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Feminismus einmal anders : „Mir machen Widersprüche gute Laune“

Die schwedische Comickünstlerin Liv Strömquist. Bild: Maja Flink

Ihre rotzfrechen Sachcomics retten Frauen aus ungesunden Beziehungen. Jetzt aber feiert Liv Strömquist die Liebe. Warum nur? Ein Besuch in Malmö.

          6 Min.

          Irgendwann beim Lesen wird aus einer verstörenden Ahnung Gewissheit. Nach seitenweise Zeichnungen in Schwarzweiß, nach Leonardo DiCaprio, Sokrates, den Schlümpfen und allerlei philosophisch-soziologischer Theorie in Text und Bild, greift Liv Strömquist zur Farbe. Plötzlich springen da Delphine vor der untergehenden Sonne umher, gleich über eine Doppelseite hinweg, komplett in Lila, Rosa, Himmelblau. Es kann keinen Zweifel geben. Diese Tümmler sind ein Symbol für das, was umgangssprachlich „Schmetterlinge im Bauch“ oder „rosarote Brille“ genannt wird. Da treffen sich ein Mann und eine Frau auf dem Deck eines Schiffes und sehen Delphine, von denen sich später herausstellt, dass sie gar nicht dagewesen sein können, woraufhin die Frau zu dem Schluss kommt, dass es sich um ein „übernatürliches Erlebnis“ gehandelt haben müsse. Strömquist folgert trockener: Vielleicht war es auch nur ein „leidenschaftlicher Flirt“.

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Die schwedische Comic-Künstlerin Liv Strömquist ist mit ihren vergleichsweise schlichten Zeichnungen auch deshalb zum Geheimtipp unter zeitgenössischen Feministinnen geworden, weil sie so gutgelaunt den Mythos der romantischen Zweierbeziehung zerlegt. Weil sie Lust darauf macht, sich aus ungesunden Partnerschaften zu befreien, weil sie weibliche Klugheit, Sexualität und Unabhängigkeit feiert und einem die Augen öffnet für die absurden Gepflogenheiten, mit denen Frauen selbst zu ihrem Unglück beitragen und strukturelle Geschlechterungerechtigkeit befördern.

          Die Austauschbarkeit der Frauen an der Seite von Leonardo DiCaprio - hier 2010 mit dem Model Bar Refaeli - verrät viel über männliche Bindungsbereitschaft.
          Die Austauschbarkeit der Frauen an der Seite von Leonardo DiCaprio - hier 2010 mit dem Model Bar Refaeli - verrät viel über männliche Bindungsbereitschaft. : Bild: AP

          Strömquist malt, was sie denkt, und dafür seziert sie eine originelle Mischung aus Geschichte und Literatur, Alltag und Pop unter gesellschaftskritisch-feministischem Vorzeichen. Das rotzfreche Selbstbewusstsein, mit dem sie das tut, ihre Unverfrorenheit sind ansteckend.

          Fragt man Frauen in den Dreißigern, warum sie Strömquist schätzen, bekommt man Sätze zu hören wie: „So ein Comic ist ein toller Einstieg in den Feminismus.“ Oder: „Ich möchte, dass meine Nichte solche Bücher bei mir findet, wenn sie alt genug ist.“ Eine Akademikerin erzählt eine Anekdote. Auf einer Party habe sie, kurz nachdem sie Strömquist gelesen hatte, über die romantische Liebe als Erfindung des 19. Jahrhunderts philosophiert. Daraufhin habe ein Mann ihr nicht nur widersprochen, sondern ihr Gefühlskälte und Pessimismus unterstellt – vermutlich weil sie die „Gendernorm“ der „sorgenden, liebenden Frau“ unterlaufen habe, sagt die Frau: „Leider hatte ich das Buch nicht dabei, um es ihm um die Ohren zu hauen.“

          Strömquists neuer Sachcomic „Ich fühl’s nicht“, der nächste Woche auf Deutsch erscheint, entpuppt sich nun als Hohelied der Liebe. Da hat man sich also ihren desillusionierten Blick auf Paarbeziehungen zu eigen gemacht und besingt mit Whitney Houston die Kunst, sich selbst zu vergöttern – und dann das. Was ist da passiert?

          Ein verregneter Dienstag in Malmö, Straßenzüge aus roten Backsteinhäusern, hier und da ein schmuckes Türmchen, zwischen arabischen Imbissen haben sich Hipster und Künstler angesiedelt. Der Stadtteil Möllevången wird scherzhaft als Klein-Berlin bezeichnet. In einem Hinterhof, nur zwei Straßen entfernt von dem Wochenmarkt, wo sich kürzlich eine Schießerei im Clanmilieu ereignet hat, hat Liv Strömquist ihr Atelier. Die 42-Jährige brüht Kaffee auf und nimmt im Schneidersitz auf einer Art selbstgezimmertem Tagesbett Platz.

