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Neue Männer : Nicht alle können Alphas sein

Unmännlich? Ein junger Mann schminkt sich. Ein Foto aus der Ausstellung „Masculinities“. Bild: 1987 The Peter Hujar Archive LLC

Das Klischeebild eines Mannes ist geprägt von Stärke, Risikobereitschaft und körperlicher Überlegenheit. Doch die meisten Männer entsprechen diesem Bild nicht. Das hat Folgen.

          6 Min.

          Wann ist ein Mann ein Mann? Diese Frage hatte Herbert Grönemeyer 1984 nicht erfunden. Doch scheint sie auch 36 Jahre später immer noch nicht hinreichend geklärt, dafür aber umso aktueller zu sein. Zumindest beschäftigen sich gerade viele Filme, Bücher und auch Ausstellungen mit der Frage, was genau es denn bedeutet, ein Mann zu sein. Wenig überraschend: Darauf kann es keine eindeutige Antwort geben. Das macht die Suche danach, welche Facetten „Männlichkeit“ haben kann, aber umso interessanter.

          Anna Vollmer
          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Viele der Männer, die über ihr eigenes Geschlecht nachdenken, sind bezeichnenderweise keine, die Frauen hassen, die denken, jetzt sei es aber endlich mal genug mit der Gleichberechtigung, den Minderheiten, dem „Genderwahn“. Nein, es sind Feministen, die für mehr Aufmerksamkeit für die Männerwelt werben, wohlwissend, dass Männer, denen es gut geht, die Gefühle, Unsicherheiten und Schmerzen zeigen dürfen, meist weniger trinken, prügeln und morden, was ja nicht nur ihnen, sondern auch allen anderen zugutekommt. Denn der aktuelle Feminismus fordert mitnichten die Alleinherrschaft der Frauen, sondern das Ende des Patriarchats – was auch bedeutet, Männern Dinge zuzugestehen, die gemeinhin als nicht „männlich“ gelten.

          Jungen die Röcke lieben

          So erzählt der Journalist Nils Pickert in seinem Buch „Prinzessinnenjungs“ davon, wie er vor einigen Jahren über Nacht weltbekannt wurde, weil er sich entschied, für seinen Sohn einen Rock zu tragen. Sein Sohn war damals fünf Jahre alt und wurde schon in diesem Alter in der baden-württembergischen Provinz als „Schwuchtel“ und „Missgeburt“ beschimpft, weil er Röcke liebte. Also beschloss sein Vater, ihm zu helfen: „Am nächsten Morgen zog er sich ein Kleid an, ich mir einen Rock, und wir gingen gemeinsam hinaus in die Fußgängerzone. Von da an war alles anders, denn es passierte genau, was ich mir erhofft hatte. Die Leute hoben ihren Blick von ihm auf mich, weil sie einen berockten erwachsenen Mann noch viel absurder und herausfordernder fanden als einen kleinen Jungen in einem fliegenden Kleid.“

          Als Pickert in der „Emma“ einen Text darüber veröffentlichte, waren die Reaktionen immens. Interviewanfragen aus den Vereinigten Staaten, Brasilien und Japan ereilten ihn, so abwegig schien es offenbar allen, dass ein Mann etwas Derartiges tun könnte. Es ist, vorsichtig formuliert, verwunderlich, dass die private Entscheidung eines Vaters die Gemüter auf der ganzen Welt erhitzt. Warum stört es andere, wenn ein Junge gerne Mädchenkleider trägt und der Vater ihn dafür nicht verurteilt? Unter anderem erzählt die Situation viel über Gleichberechtigung und darüber, wie eng das Wohlergehen von Männern und Frauen miteinander zusammenhängt. Denn was sagt es über unser Bild von Männern, dass wir ihnen nicht erlauben können, Röcke zu tragen? Und was sagt es über unser Bild von Frauen, wenn es offenbar so unglaublich peinlich ist, „weiblich“ zu sein?

          Sich ähnliche Situationen vorzustellen, wenn eine Frau eine Hose trägt, scheint mittlerweile zwar absurd, war es aber nicht immer. Hätte es Anfang des 20. Jahrhunderts schon das Internet gegeben, wer weiß, was für ein Shitstorm über Frauen wie Marlene Dietrich hereingebrochen wäre! Pickerts Buch, das eine Art Erziehungsratgeber für einen gesünderen Umgang mit Jungen ist, macht dieses Männlichkeitskonstrukt ebenso deutlich wie „Sei kein Mann“, das Buch des kongolesisch-britischen Schriftstellers JJ Bola. Beide beweisen, dass „Männlichkeit“ – genau wie „Weiblichkeit“ – keinesfalls ein festgeschriebenes Attribut ist, das unveränderbar wäre.

