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Krankenhäuser : Gesund werden durch Aubergine

  • -Aktualisiert am

Das von Architekten und Mediengestaltern entwickelte Modellzimmer an der Berliner Charité soll Geborgenheit vermitteln. Bild: Jens Gyarmaty

Macht gutes Design gesund? Können Fußböden in Aubergine und Holzverkleidungen helfen, schwerstkranke Patienten zu heilen? An der Charité wird das nun getestet.

          6 Min.

          Jeden Morgen geht auf der Intensivstation die Sonne auf. Mitten im Zimmer, selbst bei heruntergelassenen Rollläden, jeden Tag ein paar Minuten später. 6:56 Uhr. Über dem Fußende von Bett 7, in dem an diesem Dienstag eine Sechzigjährige liegt, steigt ein Feuerball an die Decke und taucht den Raum in warmes, mildes Gelb, das heller und heller wird. Die leeren Plastikbeutel am Bettrahmen zeugen von Blutkonserven und der mehrstündigen Bauchoperation vom Vortag. Ein Monitor mit Kurven und Zahlen in Leuchtfarben erinnert daran, dass hier rund um die Uhr Venendruck, Herzfrequenz und Sauerstoffsättigung gemessen werden. Aber die Tumorpatientin wird mittags in ihrem Bett sitzen, den Sauerstoffschlauch in der Nase, und sagen: „Das Licht ist schön. Das passt sich so der Tageszeit an. Hier fühle ich mich entspannt.“

          Julia Schaaf

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Intensivstation: der Inbegriff der Hightech-Medizin, der Ort, wo das Leben systematisch auf der Kippe steht und Organ für Organ von Maschinen ersetzt werden kann, bis der Mensch im Ernstfall nur noch an Geräten hängt.

          Mehr als grüne Wände und Wohlfühlatmosphäre

          Die beiden neugestalteten Zimmer an der Berliner Charité jedoch, die als Modell für eine Intensivstation der Zukunft erforscht werden sollen, erinnern eher an ein frisch eröffnetes Designhotel. Nussbraun vertäfelte Wände mit grober Maserung, ein edler Kautschukfußboden in Aubergine. Das Regal, das einem Raumteiler gleicht und aus dem Doppelzimmer zwei Bettplätze mit etwas Privatsphäre macht, schwingt sich in großem Bogen von der Decke in einer Mischung aus Retro und Futurismus. Horizont und Himmel sind in Wirklichkeit ein gigantischer Bildschirm, dessen Software den natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus kennt und der sich wie ein Baldachin über die Patienten wölbt.

          „Das Interessante ist zu zeigen, dass Architektur gesünder machen kann“, sagt Thomas Willemeit, Architekt bei dem Berliner Büro Graft. Man könnte nun unken: Das wollten schon viele. Auch das Unbehagen an der zweckorientierten Ausstattung von Intensivstationen ist nichts Neues. Es gibt deshalb Kliniken, in denen Kunsttherapeuten Wände grün gestrichen haben oder Intensivstationen nach Feng-Shui-Prinzipien eingerichtet wurden. Claudia Spies jedoch, Leiterin des Charité-Zentrums für Anästhesiologie, OP-Management und Intensivmedizin, die das Forschungsprojekt „Parametrische (T)Raumgestaltung“ gemeinsam mit Willemeit angestoßen hat, sagt: „Es war nie konsequent. Es war immer nur der Versuch, eine Wohlfühlatmosphäre zu schaffen.“

          In konventionellen Zimmern auf Intensivstationen fühlen sich Patienten oft hilflos.
          In konventionellen Zimmern auf Intensivstationen fühlen sich Patienten oft hilflos. : Bild: Jens Gyarmaty

          Wenn man verstehen will, warum das Bundeswirtschaftsministerium eine Million Euro in dieses Projekt investiert hat und warum zwei schicke Zimmer auf einer 400-Betten-Station mehr sein sollen als überkandidelter Luxus in einem angeschlagenen Gesundheitswesen, lohnt sich ein Rückblick in die Geschichte der Intensivmedizin.

