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Wein neu entdeckt : Die Rückkehr des Rheinweins

Zu Bacharach am Rheine: Da wohnt, glaubt man Clemens Brentano, eine Zauberin namens Loreley. Der Zaubertrunk aber wird, glaubt man unserem Autor, an den Hängen über der Stadt angebaut Bild: Röth, Frank

Lange hatte die Weinregion zwischen Bingen und Bonn nicht mehr viel zu bieten. Jetzt arbeitet sie wieder am Mythos. Der Klimawandel hilft. Neues Selbstbewusstsein auch.

          Nein, hier ist noch nicht die Loreley mit ihren wilden Strudeln, die schon manchen Kahn verschlungen haben sollen. Aber mit welcher Kraft der Rhein durch das burgengesäumte Engtal unterhalb von Rüdesheim und Bingen fließt, ist schon vor der Silhouette der sagenumwobenen Stadt Bacharach zu spüren.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Nicht mehr der liebliche Rheingau zur Rechten und die Hügel Rheinhessens zur Linken geben dem elegisch breit dahinströmenden Fluss das Geleit. Unbarmherzig zwingen steile Schieferwände den Strom in ein steinernes Korsett. Führt der Rhein auch noch Hochwasser wie in diesen Tagen, dann wird er auf seinem Weg gen Norden zu einem reißenden Strom.

          Ein romantischer Ort voller Ewigkeit

          Gleichwohl liegt eine fast überirdische Ruhe über dem Tal. Nicht nur die ewig lärmenden Güterzüge scheinen ein Einsehen zu haben. Auch Schiffe sind kaum zu sehen. Die einen kommen aus eigener Kraft nicht gegen die mächtige Strömung an, andere hat das Hochwasser schon am Oberrhein aufgehalten. Also verweilt die „Rheinkrone“ immer wieder mitten im Strom und dehnt die glücklichen Momente zu einer kleinen Ewigkeit, in denen die Abendsonne jenen Weinberg in warmes Abendlicht taucht, dessen duftender Riesling sich gerade in die Gläser ergießt.

          „Schwimmende Weinprobe“ nennen Peter, Linde und Cäcilia Jost prosaisch den Höhepunkt des Sommers, zu dem sich alljährlich viele Freunde ihres Weinguts in Bacharach von nah und fern einfinden. Romantiker, die das Mittelrheintal seit Jahrhunderten bevölkern wie die Verehrer der südlichen Sonne Italien, sprächen vielleicht von einer Apotheose des Rheinweins.

          Die Geschichte ist inspirierend und schrecklich zugleich

          Fast alle waren sie einst hier. Dichter und Sänger wie Heinrich Heine, Clemens Brentano und Friedrich Silcher. Junge Adelige kreuzten auf ihrer „grand tour“ den Weg englischer Landschaftsmaler wie William Turner oder George Clarkson Stanfield. Der französische Dramatiker Victor Hugo setzte dem Fluss in „Le Rhin“ ein Denkmal, das jedes Chauvinismus unverdächtig ist. Doch die Geschichte des Rheins wurde nicht nur mit Tinte geschrieben, sondern auch mit Blut.

          Steinerne Zeugen wissen ein Lied davon zu singen: Viele Kriege führten die Franzosen seit dem 17. Jahrhundert an ihre vermeintlich natürliche Grenze, und nur eine der zahllosen Höhenburgen flussabwärts von Bingen wurde nie geschleift. So ist auch die Erinnerung an das Ende der napoleonischen Herrschaft am Rhein so lebendig wie kaum sonst.

