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Männer in der Pflege : Schön, dass du da warst, mein Sohn

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Männliche Pflegepioniere: „Die kann man nicht einfach abschieben“, sagt einer. „Es sind halt meine Eltern.“ Bild: Raoul Minsart/Masterfile

Männer, die ihre Eltern pflegen, sind selten. Doch es werden mehr – nur spricht kaum jemand über sie. Hier berichten zwei über ihre Erfahrungen mit einer höchst ungewohnten Rolle.

          Vor einigen Tagen wurde ihm dann doch alles zu viel. Dabei ist es Ludwig Meier gewohnt, ständig zu arbeiten. Jeden Morgen steht der 44-Jährige kurz nach drei Uhr auf, um Zeitungen auszufahren, bringt die drei Kinder zum Schulbus, frühstückt mit seiner Frau, geht zu den Eltern im Erdgeschoss, hilft ihnen, ihre Zahnprothesen zu finden, und erinnert sie daran, dass sie essen müssen.

          Manchmal sind sie schon angezogen, manchmal sogar ohne den Schlafanzug unter Hose und Pullover. Danach arbeitet der Landwirt mit seiner Frau auf dem Hof, wo fünfzig Pensionspferde leben. Beim Kochen wechseln sie sich ab; zu Mittag essen alle gemeinsam: Meier, Frau, Kinder, „der Vater“ und „die Mutter“, beide dement.

          Damit seine Eltern nicht nur vor dem Fernseher sitzen, setzt er sie an die frische Luft. Er fährt die Kinder von dem Hof in Oberbayern zum Chor und zum Ballett. Bis 19, 20 Uhr ist er im Stall, macht Verwaltungsarbeiten, während seine Frau zusätzlich als Kinderpflegerin arbeitet. Wenn Meier die Eltern gegen Abend fragt, ob sie schon Brotzeit gegessen haben, wissen sie es oft nicht mehr.

          Später kommt er, um sie ans Schlafengehen zu erinnern. Auf geht’s ins Bett, sagt er dann. Und: Habt ihr schon Zähne geputzt? So wie er es früher mit seinen Kindern gemacht hat, heute im Grundschul- und Teenageralter. „Nur dass mit den Eltern alles rückwärtsgeht“, sagt Meier nachdenklich.

          Erst Brüche und Operationen, dann die Demenz

          Ludwig Meier sitzt vor dem alten Bauernhaus von 1824, in dem die drei Generationen unter einem Dach leben. Hühner und Katzen laufen herum, ein paar Mädchen putzen Ponys. In den Neunzigern hat Meier, der keinen Schulabschluss hat, mit seiner Frau aus dem geerbten Milchbetrieb einen Pferdestall gemacht. Er war der einzige Sohn, hatte drei ältere Schwestern, da war klar, dass er den Hof einmal übernehmen würde. Seit drei Jahren können seine Eltern immer weniger allein.

          Begonnen hat alles mit mehreren Knochenbrüchen und Operationen seiner Mutter; die Demenz kam bei beiden hinzu. Darüber, dass er Vater und Mutter pflegt, spricht er mit kaum jemandem. Seinen echten Namen will Meier hier nicht lesen, „weil wir uns da nicht hervortun wollen“. Er sieht müde aus.

          Vergangene Woche musste sein Vater mit Verdacht auf Schlaganfall ins Krankenhaus. Er konnte nicht mehr gehen und reden. Eine Ärztin prophezeite, es handele sich um Parkinson. Die Meiers müssten sich darauf einstellen, dass eine 24-Stunden-Pflege nötig werde. „Da hab ich gedacht, o Gott, wie soll das alles weitergehen?“, erzählt Meier.

          Zig Telefonate folgten, mit Ärzten und Sozialarbeitern. Weil ihr Mann extrem unruhig geworden sei, ein regelrechtes Nervenbündel, hat Sabine Meier irgendwann alles in die Hand genommen und bei der Hausärztin eine Krankschreibung für ihn organisiert. Jetzt kann er bis sechs Uhr schlafen, weil er keine Zeitungen ausfahren muss. Für die Arbeit auf dem Hof und die Betreuung der Eltern kann man sich nicht krankschreiben lassen.

