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Männer in der Pflege : Schön, dass du da warst, mein Sohn

  • -Aktualisiert am

Lange mit den Eltern auf Kriegsfuß

Zechs Mutter ist noch kein Vierteljahr tot. Die vielen Erfahrungen der vergangenen Monate sind frisch, in denen sich irgendwie auch das ganze Leben des 58-Jährigen verändert hat - selbst wenn er nicht zu Hause gepflegt hat, sondern seine Mutter in einem Heim lag. Dass er sich um sie einmal intensiv kümmern würde, hätte Zech bis vor einem Jahr nicht für möglich gehalten. Nicht nur, dass er keinerlei pflegende Männer kannte. „Ich habe gedacht, dafür habe ich keine Zeit, und ehrlich gesagt, hätte ich mich um die Mutti auch nicht kümmern wollen.“

Zech, grünes Polo, Ohrstecker, Jeans, redet Klartext. Das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn sei nie herzlich gewesen: „Sie war eine sehr resolute und strenge Frau. Wir standen lange auf Kriegsfuß miteinander.“ Zweimal ist Zech in der Schule sitzengeblieben. Seine Eltern hatten immer gewollt, dass er die Zahnarztpraxis seines Vaters übernimmt. Aber er wurde Handwerker.

Der Vater ist seit 25 Jahren tot. Zech und seine drei Geschwister leben alle mehr oder weniger weit entfernt vom Elternhaus. Alle paar Monate hat er die Mutter besucht. „,Servus, wie geht’s dir?‘ Viel mehr war da nicht.“ 2013 wurde sie krank. Es begann mit Brüchen und damit, dass sie verwirrter wurde. Sie kam in die Psychiatrie, wo sie entmündigt wurde. Danach konnte die 89-Jährige nicht mehr nach Hause. Eine Tochter nahm sie zu sich, was aber nicht lange gut ging. Also überlegten die Geschwister, wie es weitergehen sollte. Dass Zech die Mutter zu sich holt, war ausgeschlossen. „Meine Frau und Mutter waren sich quer.“

Die alte Dame kam in ein kirchliches Heim in der Nähe. „Ich hatte mir eigentlich vorgestellt, dass ich quasi einen Viertelbeitrag leiste, wie meine Geschwister vielleicht einmal in der Woche hinfahre.“ Doch es kam anders, spätestens, als Zech merkte, dass seine Mutter nichts mehr aß. Sie saß aufgeregt vor dem vollen Teller, zitterte, weinte, wusste nicht mehr, wie man isst. Mit dem Löffel traf sie neben den Mund, mit der Gabel konnte sie keinen Bissen mehr aufspießen. Die Pfleger, erzählt Zech, kümmerten sich nicht darum. Zu viele Patienten für zu wenig Personal. Der volle Teller der Mutter wurde nach 20 Minuten wieder abgeräumt.

„Männliche Pflegepioniere“ werden dringend gebraucht

Also fuhr Zech alle zwei Tage mittags zu ihr, fütterte sie und blieb bis in den Abend. „Mich hat’s am Anfang geekelt, ihr die Suppe reinzulöffeln“, sagt er. „Aber ich habe gemerkt, dass es ihr guttut.“ Er erzählte und ließ sich erzählen. Mal von Krieg und Flucht, mal von nicht vorhandenen Menschen, die seine Mutter im Raum sah. Nachdem Zech einen Kurs für Angehörige von Dementen besucht hatte, wusste er, wie er sich auf ihre Sprache einstellen konnte.

Heute sagt er: „Dass ich mich dazu überwinden konnte, sie zu ernähren, ihr durch die Haare zu fahren, ihre Hand zu halten, das war das Interessanteste für mich.“ Früher habe er gelernt, „dass man das nicht macht, und meine Mutter wollte diese Nähe auch nicht“. Bis wenige Monate vor ihrem Tod. „Da meinte sie plötzlich: ,Es war schön, dass du da warst.‘ Das war absolutes Neuland für mich, so eine emotionale Ebene.“

Zech wäre gerne noch mehr bei ihr gewesen. Zu Hause aber wartete viel Arbeit auf den Selbständigen. Der 58-Jährige erzählt vom inneren Zwiespalt, von dem Leistungsdruck im Betrieb, den Konflikten mit Kunden, weil er, der Chef, plötzlich viel weniger Zeit hatte.

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