          Generationswechsel bei den Josts in Bacharach auf dem „Hahnenhof“. Cäcilia führt den Betrieb mit der Energie des Vaters und der Freundlichkeit der Mutter

          Genau 200 Jahre sind vergangen, seit Generalfeldmarschall „Vorwärts“ Gerhard Leberecht von Blücher die Vorhut seiner Schlesischen Armee in der Nacht zum 1. Januar 1814 bei Kaub über den Fluss gehen und den Franzosen nachsetzen hieß, die nach der Niederlage in der Völkerschlacht bei Leipzig zurückfluteten. Nachdem Johann Wolfgang von Goethe am 16. August 1814 dem Sankt-Rochus-Fest zu Bingen beigewohnt hatte, hielt er seine Erinnerungen an das „politischreligiöse Fest“ bald darauf eindringlich fest. Es war ihm Symbol „des wiedergewonnenen linken Rheinufers, sowie der Glaubensfreiheit an Wunder und Zeichen“.

          Freilich war es mit der Wiedergewinnung nicht weit her. Schon 1840 spielten die Franzosen aufs Neue mit dem Gedanken, den Rhein zu ihrer naturgegebenen Ostgrenze zu machen. Die „Rheinkrise“ ließ sich gottlob diplomatisch entschärfen. Aber der Indienstnahme des Rheins und seines Weines durch Preußen war fortan Tür und Tor geöffnet. So war es auch nur folgerichtig, dass August Heinrich Hoffmann von Fallersleben sein für den Vormärz emblematisches „Lied der Deutschen“ angeblich erstmals im Westen des Reiches in einem Gasthaus unweit der hochgotischen Liebfrauenkirche von Oberwesel anstimmte.

          Deutsche Frauen, Treue, Wein und Sang

          Wo sonst hätten der Dichter und seine Freunde Ferdinand Freiligrath und Emmanuel Geibel im Jahr 1843 nicht nur die erste Strophe, sondern auch alle anderen anstimmen können? „Einigkeit und Recht und Freiheit“: warum nicht? „Deutschland, Deutschland, über alles“: na ja. Aber „Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang“, das war auf halbem Weg zwischen der Loreley (“Ich weiß nicht, was soll es bedeuten“) und Heines „finstrer, uralter Stadt Bacherach“ die Liedzeile, die dem genius loci entsprach. Jedenfalls reimte sie sich zu schön auf ein geflügeltes Wort, das seit dem Mittelalter in Umlauf war: „Zu Hochheim am Main, zu Würzburg am Stein, zu Bacharach am Rhein, da wachsen die drei besten Wein.“

          Wenn das mal stimmte. Würzburg? Gut möglich. Hochheim? Nur in den besten Lagen. Aber Bacharach? Die Wahrheit ist: Gewachsen waren die Würzburger, die Hochheimer und die Bacharacher nur selten in jenen Orten, die ihren Namen hergeben mussten. Alle drei Orte waren, weil verkehrsgünstig gelegen, Handelsplätze für Weine. Von Bacharach aus, unterhalb des kaum schiffbaren Binger Lochs gelegen, machten sich die Weine aus dem Rheingau und den weiter flussaufwärts gelegenen Anbaugebieten auf den Weg hinunter nach Köln, wo sie dem Mythos Rheinwein zuflossen.

          Wo einst Wilhelm Wasum draufstand, ist nun Randolf Kauer drin. Mit seiner Frau Martina hat er in Bacharach einen Vorzeigebetrieb des Öko-Weinbaus aufgebaut

          Denn wenn Wein überhaupt in größeren Mengen transportiert werden sollte, dann nur zu Wasser. Angesichts der vielen Zollstationen, deren imposanteste, der „Pfalzgrafenstein“, noch heute bei Kaub mitten im Rhein steht, lohnte sich dieser Aufwand nur für die erlesensten Gewächse aus den besten Lagen. Verkauft wurden die Weine vom Rhein und seinen Nebenflüssen im heiligen Köln. Vom Weinhaus der Hanse aus nahm der Rheinwein seinen Weg über die Niederlande nach England und in das Baltikum, vielleicht sogar bis nach Spanien.