          An der Wand hängt die Zeichnung einer Eiskunstläuferin mit einem verräterischen roten Fleck zwischen den Beinen. „It’s Alright“, hat Strömquist dazugeschrieben, „I’m Only Bleeding.“ Als Plakate dieser Serie im Rahmen einer Kunstaktion ein Jahr lang an Haltestellen der Stockholmer U-Bahn gezeigt wurden, kam es zu einer Art Kulturkampf. Es gab Fans, aber auch Farbbeutelattacken, insbesondere die rechtspopulistischen Schwedendemokraten hetzten gegen eine angebliche Deformation der Kunst unter dem herrschenden liberalen Zeitgeist. Im Ergebnis, glaubt Strömquist, spreche man heute eher offener über das Tabuthema weibliche Menstruation.

          Die Zeichnerin trägt Schwarz mit einem Streifen nackter Haut zwischen Hose und Pullover, dazu rötlichen Lidschatten. Sie lacht viel, was nach genuiner Heiterkeit und Spaß an der Sache klingt. Das neue Buch, sagt sie, kreise tatsächlich um das Phänomen des Sich-Verliebens und die Frage, warum sich viele Menschen heute so schwer damit täten – mit einem Gefühl, das stärker als jede Droge sei: „Es verzehrt dich und kontrolliert dich, meiner Erfahrung nach ist es wie eine übernatürliche Kraft, die Besitz von dir ergreift.“ Interessant daran findet sie, wie wenig diese Überwältigung zu unserem zeitgenössischen Verständnis von Individualität in der Leistungsgesellschaft passe.

          Bild: Liv Strömquist/avant-verlag

          „Wir empfinden es geradezu als Versagen, wenn wir solche Gefühle nicht kontrollieren können.“ Insbesondere mit dem Selbstbild einer unabhängigen starken Frau sei es unvereinbar, sich unglücklich zu verlieben. „Das ist neu heutzutage“, sagt Strömquist: „Wir sollen unsere Zeit und unser Leben nicht damit vergeuden, an der Liebe zu leiden.“

          Ist das nicht ein Widerspruch? Ist diese Ode an eine übernatürliche Macht nicht exakt das Gegenteil von dem, was sie einem in „Der Ursprung der Liebe“ beibringen wollte, nämlich, dass man seine romantischen Gefühle analysieren und auf ihre soziale und kulturelle Funktion hin befragen solle?

          „Ja“, sagt Strömquist vergnügt, offenbar ohne das auch nur ein kleines bisschen schlimm zu finden. „Das stimmt.“ Erstens liegen in Schweden, wie sie sagt, zwischen der Veröffentlichung der beiden Bücher fast zehn Jahre (in Deutschland sind es nur zwei). „Für mich ist es wichtig, mir selbst und meiner Erfahrung treu zu bleiben“, stellt sie fest. Wenn man sich klar macht, dass ihre knapp elf und acht Jahre alten Kinder aus einer früheren Beziehung stammen, während sie inzwischen mit dem Vater ihres Zweijährigen zusammenlebt, kann man sich ausmalen, was zwischenzeitlich passiert sein muss.

          Zweitens denkt Strömquist schon über eine Doppelausgabe der beiden Bücher nach, die man sowohl von der einen wie auch der anderen Seite lesen könne, Titel-Idee, frei nach einem Song von Joni Mitchell: „Both Sides Now“. Denn beide Zugänge, findet die Künstlerin, hätten ihre Berechtigung und außerdem dieselbe Grundlage. Das erste Buch funktioniere wie eine Art Selbstschutz gegen die zerstörerische Macht der Liebe. Mit den Jahren entwickele man aber auch einen anderen Blick für Leid: „Klar, wenn man Leid empfindet, will man alles tun, damit es aufhört. Erst im Rückblick wird intensives Leid zu einer Erfahrung, die zur eigenen Entwicklung beiträgt und einen zu einem interessanteren Menschen macht.“ Strömquist lacht schallend.

          „Die Liebe ist wie eine übernatürliche Kraft, die Besitz von dir ergreift“, sagt Liv Strömquist - eine Provokation für die Leistungsgesellschaft.
          „Die Liebe ist wie eine übernatürliche Kraft, die Besitz von dir ergreift“, sagt Liv Strömquist - eine Provokation für die Leistungsgesellschaft. : Bild: dpa

          Drittens sagt die Zeichnerin: „Mir machen Widersprüche gute Laune. Ich fühle mich dadurch lebendig. Nichts ist schlimmer, als den Zeigefinger in die Luft zu recken und alle Welt mit einer allgemeingültigen Erklärung abzuspeisen. Das wäre der Tod für jegliche Form von intellektueller Arbeit und Humor.“ Außerdem, fügt sie an und lacht schon wieder: „So ist das Leben, oder? Es ist wirklich, wirklich kompliziert und komplex.“

          Aber ist das noch Feminismus?

