wie den Oscar für Make-up und Haarstyling. Mit dem Abschluss kamen Aufträge für Fernsehshows und Laufsteglooks, und eines Abends ein folgenreicher Cocktailempfang, bei dem ihr eine Stelle als Beraterin bei Nars angeboten wurde. „Ich dachte zunächst, das wäre für eine Weile ganz gut – und 18 Jahre später bin ich immer noch Beraterin hier“, sagt sie und lacht. Das Besondere an ihrer Arbeit? „Nars macht keine Makeover.“ Am Ende gebe es kein großes „Tadaa, das ist ihr neuer Look!“ Die Kundin solle vielmehr lernen, wie etwas aufgetragen und verwendet wird. Ein Ansatz der Marke ist das „Wardrobing“: „Man betrachtet Make-up so wie seinen Kleiderschrank: Es gibt Basics – für François Nars ist es der Black-Moon-Eyeliner, sowie je ein weiterer Eyeliner in Braun und Grau und eine Foundation, die zum Hautton passt. Lidschatten oder Lippenstift können noch so toll sein – wenn der Teint fahl aussieht, wirken die nicht. Diese Produkte sind die Grundlagen. Dann gibt es die modernen Klassiker. Dafür sollte man wissen, welche Farbe einem auf den Augen und Lippen am besten steht, denn die ist zeitlos. Und wenn man das beisammen hat, gibt es die Accessoires. Das sind die Dinge, die sich ändern können und mit denen man rumspielt.“

          „Schauen Sie mal, was mir mit dem Mascara passiert ist.“

          Und gerade hier sieht Jane Richardson ein Problem: Die Accessoires seien immer die Produkte, die sich am Boden der Kosmetiktasche finden, weil man sie nicht oft benutzt. „Viele Frauen tendieren dazu, sie aus einem Impuls heraus zu kaufen. Dann tragen sie diese am nächsten Morgen auf, machen dabei irgendeinen Fehler, finden das Ergebnis furchtbar und benutzen das Produkt nie wieder.“ Der Grund dafür? „Ihnen wurde nie richtig erklärt, wie man diese Produkte benutzt.“ Jane Richardson erzählt, dass sie bei ihren Seminaren den Make-up-Artists am Counter immer erklärt, dass sie den Kundinnen beim Auftragen der Produkte erklären müssen, was sie gerade tun. Das helfe auch dabei, wenn man selbst kleine Fehler mache: „Oh, schauen Sie mal, was mir hier mit dem Mascara passiert ist. Ich zeige Ihnen, wie Sie das wegbekommen, wenn Ihnen das mal passiert.“

          Viele Frauen hätten keinen Spaß an Make-up, weil sie glauben, es gebe so viele Regeln, die man nicht kenne. Aber Make-up sei ja kein Tattoo: „Man kann es wieder entfernen, also nimm das alles nicht so ernst!“ Die beste Zeit zum Herumexperimentieren sei am Abend, bevor man sein Make-up entfernt. „Da kann man schauen, wie sich ein Lidschatten oder Eyeliner verwischen lässt oder ob man ihn mit einem speziellen Pinsel verblenden muss.“

          Und was gibt ihr sofort Selbstbewusstsein? „Roter Lippenstift, den habe ich immer dabei. Man fühlt sich damit augenblicklich glamourös und sieht wach aus. Selbst wenn man gerade einen zwölfstündigen Flug hinter sich hat.“ Und dann beugt sich Richardson doch noch kurz näher ans Gesicht der Gesprächspartnerin und erklärt, was man mit ein paar Pinselstrichen unterstreichen könnte. „Das ist bei mir wie eine App – das läuft alles irgendwie automatisch im Hinterkopf ab.“

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