          „Wir wollen wache, kooperative Patienten“

          Als Heike Held vor 25 Jahren anfing, als Intensivpflegefachkraft zu arbeiten, galt: „Der liebste Patient war, wer ruhig war - und lange ruhig war.“ Die Patienten waren tief sediert, weil man dachte, das sei die Voraussetzung, um Vitalfunktionen durch Apparate zu unterstützen und den Heilungsprozess zu fördern. Held, Krankenschwester an der Charité, erzählt von Durchschnittsliegezeiten von einem halben Jahr. „Den lassen wir schön schlafen. Schlaf ist Rekonvaleszenz“, hieß es damals, wie sich Held erinnert, um sofort klarzustellen: „Das war trügerisch.“

          Denn künstlicher Schlaf ist keineswegs heilsam. Wenn Patienten aus ihrem Koma erwachten, panikartig und zutiefst verzweifelt, war der Muskelabbau so weit fortgeschritten, dass sie sich kaum bewegen konnten. Beatmungsgeräte ließen sich nicht mehr abtrainieren. Wer seinen Schleim nicht abhusten konnte, bekam neue Infektionen. Oft dauerte es Monate, bis Patienten wieder alleine aßen.

          In den vergangenen zehn Jahren sind in der Intensivmedizin deshalb Standards entwickelt worden, die die Prämissen von einst ins Gegenteil verkehrt haben. „Wir wollen wache, kooperative Patienten, die nicht mehr hilflos im Bett liegen, sondern sich artikulieren können“, sagt Spies. Früher seien nach einem septischen Schock, einem Multiorganversagen, bis zu 80 Prozent der Patienten gestorben. Heute liege das Risiko bei 25 bis 30 Prozent. Und das nicht, weil sich die Therapien verbessert hätten, sondern die Rahmenbedingungen. Die durchschnittliche Verweildauer auf Spies’ Station beträgt heute drei bis acht Tage.

          Intensivstationen können dem Heilungsverlauf schaden

          Dafür gibt es neue Komplikationen. Denn die Patienten liegen, wach und kooperativ, wie sie sein sollen, auf einer Station, die für Dauerschläfer eingerichtet worden war. Ein Blick in das hellste und größte Zimmer der Intensivstation an der Charité, das bis zum Bezug der Modellzimmer als das schönste gelten musste, macht klar, was das bedeutet: Wie in einer ansonsten leeren Lagerhalle stehen zwei Krankenhausbetten im Raum, eingekreist von Hightech-Geräten. Der Infusionsbaum, das Absauggerät, überall sind Schläuche. Man hört das Pumpen der Lungenersatzmaschine und das Rauschen des Dialyseapparats, unterlegt mit den Kontrolltönen des Monitors. Immer wieder piept es grell und blinkt: ein Alarm, wenn der Kreislauf des Patienten wegsackt. Lärmbelastungen von 60 Dezibel sind auf Intensivstationen keine Seltenheit; 80 Dezibel herrschen am Flughafen. Dazu Dauerbeleuchtung, 24 Stunden am Tag.

          „Die Patienten empfinden das Technische als bedrohlich“, sagt Claudia Spies. „Sie haben Angst. Doll viel Angst. Und sie wissen nicht, was gleich mit ihnen passiert. Dieses ganze Unsichere, das Ungeborgene, trägt letztendlich dazu bei, dass die Patienten hilflos sind und sich ausgeliefert fühlen.“ Die meisten schliefen schlecht. Sie litten an Stress und Desorientierung. Das aber sei schädlich für den Heilungsverlauf.

          Man weiß inzwischen, dass Intensivpatienten typischerweise Delirzustände ausbilden, Aufmerksamkeitsstörungen, die in einem Drittel der Fälle zu bleibenden Hirnschäden führen. Wiederum ein Drittel der Patienten leidet Befragungen der Charité zufolge noch Jahre später an posttraumatischen Belastungsstörungen - nicht wegen der lebensbedrohlichen Erkrankung, sondern wegen der Umstände der intensivmedizinischen Behandlung. Krankenhauspsychologin Claudia Denke sagt: „Nicht nur das Überleben ist ein Kriterium. Wir wollen, dass die Menschen psychisch gesund überleben und zurück in ihren Alltag finden.“