          So alt wie der Kölner Dom

          Die Vorrangstellung Kölns im Handel mit Rheinwein und das Weinmonopol der hansestädtischen Kaufleute waren auch den Zisterziensern nicht entgangen, die Mitte des zwölften Jahrhunderts im Rheingau ein Kloster gegründet hatten. Es dauerte nicht lange, und die Mönche von Eberbach verfügten über bedeutende Weinberge wie den weltberühmten „Steinberg“. Bald fand ihr bester Wein auf dem Weg über Köln seine Bestimmung in ganz Europa. Wenn er nicht gleich in Köln getrunken wurde, wozu es reichlich Gelegenheit gab, etwa zur Grundsteinlegung des Kölners Doms. Gut möglich, dass dieses Ereignis damals mit „Steinberger“ gefeiert wurde. Dann hätte dieser Wein schon Persönlichkeiten wie Albertus Magnus und seinen Schüler Thomas von Aquin erheitert, zwei der bedeutendsten Theologen, die sich just 1248 in Köln aufhielten.

          Als der Kölner Dom im Jahr 1880 nicht zuletzt dank preußischer Hilfe vollendet wurde, war der Mythos Rheinwein lebendiger denn je. Wohl war die Hanse längst Geschichte. Doch dank des Ausbaus des Eisenbahnnetzes seit der Mitte des 19. Jahrhunderts blühte der Handel mit Still- und Schaumweinen. Das Deutsche Reich wurde mit Weinen aus Südeuropa geradezu überschwemmt. Bordeaux-Weine wurden wie im späten Mittelalter über Bremen, Hamburg und Lübeck gehandelt. Dazu kamen Weine aus Südfrankreich, Spanien und Nordafrika.

          Aus Griechenland wurden sogar Rosinen gebracht, die man hierzulande in Wein verwandelte. Den vielen kleinen Winzern im Einzugsgebiet des Flusses setzte das zu. Jedes Jahr mussten sie darum bangen, dass die Trauben reif wurden, dass die Rebschädlinge von ihrem Vernichtungswerk abließen und dass sie den Most zu einem Preis verkaufen konnten, der die Kosten halbwegs deckte. Also verlangte man nach Zollschutz für deutsche Weine. Die Forderung zog sich durch die vielen weinbaupolitischen Debatten, die in Deutschland seit der Wende zum 20. Jahrhundert geführt wurden. Die Europäisierung des Weinhandels und die schon ausgangs des 19. Jahrhunderts einsetzende Globalisierung konnte dem Mythos Rheinwein aber nichts anhaben. Im Gegenteil.

          Dialektik zwischen Natur und Kultur

          Mit ihren schmucken Etiketten, auf denen „Schloss Johannisberg“ oder „Schloss Vollrads“ zu lesen war, gehörten die Weine vom Rhein zu den prestigeträchtigsten Weißweinen der Welt. An den Königshöfen von Sankt Petersburg über Wien bis nach London fehlten sie ebenso wenig wie in Schlössern, Salons und Offizierskasinos. Rheinische Romantik, hohenzollernscher Mittelalter-Fetischismus und kaiserlich deutsches Geltungsbedürfnis gingen im Phänomen Rheinwein eine hybride Mischung ein, preußische Macht aus dem Osten umschloss die bis in die Römerzeit zurückreichende Weinkultur des Westens.

          Hinzu kam die Dialektik zwischen Natur und Kultur: Moselwein, leicht, flüchtig, rassig, wurde zum Modewein. Rheinwein hingegen, reif, edel, hochfarbig, avancierte zum sensorischen Widerlager eines „taumelnden Kontinents“ (Philipp Blom), der sich die Neurasthenie zu seiner Signatur erkor.

          Dass die besten Weine aus dem Bopparder Hamm aus Spay kommen, ist auch das Verdienst von Matthias und Marianne Müller

          Doch was heißt hier Rheinwein? Blättert man in den Weinkarten, die um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Berliner Hotel Adlon, im Kurhaus in Wiesbaden oder dem Bremer Ratskeller auflagen, so ist der Befund erhellend und ernüchternd zugleich. Als Rheinweine galten nicht nur die Weine des (preußischen) Rheingaus. Auch die Weine der (bayerischen) Rheinpfalz, ja selbst einige Gewächse aus dem (großherzoglichen) Rheinhessen wurden als Rheinweine klassifiziert.