          Strömquist denkt lange nach. Seit sie 17 ist, betrachtet diese Frau die Welt durch eine feministische Brille. Als Tochter eines Künstlers und einer Bibliothekarin ist sie in Südschweden auf dem Land groß geworden, und weil ihre Eltern als Altachtundsechziger die vier Kinder mit Bio-Essen und ohne Fernseher erzogen, fühlte Strömquist sich anders als die Gleichaltrigen: Sie las viel und verinnerlichte, „dass Kunst und Literatur das Allerwichtigste sind im Leben“.

          Feminismus jedoch war auch für sie nur etwas für „alte, hässliche, sehr langweilige Frauen“ – bis sie eben mit 17 ihre ältere Schwester in Stockholm besuchte und über ihr Interesse für Punk-Musik zufällig in den Vortrag einer Soziologin über Geschlechterbeziehungen geriet. Plötzlich sah Strömquist ihr eigenes Umfeld mit anderen Augen. Die Selbstverständlichkeit zum Beispiel, mit der die Jungs ihren Freundinnen vorschrieben, wie sie sich zu kleiden hatten, während die Mädels im Freundeskreis für den Statusgewinn einer festen Beziehung sich fast alles gefallen ließen. In den Hinterhofbands, in der Skater- und Sprayerszene – ausschließlich Männer. „Wir Mädchen waren nur Zuschauer und Fans“, sagt Strömquist. In der gesamten Popkultur habe es damals keine coolen Frauen als Vorbild gegeben.

          Für sie selbst wurde der Feminismus deshalb zu einer Art Erlaubnis, der eigenen Kreativität zu frönen, gerade in Verbindung mit der Befreiung von Perfektionsansprüchen – dank der Do-it-yourself-Mentalität des Punk. „Ich kann zum Beispiel gar nicht so richtig gut zeichnen“, gibt Strömquist entspannt zu, „ich kriege richtig Probleme, wenn ich eine Treppe, einen Stuhl oder jemanden auf dem Fahrrad zeichnen muss.“ Aber sie fing an, über ihre Gefühle der Unzulänglichkeit anders zu denken: „Natürlich hast du ein schlechtes Selbstbewusstsein, wenn dir keine einzige Frau in der Geschichte einfällt, die dasselbe getan hätte wie du.“

          Noch während des Politikstudiums fiel der Humor ihrer ersten satirischen Self-Made-Comic-Heftchen auf, sie wurde fürs Jugendradio engagiert. Inzwischen lebt Strömquist nicht nur von ihren Büchern, sondern auch von zwei erfolgreichen Podcasts. Gleich muss sie los, um einen davon aufzunehmen, Thema ist ein Buch über den Missbrauchsskandal bei der Nobelpreis-Akademie. Zum Glück hat der Regen aufgehört.

          Vorher jedoch sagt Strömquist nach längerem Nachdenken: Ja, ihr neues Buch sei sehr wohl feministisch, aber es gehe darüber hinaus; „es ist Kultur- und Systemkritik“. Dann redet sie über Eva Illouz und die Bindungsunwilligkeit der Männer als neue Form von Macht. Frauen mit Kinderwunsch hingegen erführen zwischen beruflichen Anforderungen und den Zwängen der Biologie eine neue Form der Abhängigkeit. Eine Freundin von ihr habe mal gesagt: „Ich habe mich nie so von Männern unterdrückt gefühlt wie in diesem Alter zwischen 30 und 40.“ Strömquist lacht schon wieder.

          Für ihren neuen Comic hat sie diese Beobachtung mit der für sie typischen Leichtigkeit und Gedankenschärfe zugespitzt. Eine Polizistin mit Sonnenbrille und Waffe in der Hand, „sexy und brutal“, die beim Rotwein mit ihrem Kollegen zusammenbricht und heult: „Das Einzige, was ich wirklich will, ist ein Baby.“ Daneben als Kommentar der Zeichnerin mit doppeltem Ausrufezeichen: „Fehlende popkulturelle Figur.“ So hatte man das tatsächlich noch nie gesehen.

          Vielleicht, sagt Strömquist fröhlich, sollte man alle zehn Jahre einen Comic über die Liebe zeichnen. Offensichtlich ist: Sie selbst ist schon jetzt neugierig, was dabei herauskäme.

          Das Buch

          „Ich fühl’s nicht“ von Liv Strömquist erscheint am 11. März im Avant-Verlag, 176 Seiten, 20 Euro.

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