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Lichttherapie : Lampe an!

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Herbststimmung: Es ist das Licht, das die Jahreszeiten so mächtig macht. Bild: dpa

Vor mehr als 30 Jahren entwickelten Ärzte die Idee, trübe Stimmung mit Licht zu behandeln. Heute wissen sie immer genauer, welchen Einfluss Licht auf den Hormonhaushalt hat.

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          Als im Tanzkurs das falsche Licht anging, bekam die Frau einen Schreck. Die Deckenleuchte fiel aus, und niemand fand auf Anhieb den richtigen Schalter. Es war ziemlich dunkel in dem Kellergewölbe, nur über der Bar brannte ein fahles Licht, und im Raum blitzte immer wieder ein grellblauer Strahler auf. Er ging nicht mehr aus, was mehr als nur lästig war. Der Frau bereitete das stroboskopartige Blaulicht regelrecht Sorgen.

          Es erinnerte sie daran, wie sie vor einigen Jahren in eine Klinik kam. Die Ärzte diagnostizierten ihr eine manische Depression und wollten wissen, wo und wann die manische Phase begonnen hatte. Die Frau überlegte, ab welchem Moment ihre Ruhelosigkeit ihren Lauf nahm, bevor sie außer Kontrolle geriet.

          Schließlich fiel ihr ein, dass sie in jener Nacht in gleißendes Polizeilicht geschaut hatte. Damit, antwortete sie den Ärzten, fing alles an. Bis heute ist sie von der Gleichzeitigkeit der Ereignisse überzeugt. Zweifel blieben dennoch: War alles nur ein Zufall - oder konnte das Licht tatsächlich der Auslöser sein? Und wenn ja: War allen Ernstes die Farbe daran schuld, dass die Frau immer aufgedrehter wurde?

          „Viele Manien gehen mit der hellen Jahreszeit einher“

          So abwegig klingt das eigentlich gar nicht. Schließlich gibt es in Studien immer wieder Hinweise darauf, dass Probanden umso größere Probleme mit dem Einschlafen haben, je höher die Blauanteile in den Monitoren und Displays sind, vor denen sie am Abend noch sitzen. Blau regt die Menschen offenbar an, belebt sie, macht sie umtriebig.

          Diese Erkenntnis machen sich auch einige Flugzeugbauer zunutze, um den Jetlag zu minimieren. Auf Langstreckenflügen geht irgendwann das Blaulicht an: als Wachmacher, damit die Passagiere auch in einer anderen Zeitzone in einen vernünftigen Rhythmus finden. Warum sollte das Blaulicht eines Polizeiautos nicht auch eine Manie lostreten können, wenn man nur empfindsam genug darauf reagiert?

          Siegfried Kasper hält das für unwahrscheinlich, und er ist jemand, der es wissen muss. Seit vielen Jahren schon beschäftigt sich der Leiter der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie mit den Auswirkungen, die Licht auf die Psyche hat. „Wenn jemand stundenlang vor dem Blaulicht steht, könnte das einen Effekt haben, aber ein kurzer Lichtimpuls löst meiner Ansicht nach keine Manie aus“, sagt der Mediziner.

          Anders, sagt er, sehe es aus, wenn das Licht nur hell genug und man ihm lange genug ausgesetzt sei. Das sei viel entscheidender als die Farbe, wie gewöhnliches Tageslicht zeigt: „Viele Manien gehen mit der hellen Jahreszeit einher“, berichtet Kasper. „Im Mai und im Juni treten Fälle von Größenwahn deshalb häufiger auf als in anderen Monaten.“

          Lichtentzug als Foltermethode

          Es ist das Licht, das die Jahreszeiten so mächtig macht. Wissenschaftler erklären das so: Wenn Licht ins Auge fällt, gelangt es auf die Netzhaut. Dort sitzen Sensoren, die mit dem Zwischenhirn verbunden sind. Fällt genügend Tageslicht darauf, produziert das Zwischenhirn verschiedene Stoffe, darunter auch Serotonin, ein sogenanntes Glückshormon.

          Es sorgt unter anderem dafür, dass sich Menschen ausgeschlafen fühlen, es fördert die Konzentration, zügelt den Appetit und wirkt allgemein euphorisierend. In der dunklen Jahreszeit, wenn die Tage kürzer werden und Tageslicht Mangelware ist, sinkt der Serotonin-Spiegel. Die Folgen liegen auf der Hand: Bedenken werden hin- und hergewälzt, und ebenso sehr wie der Antrieb fehlt vielen der Sinn.

          Licht wirkt nicht nur bei psychischem, sondern auch bei körperlichem Leid. Vor allem Blaulicht soll nützlich sein
          Licht wirkt nicht nur bei psychischem, sondern auch bei körperlichem Leid. Vor allem Blaulicht soll nützlich sein : Bild: dpa

          Dass Licht seine Spuren im Wohlbefinden hinterlässt, wusste man natürlich schon, bevor die Forschung diese Erklärung fand. Dass man beispielsweise den Willen von Menschen brechen konnte, indem man sie in fensterlose Zellen sperrt, machten sich die Nationalsozialisten ebenso zunutze wie später das DDR-Regime. Umgekehrt schickten Ärzte ihre Patienten schon seit der Antike immer wieder an die frische Luft; schon vor der Zeitenwende sprach sich der Arzt Aretaios dafür aus, dass „Lethargiker in das Licht gelegt werden und den Strahlen der Sonne exponiert werden sollen“. Aber bis die moderne Psychiatrie sich auf die Empfehlungen der antiken Kollegen besann, zogen nicht nur zweitausend Jahre ins Land; es musste auch Herbert Kern auf der Bildfläche amerikanischer Forscher erscheinen.

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