          Den Galionsfiguren des Qualitätsweinbaus der Rheinpfalz wie den Brüdern Ludwig und Friedrich von Bassermann-Jordan passte es immer weniger, dass ihre Edelgewächse zwischen den Rheingauer Creszenzen firmierten und die Pfalz nicht als eigenständiges Anbaugebiet wahrgenommen wurde. Die Emanzipationsbestrebungen der Mittelhaardt waren bald erfolgreich. Lange vor dem Ersten Weltkrieg wurde eine Zeitschrift für den Pfälzer Weinbau ins Leben gerufen, und das Historische Museum der Pfalz zeigt eine bis heute sehenswerte Sammlung zum Thema.

          Einfacher Wein - gutes Geschäft

          Andere rheinische Regionen waren rückständiger. Weine von der Nahe tauchten um die Jahrhundertwende selten unter eigenem Namen auf. Noch schlechter erging es den Weinen, die unterhalb des Rheingaus bis vor die Tore Bonns wuchsen. Sie waren auf kaum einer Karte auch nur verzeichnet, geschweige denn als Weine vom Mittelrhein überregional bekannt.

          Warum auch? Nüchtern betrachtet stellte sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts die Frage gar nicht, ob Weine aus Bacharach, Oberwesel, Boppard oder Leutesdorf gegen Weine aus Rüdesheim oder Forst bestehen müssten. Spätlesen und Auslesen nach Rheingauer oder Pfälzer Art wurden am Mittelrhein einfach nicht erzeugt.

          Warum sich in den wenigen Steillagen, die aufgrund der Bodenbeschaffenheit, der Sonneneinstrahlung und des Mikroklimas überhaupt geeignet waren, Riesling-Trauben reif werden zu lassen, der entbehrungsvollen und nur selten erfolgsgekrönten Erzeugung von Edelweinen verschreiben?

          Mit einfachem Wein waren immer gute Geschäfte zu machen. Den sangesfreudigen Gästen, die an Wochenenden das Mittelrheintal bevölkerten (“Wenn das Wasser im Rhein goldner Wein wäre, ja dann möchte ich so gern ein Fischlein sein“), war nur mit Zechweinen wirklich gedient. Und was in Gaststätten wie dem „Goldenen Pfropfenzieher“ in Oberwesel oder dem „Grand Hotel Bellevue“ in Boppard nicht direkt vom Fass verzapft wurde und in Römergläsern funkelnd die Stimmung hob, das fand seinen Weg zu auskömmlichen Preisen als Grundwein in die Schaumweinindustrie, die vor dem Ersten Weltkrieg am Rhein eine Blüte erlebte.

          Einen eigenen Klang hat auch der „Inselwein“ von der vorgelagerten Insel „Heyles’en Werth“ - erst recht, wenn Friedrich Bastian seinen Bariton erklingen lässt.

          Der Mittelrhein, allen voran Bacharach, wusste sein Glück wieder einmal kaum zu fassen. So tief trieben die Schaumweinproduzenten ihre Stollen in den Schiefer, dass das anfallende Gestein gleich zu einer neuen Uferpromenade aufgeschüttet wurde. So schön war es in Bacharach nie - und nie wieder.

          Denn der Erste Weltkrieg wurde auch für den Mittelrhein zur „Urkatastrophe“ des 20. Jahrhunderts. Während der Kriegsjahre war der Mangel an Wein so groß, dass Winzer fast jeden Preis verlangen konnten, am Ende als Kriegsgewinnler dastanden und häufig all ihre Schulden tilgen konnten. Dann aber kam es schlimmer als je zuvor: Die französische Besatzung des linken Rheinufers, die Inflation und die Wirtschaftskrise, die in den Untergang der Weimarer Republik mündete, brachten Winzernot.

