https://www.faz.net/-hrx-9q5kr

Kräuteranbau für Naturkosmetik : Ein Schöner Land

Wenn Ringelblumen leuchten: Die Blüten, die Dieter Müller erntet, landen später in den Produkten von Weleda. Bild: Claudia Burger

Ein Bio-Landwirt aus Hessen setzte vor Jahrzehnten auf den Anbau von Kräutern für Naturkosmetik. Das war damals ziemlich gewagt – heute erntet er die Erfolge.

          Gute Nachrichten auf dem Kräuterhof in Staufenberg: Es regnet an diesem Juli-Vormittag. Die Nässe tut den Pflanzen gut, nach der Hitze der vergangenen Wochen, und wegen des Regens könnte Dieter Müller heute ohnehin nicht ernten. Also hat er Zeit, seine Felder zu zeigen. Der Landwirt, 60 Jahre alt, bestimmtes Auftreten, Barbour-Jacke über Poloshirt und Wollpullover, beschichtete Hose, tendiert überhaupt zu guten Nachrichten. Zu ungewöhnlich vielen, gemessen an den Problemen, die viele seiner Kollegen so umtreiben: den zunehmend extremen Wetterbedingungen, der ungünstigen Preisentwicklung, der Konkurrenz auf dem Weltmarkt, den Finanzinvestoren, die an die Böden der Bauern wollen.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Einer der Gründe, weshalb Dieter Müller ganz guter Dinge sein kann, wächst auf seinen Feldern in leuchtendem Orange. Er braucht verhältnismäßig wenig Platz. 175 Hektar Landwirtschaft betreibt er, 30 Hektar davon sind Kräuter – und davon ist ein Teil für die Calendula vorgesehen, besser bekannt als Ringelblume. Wenn Menschen auf der ganzen Welt, überall dort, wo die Naturkosmetikmarke Weleda verkauft, eine Tube, einen Tiegel, eine Flasche zur Hand nehmen, kräftig schütteln und Creme auf ihrem Körper verteilen, dann tragen sie damit vielleicht auch ein Stück von Müllers Feldern auf.

          Es sind nicht mehr nur die Deutschen, die mit der Bio-Brille einkaufen 

          Denn in den Cremes sind Kräuter enthalten. Die wachsen auf der ganzen Welt und werden auch an zahlreichen Standorten zu Pflegeprodukten weiterverarbeitet, in Schwäbisch-Gmünd, Arlesheim in der Schweiz und Huningue (Hüningen) im Elsass. Es gibt Fabriken in Brasilien, Großbritannien, Neuseeland. Einer der Lieferanten, mit denen Weleda zusammenarbeitet, ist Dieter Müller, und seine Calendula wächst hier, in Staufenberg, von Frankfurt aus kommend hinter Gießen.

          Also raus aufs Feld, vorbei am Thymian, daneben der Schnittlauch. Dass es zu lange zu trocken war, sagt Müller, könne man an den Graswegen sehen. „Die sind so braun wie in Italien." Müller streift den Roggen und deutet zum Horizont. An guten Tagen könne man von hier aus den Feldberg sehen, dahinter liegt Frankfurt. Heute verschwinden die Umrisse mit der grauen Suppe.

          Müller – auf dem Kopf einen Hut, auf den der Regen prasselt – dreht sich um und zieht weiter Richtung Lichtpunkt. Denn die Calendula leuchtet wirklich, trotz oder gerade wegen des Regens. Ein Feld aus orangefarbenen Ringelblumen. „Würde jetzt die Sonne scheinen, wären sie offen", sagt Müller. So sind viele Blüten geschlossen. Im Hintergrund pflücken Erntehelfer unter Kapuzen und Capes von Hand. Sie kommen aus Polen, es seien aber auch Frauen dabei, Türkinnen und Kurdinnen, die in der Gegend wohnen. „Sie sind oft ungern auf demselben Feld, aber die Arbeit verbindet." Gibt es einen Anschlag in der Heimat, sei die Stimmung trotzdem schlecht, auch auf diesem Feld.

          Der Bedarf an Bio-Beauty Produkten wächst.

          Sechs Mal gehen die Erntehelfer in einem Sommer über das Feld. Gut eine Woche dauert es, bis sie es einmal leer gepflückt haben, dann wachsen neue Blüten, die Müller an Weleda nach Schwäbisch-Gmünd liefert und die dort verarbeitet werden. Am Ende eines Jahres hat Müller gut zwölf Tonnen Kräuter an das Naturkosmetikunternehmen geliefert. Das braucht diese Rohstoffe, denn der Bedarf an Bio-Beauty wächst. Warum das so ist, lässt sich am Calendula-Beispiel erklären, etwa am Pflegeöl. Die Liste der Inhaltsstoffe auf der Rückseite der Produkte ist gemessen daran, dass man es hier mit überall verkäuflicher Ware zu tun hat, die somit Mindeststandards im Hinblick auf die Haltbarkeit unterliegt, legendär kurz. Darin enthalten sind: Sesamöl und Calendula-Extrakt, das war's.

          Weitere Themen

          Wie eine Feder im Wind

          Der „Jardin Plume“ : Wie eine Feder im Wind

          Der französische „Jardin Plume“ überzeugt durch Naturnähe und Diversität. Er ist einer der spektakulärsten Gärten in der Normandie – barock und gleichzeitig modern. Noch ist er ein Geheimtipp.

          Topmeldungen

          Champions League im Liveticker : Bayern vorn, Bayer hinten

          Bayern München startet gegen Roter Stern Belgrad in die Champions League und führt zur Halbzeit. Bayer Leverkusen beginnt ebenfalls mit einem Heimspiel. Moskau lockt zwar keine Zuschauer, geht aber abermals in Führung. Verfolgen Sie die Spiele im Liveticker.

          Plan für Klimaneutralität : Die Stunde der Klimaretter

          Am Freitag will die Regierung den Plan für ein klimaneutrales Deutschland beschließen. Was kommt da auf uns zu? Wir beantworten die wichtigsten Fragen.

          Geringer Inflationsdruck : Amerikanische Notenbank senkt Leitzins abermals

          Wegen der unsicheren wirtschaftlichen Entwicklung der Vereinigten Staaten hat die amerikanische Notenbank Fed ihren Leitzins zum zweiten Mal in Folge um 0,25 Prozentpunkte gesenkt. Die Notenbanker fassten den Beschluss jedoch nicht einstimmig.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.