          In Deutschland werden über fünf Millionen Menschen von Familienangehörigen gepflegt. Zum größten Teil sind es Frauen, die sich um ihre Verwandten kümmern - Töchter, Schwiegertöchter, Ehefrauen, Enkelinnen. Es gibt allerdings viel mehr Männer wie Ludwig Meier als oft angenommen. Je nach Quelle beträgt ihr Anteil bis zu 35 Prozent. Und es werden immer mehr. Doch Männer, die pflegen, sind vor allem Rentner. Sie kümmern sich im Alter um ihre Partnerinnen. Gerade einmal ein Fünftel steht noch im Berufsleben. Wie Meier. Oder Gärtnermeister Peter Zech, der ebenfalls eigentlich anders heißt und einen Landschaftsbaubetrieb östlich von München hat.

          Lange mit den Eltern auf Kriegsfuß

          Zechs Mutter ist noch kein Vierteljahr tot. Die vielen Erfahrungen der vergangenen Monate sind frisch, in denen sich irgendwie auch das ganze Leben des 58-Jährigen verändert hat - selbst wenn er nicht zu Hause gepflegt hat, sondern seine Mutter in einem Heim lag. Dass er sich um sie einmal intensiv kümmern würde, hätte Zech bis vor einem Jahr nicht für möglich gehalten. Nicht nur, dass er keinerlei pflegende Männer kannte. „Ich habe gedacht, dafür habe ich keine Zeit, und ehrlich gesagt, hätte ich mich um die Mutti auch nicht kümmern wollen.“

          Zech, grünes Polo, Ohrstecker, Jeans, redet Klartext. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn sei nie herzlich gewesen: „Sie war eine sehr resolute und strenge Frau. Wir standen lange auf Kriegsfuß miteinander.“ Zweimal ist Zech in der Schule sitzengeblieben. Seine Eltern hatten immer gewollt, dass er die Zahnarztpraxis seines Vaters übernimmt. Aber er wurde Handwerker.

          Der Vater ist seit 25 Jahren tot. Zech und seine drei Geschwister leben alle mehr oder weniger weit entfernt vom Elternhaus. Alle paar Monate hat er die Mutter besucht. „,Servus, wie geht’s dir?‘ Viel mehr war da nicht.“ 2013 wurde sie krank. Es begann mit Brüchen und damit, dass sie verwirrter wurde. Sie kam in die Psychiatrie, wo sie entmündigt wurde. Danach konnte die 89-Jährige nicht mehr nach Hause. Eine Tochter nahm sie zu sich, was aber nicht lange gut ging. Also überlegten die Geschwister, wie es weitergehen sollte. Dass Zech die Mutter zu sich holt, war ausgeschlossen. „Meine Frau und Mutter waren sich quer.“

          Die alte Dame kam in ein kirchliches Heim in der Nähe. „Ich hatte mir eigentlich vorgestellt, dass ich quasi einen Viertelbeitrag leiste, wie meine Geschwister vielleicht einmal in der Woche hinfahre.“ Doch es kam anders, spätestens, als Zech merkte, dass seine Mutter nichts mehr aß. Sie saß aufgeregt vor dem vollen Teller, zitterte, weinte, wusste nicht mehr, wie man isst. Mit dem Löffel traf sie neben den Mund, mit der Gabel konnte sie keinen Bissen mehr aufspießen. Die Pfleger, erzählt Zech, kümmerten sich nicht darum. Zu viele Patienten für zu wenig Personal. Der volle Teller der Mutter wurde nach 20 Minuten wieder abgeräumt.

          „Männliche Pflegepioniere“ werden dringend gebraucht

          Also fuhr Zech alle zwei Tage mittags zu ihr, fütterte sie und blieb bis in den Abend. „Mich hat’s am Anfang geekelt, ihr die Suppe reinzulöffeln“, sagt er. „Aber ich habe gemerkt, dass es ihr guttut.“ Er erzählte und ließ sich erzählen. Mal von Krieg und Flucht, mal von nicht vorhandenen Menschen, die seine Mutter im Raum sah. Nachdem Zech einen Kurs für Angehörige von Dementen besucht hatte, wusste er, wie er sich auf ihre Sprache einstellen konnte.