          Und dann kam auch noch die Reblaus. Außer an Saale und Unstrut sowie in Franken litt keine andere Weinregion so sehr unter dem Vordringen des Schädlings wie das Mittelrheintal mit der angrenzenden unteren Nahe. Das Viertälergebiet oberhalb von Bacharach wurde dazu auserkoren, die Rebflächen nach der Reblaus mit neuen Methoden wiederaufzubauen: europäische Edelreiser auf reblausresistenten amerikanischen Unterlagsreben, Drahtrahmen statt Einzelpfahlerziehung, zusammenhängende Flächen statt kleinteiliger und schwer zu bewirtschaftender Parzellen, Lastentransport über Gürtelwege statt per Manneskraft über steile Treppen, Anlagen zur gemeinsamen Bereitung von Spritzbrühe.

          Wein als Lebensgrundlage

          Die Nationalsozialisten erklärten die modellhafte Rettung des Weinbaus am Mittelrhein zum Königsweg für die überall um ihre Existenz kämpfenden Winzer im Westen des Reiches. Schließlich war Weinbaupolitik Ernährungs-, Sozial- und Geopolitik in einem. Es galt, auf die Autarkie Deutschlands hinzuarbeiten. Zugleich mussten etwa eine Million Volksgenossen, die direkt oder indirekt vom Weinbau abhängig waren, wieder eine Lebensgrundlage finden.

          Beides aber stand in direkter Beziehung mit den Aggressionsplänen Hitlers. Schon 1934 wurde die Winzerschaft offiziell als „völkischer Wall im Westen“ angesprochen. Wieder wurde der Rhein mit seinem Wein zu einer Achse, um die sich Weltgeschichte drehen sollte.

          Und wieder erging es den Winzern im Krieg nicht schlecht, wieder kam die eigentliche Notzeit mit dem Frieden, wieder regierten die Franzosen mit harter Hand. Wein aus ihrer Besatzungszone, die den Mittelrhein einschloss, durfte nur in Ausnahmefällen in die amerikanische oder die britische Zone ausgeführt werden. Verkehrte Welt!

          Ein französischer Verwaltungsbeamter, der am Rhein den deutschen Wein schätzen gelernt hatte, hielt 1949 fest, man feiere in Bacharach nicht nur wieder, sondern singe dabei auch „chansons traditionelles“, darunter „O Mosella“. Dieses Lied war aber alles andere als traditionell. Zwei Jahre zuvor war es im Kölner Karneval als Spottlied auf die Franzosen entstanden, die dem Wein den Weg von der Mosel und dem Mittelrhein in die alte Metropole des Rheinweins versperrten.

          Weinland wurde zugepflastert

          Als die Besatzungszeit vorbei war, nahm die Weinseligkeit am Mittelrhein schnell wieder ihren gewohnten Gang: leichte Weine für das durstige Laufpublikum, säurebetonte Weine für die Sektindustrie. Die Rebfläche ging zurück, weil Weinberge aufgegeben oder in Bauland verwandelt wurden, die niemand so recht vermisste: schwer zu bewirtschaftende und überdies oft unrentable Parzellen in weniger begünstigten Lagen, die von Winzern im Neben erwerb bewirtschaftet wurden.

          In gute Lagen wie den Bopparder Hamm, die mit Abstand größte zusammenhängende Rebfläche am Mittelrhein, das „Engehöller Tal“ bei Oberwesel und das „Steeger Tal“ bei Bacharach flossen um so mehr Wirtschaftswundergelder. Flurbereinigung war bis in die siebziger Jahre hinein das Zauberwort.

          Doch der Zauber wirkte nicht lange. In den achtziger Jahren stand fest, dass in keinem Weinbaugebiet der Bundesrepublik die Rebfläche so schnell schrumpfte wie zwischen Bingen und Bonn. Sektgrundweine ließen sich in Zeiten der Europäisierung des Weinmarktes überall günstiger und in größeren Mengen einkaufen als am Rhein. Auch die Touristen ließen sich seltener blicken. Nun verödeten nicht nur die gerade erst flurbereinigten Weinberge, sondern auch die Orte.

