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Kleine Makel : Wenn das Spiegelbild nur den Horror zeigt

  • -Aktualisiert am

Bild: Getty Images

Es sind kaum sichtbare Schönheitsmakel: eine schiefe Nase, eine Narbe am Bein. Manche Menschen können plötzlich an nichts anderes mehr denken. Das Leben wird zur Qual. Eine Begegnung.

          8 Min.

          Vor drei Jahren fing es an. Stephan* war beim Krafttraining in seiner Kaserne im Norddeutschen. Beim Bankdrücken schaut ein Kamerad herüber zu ihm. Auf seine Arme. „Was ist das?“ Der Kamerad lacht. „Beulenpest oder was?“ Ein Spaß unter Kollegen. Doch der Zweifel an sich und seinem Äußeren stand für Stephan das erste Mal im Raum. Noch nicht sehr stark. Aber er war jetzt da.

          Lipome hatte er zu jener Zeit schon seit ein paar Jahren. An Armen, Beinen, dem Rücken und dem Bauch. Gutartige Fettgeschwulste unter der Haut, die von den Fettzellen ausgehen und sich nach oben wölben. Kleine, rundliche Erhebungen, ungefährlich, kaum sichtbar. Sein Vater und sein Bruder hatten sie auch. Und hatten keine Probleme damit. Stephan auch nicht. Noch nicht. Niemand hatte ihn bis zu diesem Tag je darauf angesprochen.

          Beim Auslandseinsatz wachsen die Zweifel

          Anfang Februar 2013 tritt Stephan, Zeitsoldat bei der Bundeswehr, einen Auslandseinsatz auf einem kleinen Marineschiff an. Irgendwo im Mittelmeer. Achtzig Männer an Bord. Winzige Kajüten. Wenig Ablenkung. Viel Sport. Hohe Konzentration auf das Körperliche. Der Zweifel, der damals beim Krafttraining in der Kaserne zum ersten Mal aufgetaucht war, meldet sich auf dem Schiff zurück. Aus dem Nichts. Langsam zunächst. Dann immer schneller. Stephan betrachtet sich nun ausgiebiger im Spiegel.

          Sein Blick fokussiert sich. Lipome. Beulenpest. Die Mails an die Mutter, zu der er schon immer ein inniges Verhältnis hat, verdüstern sich. Anfangs noch handeln sie zumeist vom Schiffsalltag. Vom ordentlichen Essen, dem sonnigen Wetter, den sommerlichen Temperaturen im Februar. Schon im März sagen sie immer häufiger: „Ich bin nicht normal.“ Etwas stimmt nicht.

          Aus Zweifel wird Scham

          Etwas hat sich in Stephans Kopf eingenistet, das ihm von nun an keine Ruhe mehr lässt. Die kleinen Lipome, kaum sichtbar, werden für ihn groß, gefährlich, für alle Welt sichtbar. Zweifel an seinem Äußeren entwickeln sich zu Scham dafür. Er trägt nun keine T-Shirts mehr, trotz der Hitze. Selbst und gerade beim Sport nicht. Die Beulen an seinen Armen will er keinen Blicken mehr aussetzen.

          An Bord arbeitet er als Informatiker. Doch die Arbeit zu erledigen wird immer schwieriger für ihn. Er täuscht eine Magendarmgrippe vor. Derentwegen er ständig auf die Toilette müsse. Um Zeit zu schinden, sich im Spiegel zu betrachten. Ob alte Lipome vielleicht verschwunden sind. Oder neue hinzukamen. Und um für sich festzustellen, wie sehr die Lipome ihn doch entstellen. Von da an nimmt es seinen Lauf.

          Der Weg führt in die Psychosomatische Klinik

          Es ist Ende März 2014. Seit zwei Monaten ist Stephan nun hier, in der Schön-Klinik für psychosomatische Erkrankungen in Bad Bramstedt, norddeutsche Provinz, 40 Kilometer nördlich von Hamburg. Die Klinik, ein gewaltiger Komplex aus Backstein, liegt direkt am Waldrand etwas außerhalb der Stadt.

          Erst vor kurzem wurde hier umgebaut und die Klinik wegen großer Nachfrage um neue Kapazitäten erweitert. Hier wird alles behandelt, was Menschen das Leben schwer macht oder gar zur Hölle, Magersucht, Fettsucht, Waschzwang, Kontrollzwang, Borderline-Syndrom, Depressionen.

          Für das jüngste Fachgebiet ist die Schön-Klinik zugleich einzige Anlaufstelle in Deutschland. Für Menschen wie Stephan. Die unter einer Krankheit leiden mit dem Namen „Körperdysmorphe Störung“. Menschen, die manisch einen Makel an ihrem Körper in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. In Bad Bramstedt beschäftigt sich damit Christian Stierle, Mitte vierzig, leitender Psychologe und auch einer der Therapeuten von Stephan.

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