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Krankenhäuser : Gesund werden durch Aubergine

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Das war der Punkt, an dem sich die Berliner Anästhesistin und ihr Team mit Architekten und Mediengestaltern, mit Schlafforschern und Psychologen zusammengesetzt und versucht haben, wie Thomas Willemeit es nennt, die Patientenperspektive einzunehmen. Dafür haben sich die Beteiligten tatsächlich selbst in Krankenhausbetten gelegt und sich von den jeweils anderen Berufsgruppen überzeugen lassen, selbst eingefleischte Routinen in Frage zu stellen.

Und deshalb verschwindet in den beiden neuen Zimmern nun das Gros der notwendigen Geräte hinter der braunen, holzartigen Vertäfelung, die auch die Lärmbelastung reduziert. Überwachungsfunktionen sind in einen Nebenraum verlagert, damit ein Hauch von Privatsphäre entsteht. Die Baldachindecke vermittelt Geborgenheit. Kokon statt Lagerhalle.

„Morgens war es, als wenn die Sonne aufgeht“

Dazu kommt die Bildschirm-Decke, schließlich geht der Blick bettlägriger Patienten oft vor allem nach oben. Der eigens entwickelte Riesen-Screen kann einem Joker gleich, ganz unterschiedliche Funktionen übernehmen - je nachdem, wie man ihn bespielt. So simuliert die Software Mediengestalter der Firma Art+Com den Wechsel der Tageszeiten, um Orientierung zu geben. Blaues Licht mit grünen Flecken ist dem Blick durch ein Blätterdach gen Himmel nachempfunden, Studien aufgreifend, denen zufolge sich Heilungschancen verbessern, wenn vor dem Krankenhausfenster Bäume stehen. Sechs Stunden am Tag erstrahlt künstliches Tageslicht, das die Hormonproduktion beeinflussen und so den natürlichen Schlaf-Wach-Rhythmus unterstützen soll.

Mit Hilfe eines Tabletcomputers können die Patienten außerdem an der Zimmerdecke Lichtpunkte bewegen wie in einem einfachen, überdimensionierten Computerspiel. Es geht nicht um Ablenkung. Die Idee ist, dass das Fokussieren von Aufmerksamkeit helfen könnte, die Schrecken des Delirs zu vermeiden. Architekt Willemeit geht sogar noch weiter: „Das ist der kraftvolle Moment, wo man das Gefühl hat, ein bisschen Herr der Lage zu sein.“ In einem Gesundheitszustand, der totale Abhängigkeit bedeute, vermittele es Autonomie, wenigstens medial auf die eigene Umgebung einzuwirken.

„Das ist ein Forschungsprojekt“, sagt Spies. „Wir müssen natürlich noch beweisen, für welche Patienten es wirklich sinnvoll und einsetzbar ist.“ Ein Jahr lang soll der Heilungsverlauf der Patienten in den neuen Räumen systematisch mit Kranken verglichen werden, die in herkömmlichen Intensivzimmern untergebracht sind. Entscheidend wird sein, ob das Ausmaß der Delirien deutlich reduziert werden kann. In einem zweiten Forschungsschritt soll dann untersucht worden, welche Komponenten der Umgebung genau die Genesung fördern: der Raum an sich, der Lärmpegel, das Licht oder die mediale Bespielung.

Die Patientin in Bett 7 jedenfalls sagt schon jetzt: „Morgens war es, als wenn die Sonne aufgeht. Ich bin begeistert.“

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