https://www.faz.net/-hrx-7j1nv

Krankenhäuser : Gesund werden durch Aubergine

  • -Aktualisiert am

Denn künstlicher Schlaf ist keineswegs heilsam. Wenn Patienten aus ihrem Koma erwachten, panikartig und zutiefst verzweifelt, war der Muskelabbau so weit fortgeschritten, dass sie sich kaum bewegen konnten. Beatmungsgeräte ließen sich nicht mehr abtrainieren. Wer seinen Schleim nicht abhusten konnte, bekam neue Infektionen. Oft dauerte es Monate, bis Patienten wieder alleine aßen.

In den vergangenen zehn Jahren sind in der Intensivmedizin deshalb Standards entwickelt worden, die die Prämissen von einst ins Gegenteil verkehrt haben. „Wir wollen wache, kooperative Patienten, die nicht mehr hilflos im Bett liegen, sondern sich artikulieren können“, sagt Spies. Früher seien nach einem septischen Schock, einem Multiorganversagen, bis zu 80 Prozent der Patienten gestorben. Heute liege das Risiko bei 25 bis 30 Prozent. Und das nicht, weil sich die Therapien verbessert hätten, sondern die Rahmenbedingungen. Die durchschnittliche Verweildauer auf Spies’ Station beträgt heute drei bis acht Tage.

Intensivstationen können dem Heilungsverlauf schaden

Dafür gibt es neue Komplikationen. Denn die Patienten liegen, wach und kooperativ, wie sie sein sollen, auf einer Station, die für Dauerschläfer eingerichtet worden war. Ein Blick in das hellste und größte Zimmer der Intensivstation an der Charité, das bis zum Bezug der Modellzimmer als das schönste gelten musste, macht klar, was das bedeutet: Wie in einer ansonsten leeren Lagerhalle stehen zwei Krankenhausbetten im Raum, eingekreist von Hightech-Geräten. Der Infusionsbaum, das Absauggerät, überall sind Schläuche. Man hört das Pumpen der Lungenersatzmaschine und das Rauschen des Dialyseapparats, unterlegt mit den Kontrolltönen des Monitors. Immer wieder piept es grell und blinkt: ein Alarm, wenn der Kreislauf des Patienten wegsackt. Lärmbelastungen von 60 Dezibel sind auf Intensivstationen keine Seltenheit; 80 Dezibel herrschen am Flughafen. Dazu Dauerbeleuchtung, 24 Stunden am Tag.

„Die Patienten empfinden das Technische als bedrohlich“, sagt Claudia Spies. „Sie haben Angst. Doll viel Angst. Und sie wissen nicht, was gleich mit ihnen passiert. Dieses ganze Unsichere, das Ungeborgene, trägt letztendlich dazu bei, dass die Patienten hilflos sind und sich ausgeliefert fühlen.“ Die meisten schliefen schlecht. Sie litten an Stress und Desorientierung. Das aber sei schädlich für den Heilungsverlauf.

Man weiß inzwischen, dass Intensivpatienten typischerweise Delirzustände ausbilden, Aufmerksamkeitsstörungen, die in einem Drittel der Fälle zu bleibenden Hirnschäden führen. Wiederum ein Drittel der Patienten leidet Befragungen der Charité zufolge noch Jahre später an posttraumatischen Belastungsstörungen - nicht wegen der lebensbedrohlichen Erkrankung, sondern wegen der Umstände der intensivmedizinischen Behandlung. Krankenhauspsychologin Claudia Denke sagt: „Nicht nur das Überleben ist ein Kriterium. Wir wollen, dass die Menschen psychisch gesund überleben und zurück in ihren Alltag finden.“

Das Bedrohliche verschwindet hinter einer Vertäfelung

Zunächst hat man an der Charité mit Verbesserungen in der Pflege reagiert und das Personal daraufhin geschult, Schmerzen individuell zu behandeln und Bewusstseinsveränderungen möglichst schnell zu erkennen. Ärzte und Pfleger versuchten, den Lärmpegel niedrig zu halten. Wer die Herzlichkeit sieht, mit der die Pflege an die Patienten herantritt, die Hand einer alten Dame nimmt oder plaudert, kapiert sofort, dass Zuwendung unersetzlich ist. Aber der Erfolg hielt sich in Grenzen. Spies sagt: „Meine Kompetenzen waren zu Ende.“

Weitere Themen

Topmeldungen

Der französische Präsident Emmanuel Macron am 1. März 2021 in einem Impfzentrum in Bobigny in der Nähe von Paris

Corona-Krise in Frankreich : Der Präsident als Chefvirologe

Im Kampf gegen die Pandemie richtet sich Frankreichs Präsident immer weniger nach dem Urteil seiner wissenschaftlichen Berater. Stattdessen lässt sich Emmanuel Macron selbst als Corona-Fachmann inszenieren. Das sorgt nicht nur bei Ärzten für Unmut.
Unser Autor: Sebastian Reuter

F.A.Z.-Newsletter : Die Pandemie geht in die Verlängerung

Bund und Länder ringen trotz Mutanten-Gefahr um Öffnungsperspektiven. Der Streit um die Organisation der Impfungen dauert an. Wenig gestritten wurde dagegen in Baden-Württemberg. Was sonst wichtig wird, steht im Newsletter für Deutschland.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.