          Heute sagt er: „Dass ich mich dazu überwinden konnte, sie zu ernähren, ihr durch die Haare zu fahren, ihre Hand zu halten, das war das Interessanteste für mich.“ Früher habe er gelernt, „dass man das nicht macht, und meine Mutter wollte diese Nähe auch nicht“. Bis wenige Monate vor ihrem Tod. „Da meinte sie plötzlich: ,Es war schön, dass du da warst.‘ Das war absolutes Neuland für mich, so eine emotionale Ebene.“

          Zech wäre gerne noch mehr bei ihr gewesen. Zu Hause aber wartete viel Arbeit auf den Selbständigen. Der 58-Jährige erzählt vom inneren Zwiespalt, von dem Leistungsdruck im Betrieb, den Konflikten mit Kunden, weil er, der Chef, plötzlich viel weniger Zeit hatte.

          Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Anders aber als die Kinderbetreuung findet das Thema Pflege noch immer zu wenig Beachtung. „Während Frauen wegen der Übernahme von Pflegeaufgaben die Erwerbsarbeit oft einschränken oder sogar einstellen, sind Männer dazu erheblich weniger bereit“, heißt es in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Nicht nur, weil sie eine Karrierebremse fürchteten. Einem Mann werde die Pflegezeit vom Rollenverständnis her nur sehr unwillig zugestanden.

          Doch das wird sich ändern müssen. Die Zahl der Leistungsempfänger in der Pflegeversicherung hat sich seit Einführung 1995 mehr als verdoppelt. Die Deutschen werden immer älter. Und die Jungen immer weniger. Pflegebedürftigkeit ist mehr denn je eine gesellschaftliche Herausforderung. Der Sozialwissenschaftler Eckart Hammer bezeichnet Männer wie Landwirt Ludwig Meier als „männliche Pflegepioniere“, die dringend gebraucht würden.

          Dankbarkeit für die Monate der Pflege

          Auch wenn sich Meier seinen Status nicht ausgesucht hat. „Es gibt ja nicht wirklich Alternativen“, sagt er. Ja, er pflege auch aus Pflichtgefühl. „Man soll sich schon um die Eltern kümmern, die kann man nicht einfach abschieben. Es sind halt meine Eltern. Sie haben mich auf die Welt gebracht, und ich habe den Betrieb bekommen.“

          Sabine Meier übernimmt in der Pflege die Bereiche, die ihrem Mann unangenehm sind: Sie zieht seine Mutter um und wechselt die Windeln. „Ich hab das zwar bei meinen Kindern gemacht“, sagt er und schüttelt den Kopf, „aber nee, bei den Eltern, das mache ich nicht. Das ist eine Stufe, da steige ich lieber aus.“

          Einen Heimplatz für beide können sich die Meiers nicht leisten. Also arbeiten sie eben noch mehr. Ausflüge oder Urlaube, durch den Pensionsstall ohnehin schon schwierig, gibt es eigentlich gar nicht mehr. Wie lange es noch ohne professionelle Pflege geht, ist unklar. Meier hat sich entschieden, nun doch einen Raum im Bauernhaus so umzubauen, dass eine Pflegerin aufgenommen werden könnte - auch wenn das eine zusätzliche finanzielle Bürde wäre.

          Der Schock mit dem Krankenhausaufenthalt seines Vaters sitzt tief. Seit kurzem ist er wieder zu Hause. Parkinson ist kein Thema mehr; wahrscheinlich habe er einfach zu wenig getrunken und sich einen Infekt eingefangen. „Momentan geht es dem Vater erstaunlich gut“, sagt Meier erleichtert. Der alte Mann, der sich im Krankenhaus nicht mehr bewegen, artikulieren, geschweige denn anziehen konnte, redet wieder normal. Er braucht nicht einmal mehr den Stock.

          Als Peter Zechs Mutter vor einigen Monaten kurz vor ihrem 90. Geburtstag starb, hatte er sich bereits mehrmals von ihr verabschiedet. In den letzten Tagen ihres Lebens kamen Lungenentzündung, Hirnhautentzündung und Nierenversagen zusammen. „Wenn sie vor zehn Jahren gestorben wäre, wäre sie einfach weg gewesen“, sagt er. „Da hätte ich gedacht, das ist halt der normale Gang.“

          Durch die Leidensphase im Heim habe er sie noch einmal anders kennenlernen können. Auch die Geschwister seien extrem zusammengerückt. Jetzt wollen sie das Elternhaus als eine Art Familientreffpunkt gemeinsam wiederherrichten. Zech ist dankbar für die vergangenen Monate, trotz allem. „Der Tod meiner Mutter hat mich ganz schön umgehauen. Ich hätte nie gedacht, dass mich das so packt.“ Vorher war er der Meinung, Männer weinten nicht. Dann kamen die Tränen.

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