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Foto: Daniel Pilar

Wie wir in düsteren Zeiten Hoffnung finden

Von JOHANNA DÜRRHOLZ und FRANZISKA PRÖLL (Text),
MAXIMILIAN VON LACHNER und DANIEL PILAR (Fotos)
Foto: Daniel Pilar

26. November 2022 · Krieg, Klimawandel, Pandemie, Inflation, Energiekrise – und jetzt auch noch November! Wie hält man das durch? Wir haben Menschen gesprochen, die das schaffen, trotz allem.

Jetzt müssen wir wieder im Dunkeln aufstehen. Morgens liegt Nebel über den Dächern der Stadt, Geräusche aus der Wohnung unter uns dringen nach oben, der Warmwasserboiler rumort, die ukrainische Familie von unten ist früh wach, sie wohnen seit Kurzem hier, und manchmal kann man das kleine Mädchen auf dem Balkon auf Russisch telefonieren hören, mit dem Papa, der in der Heimat geblieben ist.

Solange es noch geht, fahren wir ins Büro, solange es Fallzahlen und Inzidenzen zulassen, solange die Grippe uns noch verschont. Das halbe Kollegium bleibt schon wegen des Schnupfens daheim, die Stimmung ist mies. In der Bahn trägt ein Mann keine Maske, ein anderer nimmt sie zum Niesen ab. Wir gehen morgens hinaus in die Dunkelheit, wir kommen abends in der Dunkelheit zurück. Tagein, tagaus.

Wir drehen die Heizung nur auf, wenn es nicht anders geht, schlafen unter zwei Decken und nehmen die Wärmflasche mit ins Bett. Wir denken zurück an den Sommer. Wir hoffen, dass es bald wärmer wird, wir wissen, dass es gewiss wieder warm werden wird, sehr warm sogar, und dass das gar keine so gute Nachricht ist.

Bedrückend war der November schon immer. Dieses Mal verbringen wir ihn im Ausnahmezustand – inmitten mehrerer, untrennbarer Krisen: Pandemie, Krieg, Energiekrise, Klimawandel. Die Ausnahme ist längst normal geworden. Wir haben uns daran gewöhnt, dass wir „Krise“ nur noch im Plural verwenden. Wir haben „Zeitenwende“ in unseren Grundwortschatz integriert. Hoffnungsvoll sind wir schon lange nicht mehr, sondern grundskeptisch.

Larysa Zharkov
„Mir hat ein ukrainisches Lied geholfen: ‚Es gibt Hoffnung! Solange die Sonne scheint, das wasser fließt.‘“

Larysa Zharkova, 49, ist Lehrerin. Wegen des Kriegs in der Ukraine ist sie nach Bremen geflüchtet.
Larysa Zharkova, 49, ist Lehrerin. Wegen des Kriegs in der Ukraine ist sie nach Bremen geflüchtet. Foto: Daniel Pilar
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Jeden Morgen wache ich auf und spüre Hoffnung. Ich hoffe, dass der Tag etwas Gutes bringen wird, etwas Neues, etwas, aus dem wir lernen können. Anfang März bin ich mit meiner Familie aus unserer ukrainischen Heimat nach Bremen geflohen. Nun habe ich wieder Vertrauen in mich selbst und kann wieder Hoffnung empfinden. Als der Krieg begann, als wir geflohen sind, war ich einfach nur verzweifelt. Ich wusste nicht, was die Zukunft bringt – ob ich überhaupt eine habe. Wir haben in Kiew gelebt. Nicht weit weg von unserer Wohnung sind Bomben explodiert. Meine Schwester sagte: „Wir können nicht bleiben. Es ist zu gefährlich.“

Ende Februar haben wir unsere Sachen gepackt. Mit „wir“ meine ich zwei meiner drei Kinder und mich, meine Schwester und ihren Mann, meine Mutter, meine Nichte und deren Sohn. Wir wollten alle zusammen fliehen. Als Familie. Meine Mutter und meine Nichte sitzen im Rollstuhl. Deshalb konnten wir nicht einfach aufbrechen, sondern mussten ein Transportmittel organisieren. Nach etwa fünf Tagen kamen wir in Kontakt mit der Caritas. Helfer fuhren uns in einem Bus nach Polen. Sie brachten uns in ein Feuerwehrhaus nahe der Grenze zu Deutschland, wo wir ein paar Tage lang feststeckten. Mir fiel es dort schwer, zur Ruhe zu kommen. Das Feuerwehrhaus war voller Menschen, richtige Betten gab es nicht und auch keine Duschen. Aber es gab Tische und etwas Warmes zu essen. Eines Abends saß ich mit meiner Familie zusammen, wir haben Suppe mit Würstchen gegessen und geredet, da hatten wir die Idee, Lieder zu singen. So wie wir es früher bei Familientreffen gemacht haben. Das Singen war für mich wie eine Meditation. Ich wurde ruhiger, und es gelang mir, wieder daran zu glauben, dass uns bessere Zeiten bevorstehen. Ein ukrainisches Lied, das mir geholfen hat, geht so: „Es gibt Hoffnung! Solange die Sonne scheint, solange das Wasser fließt.“

Meine Schwester hat von Polen aus viele deutsche Hilfsorganisationen angeschrieben. Der Martinsclub, ein Verein aus Bremen, hat geantwortet. Sie sagten, sie hätten einen Bus und behindertengerechte Wohnungen. Sie luden uns ein, bei ihnen mitzufahren. Ein paar Tage später waren wir unterwegs. Am 16. März kamen wir in Bremen an. Die ersten Tage waren schwierig. Wir hatten ja nie zuvor alle unter einem Dach gelebt. Hinzu kamen die ganzen Emotionen, die eine Flucht mit sich bringt. Was mir sehr geholfen hat, waren Spaziergänge durch die Natur. Vielleicht klingt es komisch, aber ich laufe am liebsten über den Friedhof in der Nähe unserer Wohnung, einen großen, gepflegten Park mit alten Bäumen und bunten Blumen. Dieser Ort ruft mir ins Bewusstsein, dass wir nur ein Leben haben. Dass wir die Zitrone nehmen und daraus Limonade machen sollten. Auch wenn man mit einer Situation nicht einverstanden ist, kann man sie akzeptieren und weitermachen.

Meine jüngere Tochter, 18 Jahre, studiert nun Informatik in Berlin. Mein Sohn, 16 Jahre, besucht eine internationale Schule in Bremen. Meine ältere Tochter, 25 Jahre, lebt schon länger in Berlin, spricht sehr gut Deutsch und hilft uns mit all den Papieren. Ich lerne Deutsch. Und ich unterrichte ukrainische Schülerinnen und Schüler in Englisch, denn ich bin Lehrerin. Meiner Mutter fällt es schwerer zu akzeptieren, dass sie sich jetzt in Deutschland befindet. Sie war neun Jahre alt, als der Zweite Weltkrieg endete. Trotzdem versucht sie, die Situation mit Humor zu nehmen. „In hoffnungslosen Zeiten helfen Liebe, Natur und Humor“, sagt sie immer. Und scherzt: „Mein Vater, der Soldat, hat in Berlin den Sieg gefeiert. Ich habe es noch weiter gebracht, bis nach Bremen.“
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