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Feminismus einmal anders : „Mir machen Widersprüche gute Laune“

An der Wand hängt die Zeichnung einer Eiskunstläuferin mit einem verräterischen roten Fleck zwischen den Beinen. „It’s Alright“, hat Strömquist dazugeschrieben, „I’m Only Bleeding.“ Als Plakate dieser Serie im Rahmen einer Kunstaktion ein Jahr lang an Haltestellen der Stockholmer U-Bahn gezeigt wurden, kam es zu einer Art Kulturkampf. Es gab Fans, aber auch Farbbeutelattacken, insbesondere die rechtspopulistischen Schwedendemokraten hetzten gegen eine angebliche Deformation der Kunst unter dem herrschenden liberalen Zeitgeist. Im Ergebnis, glaubt Strömquist, spreche man heute eher offener über das Tabuthema weibliche Menstruation.

Die Zeichnerin trägt Schwarz mit einem Streifen nackter Haut zwischen Hose und Pullover, dazu rötlichen Lidschatten. Sie lacht viel, was nach genuiner Heiterkeit und Spaß an der Sache klingt. Das neue Buch, sagt sie, kreise tatsächlich um das Phänomen des Sich-Verliebens und die Frage, warum sich viele Menschen heute so schwer damit täten – mit einem Gefühl, das stärker als jede Droge sei: „Es verzehrt dich und kontrolliert dich, meiner Erfahrung nach ist es wie eine übernatürliche Kraft, die Besitz von dir ergreift.“ Interessant daran findet sie, wie wenig diese Überwältigung zu unserem zeitgenössischen Verständnis von Individualität in der Leistungsgesellschaft passe.

Bild: Liv Strömquist/avant-verlag

„Wir empfinden es geradezu als Versagen, wenn wir solche Gefühle nicht kontrollieren können.“ Insbesondere mit dem Selbstbild einer unabhängigen starken Frau sei es unvereinbar, sich unglücklich zu verlieben. „Das ist neu heutzutage“, sagt Strömquist: „Wir sollen unsere Zeit und unser Leben nicht damit vergeuden, an der Liebe zu leiden.“

Ist das nicht ein Widerspruch? Ist diese Ode an eine übernatürliche Macht nicht exakt das Gegenteil von dem, was sie einem in „Der Ursprung der Liebe“ beibringen wollte, nämlich, dass man seine romantischen Gefühle analysieren und auf ihre soziale und kulturelle Funktion hin befragen solle?

„Ja“, sagt Strömquist vergnügt, offenbar ohne das auch nur ein kleines bisschen schlimm zu finden. „Das stimmt.“ Erstens liegen in Schweden, wie sie sagt, zwischen der Veröffentlichung der beiden Bücher fast zehn Jahre (in Deutschland sind es nur zwei). „Für mich ist es wichtig, mir selbst und meiner Erfahrung treu zu bleiben“, stellt sie fest. Wenn man sich klar macht, dass ihre knapp elf und acht Jahre alten Kinder aus einer früheren Beziehung stammen, während sie inzwischen mit dem Vater ihres Zweijährigen zusammenlebt, kann man sich ausmalen, was zwischenzeitlich passiert sein muss.

Zweitens denkt Strömquist schon über eine Doppelausgabe der beiden Bücher nach, die man sowohl von der einen wie auch der anderen Seite lesen könne, Titel-Idee, frei nach einem Song von Joni Mitchell: „Both Sides Now“. Denn beide Zugänge, findet die Künstlerin, hätten ihre Berechtigung und außerdem dieselbe Grundlage. Das erste Buch funktioniere wie eine Art Selbstschutz gegen die zerstörerische Macht der Liebe. Mit den Jahren entwickele man aber auch einen anderen Blick für Leid: „Klar, wenn man Leid empfindet, will man alles tun, damit es aufhört. Erst im Rückblick wird intensives Leid zu einer Erfahrung, die zur eigenen Entwicklung beiträgt und einen zu einem interessanteren Menschen macht.“ Strömquist lacht schallend.

„Die Liebe ist wie eine übernatürliche Kraft, die Besitz von dir ergreift“, sagt Liv Strömquist - eine Provokation für die Leistungsgesellschaft.
„Die Liebe ist wie eine übernatürliche Kraft, die Besitz von dir ergreift“, sagt Liv Strömquist - eine Provokation für die Leistungsgesellschaft. : Bild: dpa

Drittens sagt die Zeichnerin: „Mir machen Widersprüche gute Laune. Ich fühle mich dadurch lebendig. Nichts ist schlimmer, als den Zeigefinger in die Luft zu recken und alle Welt mit einer allgemeingültigen Erklärung abzuspeisen. Das wäre der Tod für jegliche Form von intellektueller Arbeit und Humor.“ Außerdem, fügt sie an und lacht schon wieder: „So ist das Leben, oder? Es ist wirklich, wirklich kompliziert und komplex.“

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