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Im Gespräch mit Karl Lagerfeld : „Der Zopf bleibt dran“

Karl Lagerfeld: Sein Zopf hat ein Marktwert von Millionen. Bild: AFP

Haare können sehr politisch sein. Karl Lagerfeld spricht im Interview über die kurzen Haare seiner Mutter, die grausigen Bärte von heute und warum er seinen Zopf trägt.

          Herr Lagerfeld, lassen Sie uns über Haare reden!

          Alfons Kaiser

          Verantwortlicher Redakteur für das Ressort „Deutschland und die Welt“ und das Frankfurter Allgemeine Magazin.

          In der Suppe?

          Stimmt, Haare sind im Deutschen meist nur für negative Wörter gut, wie zum Beispiel haarig.

          Ja. In Deutschland ist das Haar wichtig seit der Loreley. Vielleicht einer der Gründe, warum ich gerade heute für Schwarzkopf das "Freshlights Shooting" gemacht habe.

          Haben Haare eine tiefere Bedeutung?

          So tief wollen wir nicht gehen. Nur bis an die Wurzel.

          Was für Haare wollten Sie denn als Kind haben?

          Ich liebe weißes Haar. Meine Mutter hatte alle Bilder aus ihrer Jugend zerstört. Aber meine Tante hatte ein Bild, das ich noch irgendwo haben muss, auf dem meine Mutter mit weißem Haar abgebildet ist, ungefähr 1927, auf einem Maskenball - sie liebte solche Maskenbälle in ihrer Jugend. Ihr Haar war schwarz, später weiß. Mein Haar war Coca-Cola. Meine Mutter sagte: Du siehst aus wie eine alte Kommode. Sie wollte es sogar färben, weil sie die Farbe nicht mochte. Und nun sind meine weißen Haare gepudert wie im 18. Jahrhundert.

          Wie trug Ihre Mutter das Haar?

          Sie hat es sich schon sehr früh abgeschnitten, um 1919.

          Das war damals ein Akt der Emanzipation.

          Genau. Ja, sie war sehr feministisch. Auf den Bildern aus ihrer Kindheit hat sie ganz lange Haare. Später, für den Rest ihres Lebens, hatte sie die Haare immer kurz. Und weiß. Sie war ja 17 Jahre jünger als mein Vater, da konnte er ihr nichts vorwerfen.

          Was ist denn Ihre Lieblingshaarfarbe?

          Ich bin mehr für dunkles Haar. Ich bin kein Blond-Fanatiker. Andererseits: Es kommt darauf an, wer blond ist.

          Wann sind Sie auf die Idee mit dem Zopf gekommen?

          Das war 1976. Vorher gingen meine Haare in Locken hoch, wenn ich sie nicht abschnitt. Meine Mutter sagte: Du siehst aus wie eine alte Terrine - weil deren Henkel ja auch nach oben abstanden. Das mit den langen Haaren ging nicht mehr. Aber ich wollte sie nicht abschneiden, weil man immer sagte, dass sie dann nicht nachwachsen. Also habe ich das Gummiband drumgebunden.

          Mit offenem Haar sieht Sie nur Ihre Katze Choupette?

          Ich renne nie mit offenem Haar herum, auch nicht zu Hause. Ich hasse es, die Haare im Gesicht zu haben. Ich mache das Gummiband tiefer, so dass die Haare lockerer sind, auch beim Schlafen. Nur wenn ich mich frisiere, nehme ich das Gummiband ab. Fürs Frisieren habe ich ein spezielles Frisierkabinett wegen des Puders, weil das eine Schweinerei hinterlässt.

          Was sagen Sie zum Graue-Haare-Trend bei jungen Frauen?

          Anything goes! Erlaubt ist, was gefällt. Aber: Wenn Sie anderen gefallen wollen, ist das etwas anderes, als wenn Sie sich selbst gefallen wollen. Wenn Sie sich selbst gefallen wollen, haben Sie mehr Chancen, anderen zu gefallen. Denn wer etwas macht, nur um anderen zu gefallen, gefällt im allgemeinen den anderen nicht.

          Was ist mit Rothaarigen?

          Rothaarige müssen aufpassen, sie sollten nicht so viel in die Sonne. Aber ich gehe auch nicht mehr in die Sonne. Schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Ich will nicht aussehen wie eine alte Schildkröte. Daher meine schöne Haut. Gar nicht so schlecht, oder? Ohne Retusche. Ich bin aber ein Tugendpreis ohne Verdienst, denn ich habe nie Alkohol getrunken, nie Drogen genommen, nie geraucht. Das soll helfen. Neulich war ich zur Gesundheitsuntersuchung. Da haben die Ärzte gesagt: Ihr Organismus ist 25 Jahre jünger, als Sie es sind.

          Daher fallen Ihre Haare auch nicht aus.