          Rollenbilder sind relativ

          Um das zu zeigen, reicht es, einen Blick in die Vergangenheit oder auch in andere Kulturen zu werfen. Die Farben Rosa und Hellblau beispielsweise waren mitnichten immer untrennbar mit dem weiblichen beziehungsweise männlichen Geschlecht verbunden. Noch vor kaum mehr als 100 Jahren war es umgekehrt: Damals galten Purpurrot und Pink als „männliche“ Farben, wie Pickert schreibt, weil sie „für Royales und Herrschaftlichkeit standen“. Blau war hingegen die Farbe der Mädchen, weil sie symbolisch mit der Jungfrau Maria verbunden war, deren Tugenden Mädchen nachzueifern hatten.

          Wie auch Pickert wählt Bola eine Anekdote als Ausgangspunkt seines Buchs, mit der er zeigt, wie festgefahren wir in unserer Wahrnehmung von Männern und Frauen sind. Als junger Mann läuft er mit seinen Onkeln, anderen Männern aus der kongolesischen Gemeinschaft, die Straße entlang. Sie halten sich an den Händen, was in Kongo auch zwischen Männern vollkommen normal ist. In Großbritannien wird Bola dafür jedoch ausgelacht und als „schwul“ beschimpft. Für diese kulturellen Unterschiede ließen sich eine Reihe von Beispielen nennen. Ein Porträt des Fotografen Thomas Dworzak, das von diesem Oktober an in der Ausstellung „Masculinities“ im Berliner Gropius-Bau zu sehen sein wird, wurde im Jahr 2002 aufgenommen und zeigt zwei Taliban- Kämpfer, die geschminkte Augen haben und sich an den Händen halten.

          Zwei Taliban-Kämpfer halten sich an den Händen.
          Zwei Taliban-Kämpfer halten sich an den Händen. : Bild: Collection T. Dworzak/Magnum Pho

          Der wunderbare georgische Film „Als wir tanzten“, der in diesem Sommer in Deutschland in die Kinos kam, ist eine homosexuelle Liebesgeschichte. Doch nicht nur das. „Als wir tanzten“ erzählt auch von einem jungen Mann, der nicht den Vorstellungen dessen entspricht, was in Georgien für einen Mann vorgesehen ist. Einerseits, weil er homosexuell ist – der Regisseur Levan Akin berichtete in einem Interview, die Schauspieler hätten aufgrund der Handlung Todesdrohungen bekommen. Andererseits, weil Merab, der Protagonist, mit seiner weichen, spielerischen Art zu tanzen nicht zum „männlichen“ georgischen Tanz passt. Das Klischee des schwulen, „weiblichen“ Tänzers scheint also in Deutschland gut zu funktionieren (Pickert verwendet es immer wieder, wenn es darum geht, in welchen Kontexten Jungen Ablehnung erfahren), in Georgien hingegen nicht. In Georgien sind Tänzer echte Männer.

          Männer und Männlichkeiten

          Interessant ist bei all diesen Vergleichen, dass Geschlechterklischees sich zwar unterscheiden, jedoch kulturübergreifend wichtig zu sein scheinen. Was genau „männlich“ ist, mag variieren, dass Männer „männlich“ zu sein haben, wird jedoch kaum in Frage gestellt. Die Ausstellung im Gropius-Bau setzt hier an, indem sie ein ganzes Spektrum von „Männlichkeiten“ zeigt. Was verbindet einen durchtrainierten schwulen Mann, einen schlaksigen britischen „Gentleman“, der den Zeiten hinterhertrauert, in denen die Zeitung noch gebügelt wurde, einen Soldaten und ein grölendes Mitglied einer amerikanischen Studentenverbindung miteinander? Außer dass sie, nun ja, Männer sind?

          Eine Fotografie von Rotimi Fani-Kayode aus der Ausstellung „Masculinites“.
          Eine Fotografie von Rotimi Fani-Kayode aus der Ausstellung „Masculinites“. : Bild: Rotimi Fani-Kayode

          In seinem informativen Erklärbändchen „Ist Männlichkeit toxisch?“ betrachtet der Psychotherapeut Andrew Smiler das Thema „Männlichkeit“ ebenfalls aus verschiedenen Blickwinkeln. Es geht um die Entwicklung von Männlichkeit, ihre Gefahren, ihre Rolle in Beziehungen und um ihren Wandel in der heutigen Gesellschaft. Zwar gebe es gerade heute verschiedene „Männlichkeiten“, jedoch, so argumentiert er mit Rückgriff auf die Soziologin R. W. Connell, existiere eine Form der „hegemonialen Männlichkeit“. Sie dominiere über andere Männlichkeitsmodelle, die sich vorwiegend in Minderheiten und Subkulturen ausdrückten. Das Modell, das in der westlichen Welt des 20. Jahrhunderts vorherrschte und im 21. Jahrhundert zunehmend ins Wanken gerät, beruht zu großen Teilen auf dem, was auch Pickert und Bola kritisieren: dem erfolgreichen, standhaften Mann, der seine Gefühle zurückhält, mutig ist, Risiken eingeht. 

