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Feminismus einmal anders : „Mir machen Widersprüche gute Laune“

Aber ist das noch Feminismus?

Strömquist denkt lange nach. Seit sie 17 ist, betrachtet diese Frau die Welt durch eine feministische Brille. Als Tochter eines Künstlers und einer Bibliothekarin ist sie in Südschweden auf dem Land groß geworden, und weil ihre Eltern als Altachtundsechziger die vier Kinder mit Bio-Essen und ohne Fernseher erzogen, fühlte Strömquist sich anders als die Gleichaltrigen: Sie las viel und verinnerlichte, „dass Kunst und Literatur das Allerwichtigste sind im Leben“.

Feminismus jedoch war auch für sie nur etwas für „alte, hässliche, sehr langweilige Frauen“ – bis sie eben mit 17 ihre ältere Schwester in Stockholm besuchte und über ihr Interesse für Punk-Musik zufällig in den Vortrag einer Soziologin über Geschlechterbeziehungen geriet. Plötzlich sah Strömquist ihr eigenes Umfeld mit anderen Augen. Die Selbstverständlichkeit zum Beispiel, mit der die Jungs ihren Freundinnen vorschrieben, wie sie sich zu kleiden hatten, während die Mädels im Freundeskreis für den Statusgewinn einer festen Beziehung sich fast alles gefallen ließen. In den Hinterhofbands, in der Skater- und Sprayerszene – ausschließlich Männer. „Wir Mädchen waren nur Zuschauer und Fans“, sagt Strömquist. In der gesamten Popkultur habe es damals keine coolen Frauen als Vorbild gegeben.

Für sie selbst wurde der Feminismus deshalb zu einer Art Erlaubnis, der eigenen Kreativität zu frönen, gerade in Verbindung mit der Befreiung von Perfektionsansprüchen – dank der Do-it-yourself-Mentalität des Punk. „Ich kann zum Beispiel gar nicht so richtig gut zeichnen“, gibt Strömquist entspannt zu, „ich kriege richtig Probleme, wenn ich eine Treppe, einen Stuhl oder jemanden auf dem Fahrrad zeichnen muss.“ Aber sie fing an, über ihre Gefühle der Unzulänglichkeit anders zu denken: „Natürlich hast du ein schlechtes Selbstbewusstsein, wenn dir keine einzige Frau in der Geschichte einfällt, die dasselbe getan hätte wie du.“

Noch während des Politikstudiums fiel der Humor ihrer ersten satirischen Self-Made-Comic-Heftchen auf, sie wurde fürs Jugendradio engagiert. Inzwischen lebt Strömquist nicht nur von ihren Büchern, sondern auch von zwei erfolgreichen Podcasts. Gleich muss sie los, um einen davon aufzunehmen, Thema ist ein Buch über den Missbrauchsskandal bei der Nobelpreis-Akademie. Zum Glück hat der Regen aufgehört.

Vorher jedoch sagt Strömquist nach längerem Nachdenken: Ja, ihr neues Buch sei sehr wohl feministisch, aber es gehe darüber hinaus; „es ist Kultur- und Systemkritik“. Dann redet sie über Eva Illouz und die Bindungsunwilligkeit der Männer als neue Form von Macht. Frauen mit Kinderwunsch hingegen erführen zwischen beruflichen Anforderungen und den Zwängen der Biologie eine neue Form der Abhängigkeit. Eine Freundin von ihr habe mal gesagt: „Ich habe mich nie so von Männern unterdrückt gefühlt wie in diesem Alter zwischen 30 und 40.“ Strömquist lacht schon wieder.

Für ihren neuen Comic hat sie diese Beobachtung mit der für sie typischen Leichtigkeit und Gedankenschärfe zugespitzt. Eine Polizistin mit Sonnenbrille und Waffe in der Hand, „sexy und brutal“, die beim Rotwein mit ihrem Kollegen zusammenbricht und heult: „Das Einzige, was ich wirklich will, ist ein Baby.“ Daneben als Kommentar der Zeichnerin mit doppeltem Ausrufezeichen: „Fehlende popkulturelle Figur.“ So hatte man das tatsächlich noch nie gesehen.

Vielleicht, sagt Strömquist fröhlich, sollte man alle zehn Jahre einen Comic über die Liebe zeichnen. Offensichtlich ist: Sie selbst ist schon jetzt neugierig, was dabei herauskäme.

Das Buch

„Ich fühl’s nicht“ von Liv Strömquist erscheint am 11. März im Avant-Verlag, 176 Seiten, 20 Euro.

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