          Das Bedrohliche verschwindet hinter einer Vertäfelung

          Zunächst hat man an der Charité mit Verbesserungen in der Pflege reagiert und das Personal daraufhin geschult, Schmerzen individuell zu behandeln und Bewusstseinsveränderungen möglichst schnell zu erkennen. Ärzte und Pfleger versuchten, den Lärmpegel niedrig zu halten. Wer die Herzlichkeit sieht, mit der die Pflege an die Patienten herantritt, die Hand einer alten Dame nimmt oder plaudert, kapiert sofort, dass Zuwendung unersetzlich ist. Aber der Erfolg hielt sich in Grenzen. Spies sagt: „Meine Kompetenzen waren zu Ende.“

          Das war der Punkt, an dem sich die Berliner Anästhesistin und ihr Team mit Architekten und Mediengestaltern, mit Schlafforschern und Psychologen zusammengesetzt und versucht haben, wie Thomas Willemeit es nennt, die Patientenperspektive einzunehmen. Dafür haben sich die Beteiligten tatsächlich selbst in Krankenhausbetten gelegt und sich von den jeweils anderen Berufsgruppen überzeugen lassen, selbst eingefleischte Routinen in Frage zu stellen.

          Und deshalb verschwindet in den beiden neuen Zimmern nun das Gros der notwendigen Geräte hinter der braunen, holzartigen Vertäfelung, die auch die Lärmbelastung reduziert. Überwachungsfunktionen sind in einen Nebenraum verlagert, damit ein Hauch von Privatsphäre entsteht. Die Baldachindecke vermittelt Geborgenheit. Kokon statt Lagerhalle.

          „Morgens war es, als wenn die Sonne aufgeht“

          Dazu kommt die Bildschirm-Decke, schließlich geht der Blick bettlägriger Patienten oft vor allem nach oben. Der eigens entwickelte Riesen-Screen kann einem Joker gleich, ganz unterschiedliche Funktionen übernehmen - je nachdem, wie man ihn bespielt. So simuliert die Software Mediengestalter der Firma Art+Com den Wechsel der Tageszeiten, um Orientierung zu geben. Blaues Licht mit grünen Flecken ist dem Blick durch ein Blätterdach gen Himmel nachempfunden, Studien aufgreifend, denen zufolge sich Heilungschancen verbessern, wenn vor dem Krankenhausfenster Bäume stehen. Sechs Stunden am Tag erstrahlt künstliches Tageslicht, das die Hormonproduktion beeinflussen und so den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus unterstützen soll.

          Mit Hilfe eines Tabletcomputers können die Patienten außerdem an der Zimmerdecke Lichtpunkte bewegen wie in einem einfachen, überdimensionierten Computerspiel. Es geht nicht um Ablenkung. Die Idee ist, dass das Fokussieren von Aufmerksamkeit helfen könnte, die Schrecken des Delirs zu vermeiden. Architekt Willemeit geht sogar noch weiter: „Das ist der kraftvolle Moment, wo man das Gefühl hat, ein bisschen Herr der Lage zu sein.“ In einem Gesundheitszustand, der totale Abhängigkeit bedeute, vermittele es Autonomie, wenigstens medial auf die eigene Umgebung einzuwirken.

          „Das ist ein Forschungsprojekt“, sagt Spies. „Wir müssen natürlich noch beweisen, für welche Patienten es wirklich sinnvoll und einsetzbar ist.“ Ein Jahr lang soll der Heilungsverlauf der Patienten in den neuen Räumen systematisch mit Kranken verglichen werden, die in herkömmlichen Intensivzimmern untergebracht sind. Entscheidend wird sein, ob das Ausmaß der Delirien deutlich reduziert werden kann. In einem zweiten Forschungsschritt soll dann untersucht worden, welche Komponenten der Umgebung genau die Genesung fördern: der Raum an sich, der Lärmpegel, das Licht oder die mediale Bespielung.

          Die Patientin in Bett 7 jedenfalls sagt schon jetzt: „Morgens war es, als wenn die Sonne aufgeht. Ich bin begeistert.“

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