          Geschlechterklischees und ihre Folgen

          Was daran so schlimm ist? Den Autoren zufolge einiges. Denn was man lapidar mit harmlosen Stereotypen abtun könnte, hat durchaus handfeste Folgen: Suizid ist die häufigste Todesursache bei Männern unter 35, heißt es bei Bola, der am eigenen Beispiel sehr eindringlich beschreibt, wie schmerzhaft es ist, wenn junge Männer unter Depressionen leiden – und sich aus Scham an niemanden wenden. Bei Smiler heißt es außerdem, die These, Frauen litten häufiger an Depressionen als Männer, werde inzwischen von einigen Wissenschaftlern und Therapeuten deshalb revidiert, weil diese Erkrankung sich bei ihnen möglicherweise durch Alkohol- und Substanzmissbrauch äußere – Krankheiten, für die Männer dreimal so anfällig sind wie Frauen und an denen sie entsprechend häufiger verfrüht sterben. 87 Prozent der Obdachlosen in Großbritannien sind Männer, 95 Prozent der Gefängnisinsassen ebenfalls.

          Eine Liste, die sich noch eine ganze Weile fortsetzen ließe und einige gute Argumente dafür liefert, darüber nachzudenken, welche Vorteile ein solches Männlichkeitsbild eigentlich so mit sich bringt. „In jeder Gruppe“, schreibt Smiler, „kann es nur einen Alpha-Mann geben, und in der gesamten Gesellschaft nur wenige. Wenn die meisten Männer nicht sonderlich maskulin sind, was bedeutet das dann für die Männlichkeit?“ Man könnte auch fragen, was das für die Männer und Jungen, für die „Prinzessinnenjungen“ bedeutet, die keine Alphamännchen sind.

          Wohl, dass ihnen diese Idee ebenso schadet wie dem Rest der Gesellschaft. Studien zeigen, dass es eben nicht allein der Testosteronspiegel ist, der dazu führt, dass Männer morden, erniedrigen, vergewaltigen, sondern dass es vielmehr die äußeren Umstände sind, die dazu führen. Viele der Attentäter der vergangenen Jahre hatten sich aufgrund einer gefühlten Zurückweisung radikalisiert und sich so in einen abstrusen Hass gegen Frauen, Juden und Muslime hineingesteigert, die sie offenbar als Bedrohung empfanden. Die meisten Sexualstraftäter bringt nicht ihr unstillbarer sexueller Trieb dazu, ihre Opfer zu vergewaltigen, sondern das Bedürfnis, Macht über sie zu erlangen.

          Veränderung ist möglich

          Auch die Männer in einem der interessantesten, wenn auch merkwürdigsten aktuellen Beiträge zum Thema „Männlichkeit“ sind keine muskelbepackten Bestien, die gar nicht anders können, als auf andere einzudreschen. In Connie Walthers Film „Die Rüden“ spielen vier echte Gefängnisinsassen vier fiktive Gefängnisinsassen, die auf eine Verkürzung ihrer Haftstrafe hoffen. Hierfür sollen sie dabei helfen, drei aggressive Rüden zu resozialisieren. Und auch wenn einer der Insassen sagt, er sei kein Hund, drängt sich die Analogie natürlich trotzdem auf. Nicht, weil die Männer wie Hunde behandelt werden sollen oder im abwertenden Sinn „Tiere“ sind. Sondern weil sich auch an den Hunden zeigt, wie der Umgang mit ihnen sie formt – wie sie besonders dann beißen und kläffen, wenn sie in Bedrängnis kommen.

          Mit all den anderen Beiträgen teilt der Film die Relativierung dessen, was „Männlichkeit“ bedeutet. Und die Hoffnung, dass nichts so bleiben muss, wie es ist, sondern immer auch anders sein könnte. Vielen Menschen scheint es zwar Angst zu machen, wenn sie festgefahrene Rollenbilder loslassen. Doch würde eine andere Wahrnehmung von Männern nicht nur ihnen, sondern uns allen eine ganze Menge Leid und Gewalt ersparen.

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