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Männer in der Pflege : Schön, dass du da warst, mein Sohn

  • -Aktualisiert am

Bei der Vereinbarkeit von Familie und Beruf hat sich in den vergangenen Jahren vieles verändert. Anders aber als die Kinderbetreuung findet das Thema Pflege noch immer zu wenig Beachtung. „Während Frauen wegen der Übernahme von Pflegeaufgaben die Erwerbsarbeit oft einschränken oder sogar einstellen, sind Männer dazu erheblich weniger bereit“, heißt es in einer Broschüre des Bundesgesundheitsministeriums. Nicht nur, weil sie eine Karrierebremse fürchteten. Einem Mann werde die Pflegezeit vom Rollenverständnis her nur sehr unwillig zugestanden.

Doch das wird sich ändern müssen. Die Zahl der Leistungsempfänger in der Pflegeversicherung hat sich seit Einführung 1995 mehr als verdoppelt. Die Deutschen werden immer älter. Und die Jungen immer weniger. Pflegebedürftigkeit ist mehr denn je eine gesellschaftliche Herausforderung. Der Sozialwissenschaftler Eckart Hammer bezeichnet Männer wie Landwirt Ludwig Meier als „männliche Pflegepioniere“, die dringend gebraucht würden.

Dankbarkeit für die Monate der Pflege

Auch wenn sich Meier seinen Status nicht ausgesucht hat. „Es gibt ja nicht wirklich Alternativen“, sagt er. Ja, er pflege auch aus Pflichtgefühl. „Man soll sich schon um die Eltern kümmern, die kann man nicht einfach abschieben. Es sind halt meine Eltern. Sie haben mich auf die Welt gebracht, und ich habe den Betrieb bekommen.“

Sabine Meier übernimmt in der Pflege die Bereiche, die ihrem Mann unangenehm sind: Sie zieht seine Mutter um und wechselt die Windeln. „Ich hab das zwar bei meinen Kindern gemacht“, sagt er und schüttelt den Kopf, „aber nee, bei den Eltern, das mache ich nicht. Das ist eine Stufe, da steige ich lieber aus.“

Einen Heimplatz für beide können sich die Meiers nicht leisten. Also arbeiten sie eben noch mehr. Ausflüge oder Urlaube, durch den Pensionsstall ohnehin schon schwierig, gibt es eigentlich gar nicht mehr. Wie lange es noch ohne professionelle Pflege geht, ist unklar. Meier hat sich entschieden, nun doch einen Raum im Bauernhaus so umzubauen, dass eine Pflegerin aufgenommen werden könnte - auch wenn das eine zusätzliche finanzielle Bürde wäre.

Der Schock mit dem Krankenhausaufenthalt seines Vaters sitzt tief. Seit kurzem ist er wieder zu Hause. Parkinson ist kein Thema mehr; wahrscheinlich habe er einfach zu wenig getrunken und sich einen Infekt eingefangen. „Momentan geht es dem Vater erstaunlich gut“, sagt Meier erleichtert. Der alte Mann, der sich im Krankenhaus nicht mehr bewegen, artikulieren, geschweige denn anziehen konnte, redet wieder normal. Er braucht nicht einmal mehr den Stock.

Als Peter Zechs Mutter vor einigen Monaten kurz vor ihrem 90. Geburtstag starb, hatte er sich bereits mehrmals von ihr verabschiedet. In den letzten Tagen ihres Lebens kamen Lungenentzündung, Hirnhautentzündung und Nierenversagen zusammen. „Wenn sie vor zehn Jahren gestorben wäre, wäre sie einfach weg gewesen“, sagt er. „Da hätte ich gedacht, das ist halt der normale Gang.“

Durch die Leidensphase im Heim habe er sie noch einmal anders kennenlernen können. Auch die Geschwister seien extrem zusammengerückt. Jetzt wollen sie das Elternhaus als eine Art Familientreffpunkt gemeinsam wiederherrichten. Zech ist dankbar für die vergangenen Monate, trotz allem. „Der Tod meiner Mutter hat mich ganz schön umgehauen. Ich hätte nie gedacht, dass mich das so packt.“ Vorher war er der Meinung, Männer weinten nicht. Dann kamen die Tränen.

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