          Der andere Spitzenbetrieb aus Spay: Florian Weingart

          Zwei aufeinanderfolgende Rekordernten in den Jahren 1982 und 1983 bedeuteten das Ende für viele Nebenerwerbswinzer, die ihre Weine als Fassware verkauften. Das Überangebot ließ die Preise ins Bodenlose fallen. Alleine in Oberwesel schrumpfte die Rebfläche zwischen 1980 und 2000 um mehr als zwei Drittel. Im gegenüberliegenden Kaub erstarb mit dem seit Jahrhunderten dominierenden Lotsenwesen, von dem einst auch Blücher profitiert hatte, auch die Weinkultur.

          Aber Mitte der achtziger Jahre wollte es am Mittelrhein einer Handvoll Winzern nicht mehr einleuchten, dass man im Orchester der deutschen Spitzenweine nicht mehr mitspielte. Sollten sich die Römer wirklich getäuscht haben, als sie sich einst in den klimatisch begünstigten Lagen des Mittelrheintals abmühten? Und die hohe Geistlichkeit wie der Deutsche Orden, das Rheingauer Zisterzienserkloster Eberbach oder die geistlichen Kurfürsten von Trier und Köln, die im Mittelalter auf Weinbergsbesitz am Mittelrhein aus waren?

          Weinanbau als Reminiszenz

          Einige Weinbaubetriebe aus Bacharach nahmen den alten Vers beim Wort, dass es dort den besten Wein geben solle. Mineralisch-rassige Rieslinge, die klingende Lagennamen trugen wie „Posten“, „Wolfshöhle“ und natürlich „Hahn“, tauchten mit einem Mal auf Präsentationen auf. Der „Verband der Prädikatsweingüter“ (VDP), der sich in den achtziger Jahren neu erfand, wurde für die Verschworenen um Peter Jost und Jochen Ratzenberger die Bühne, auf der sich Weine vom Mittelrhein profilieren konnten.

          Doch dabei blieb es nicht. Wenn heute unterhalb von landschaftsprägenden Burgen wie Stahleck, Gutenfels oder Rheinfels wieder Reben stehen, dann ist das auch eine Folge des Engagements der öffentlichen Hand, die den Welterbe-Status des Mittelrheintals bekräftigen möchte. Auch rings um alte Ortslagen bis weit hinter Koblenz werden alte Parzellen entbuscht und neu bestockt. Das ist kein Ausdruck nostalgischer Liebhaberei, sondern des neuen rheinischen Selbstbewusstseins.

          Wer sich durch den Bopparder Hamm trinkt, kommt aus dem Staunen nicht heraus

          Dreißig Jahre nach der Gründung des Regionalvereins VDP Mittelrhein, dem sich mittlerweile auch Winzer aus Oberwesel und Spay angeschlossen haben, brauchen die Rieslinge aus den kleinen Spitzenlagen kaum einen Vergleich zu scheuen - dem Klimawandel sei Dank. Immer schon hatten die Weine vom Mittelrhein den Nachteil, dass sie es mit Alkohol und Bukett eher unter- und mit markanter Säure übertrieben.

          In Zeiten allgemeiner Erwärmung können die Winzer aus Bacharach, Oberwesel und Boppard stolz darauf sein, dass sich ihre Rieslinge wohltuend vom Trend zu immer wuchtigeren Gewächsen abheben: mineralisch-komplex, aber nicht fett, rassig, aber nicht pompös, tänzerisch, aber nicht polternd - und das bei Alkoholgraden, die bei trockenen Weinen ein bis zwei Volumenprozent niedriger sind als bei den mächtigen Flaggschiffen aus Rheingau, Rheinhessen oder (Rhein) Pfalz. Wie nie zuvor repräsentieren Weine vom Mittelrhein die lebenslustige Seite der deutschen Weinkultur. Und wir heiter mittendrin: Bingen im Blick und den Riesling im Glas.

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