          Na ja, ich habe das Gefühl, sie werden ein bisschen dünner. Früher habe ich die Haare ganz nach hinten gezogen. Das mache ich nicht mehr, da mache ich mir lieber einen lockeren Scheitel.

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          Wie wichtig sind die Haare bei den Modenschauen?

          Sehr wichtig. Mode, Schminke, Haare, Schuhe und das Mädchen müssen ein Totallook sein. Es ist nichts schlimmer, als mit unbegabten Friseuren und Schminkkünstlern zu arbeiten. Da würde ich wahnsinnig.

          Entwerfen Sie also auch die Haare, wenn Sie die Mode zeichnen?

          Doch, doch, doch. Ich habe eine Vision, die ich auf Papier bringe. Ich sehe alles vor mir und kann es gut in drei Dimensionen zeichnen. Ich bin ja nicht wie meine Kollegen, die zehn Leute an den Computern sitzen haben für die Zeichnungen. Ich mache alles selber. Ich bin Heimarbeiter.

          Manchmal zeichnen Sie aber nur halbe Köpfe.

          Das ist schwieriger, als einen ganzen zu zeichnen, weil man den ganzen Ausdruck in einen halben tun muss.

          Von Hüten auf dem Laufsteg sind Sie abgekommen.

          Im Allgemeinen ja. Das wirkt einfach zu damenhaft. Das kann man mal machen auf wilde Art, aber im Moment liegt es nicht in der Luft. Als Kind mochte ich selbst Tirolerhüte, aber meine Mutter sagte zu mir: Setz keine Hüte auf, Du siehst aus wie eine alte Lesbierin.

          Sie sprach ziemlich offen darüber, obwohl sie doch katholischer Herkunft war.

          Im Berlin der zwanziger Jahre war die katholische Herkunft nicht wichtig. Mein Vater und meine Mutter haben darunter gelitten, daher sind sie aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die Eltern meines Vaters und die Mutter meiner Mutter waren ja hysterisch, deshalb hatten meine Eltern das satt. Meine Mutter sagte: Es gibt einen Gott für alle, und Religion ist nur ein Laden.

          Die Frisuren in Ihrer Salzburg-Kollektion vom vergangenen Dezember erinnern sehr an die Achtziger.

          Aber es sieht nicht danach aus bei Mädchen von 2015. Da habe ich Filme und vieles mehr evoziert. Ich tue das einfach in den Look. Ich mache ja kein Marketing, ich mache das einfach so. Das ist improvisiert.

          Und wie sieht's generell mit aufgedonnerten Frisuren aus?

          Nein, furchtbar. Natürlicher ist es besser. Wie die Pariserinnen es halten. Schauen Sie sich Inès an! Aber es war mal Mode. Und niemand kommt gegen die Mode an.

          Nochmal zum Zopf. Wollten Sie damals Ihre Haare bändigen oder sich ein Logo erschaffen?

          Weder das eine noch das andere. Bequemlichkeit war der Grund. Und eine Vorliebe für das 18. Jahrhundert, als alle noch einen Zopf hatten. Aber der "aile de pigeon" mit Locken an den Seiten, der ging ein bisschen zu weit. Das hat man beim Maskenball gemacht.

          Den Zopf können Sie nun nie mehr abschneiden.

          Der bleibt dran. Ich bin nicht begabt für Frisuren. Ich muss nur bürsten, Gummiband dran, dann hat sich das.

          Ihr Zopf hat einen Marktwert von Millionen.

          Ja, aber das habe ich nicht absichtlich gemacht. Da habe ich Schwein gehabt. Ich bin da ein unschuldiges Opfer, das von seiner Unschuld profitiert. Mein ganzer Look hat sich natürlich entwickelt. Die hohen Kragen hatte ich schon vor 40 Jahren. Die liebte ich wegen meines Patenonkels. Das war der schickste Mann, den ich je gesehen habe, und der einzige Mensch, der mich je geohrfeigt hat: der berühmte Professor Conrad Ramstedt. Und meine Mutter hatte zwei Vorbilder, so müsse man aussehen, meinte sie: Walter Rathenau und Harry Graf Kessler.

          Vom Styling her sehen Sie ähnlich aus.

          Aber das Styling mache ich nicht bewusst. Das ist eine unmeditierte natürliche Entwicklung.

          Wie lange brauchen Sie, um die Haare morgens zu machen?

          Zwei Minuten. Ich muss Puder drauftun, dann Lack, dann wieder Puder auf den Lack. Sonst stehen die Haare ab wie bei einer Merengue.

          Sie sind doch ein Mann der Veränderung. Hat es Sie nie gereizt, die Haare zu verändern?

          Habe ich doch. Die waren ganz kurz, als ich jung war, in den Sechzigern waren sie gelockt, dann habe ich sie zusammengesteckt, und damit hat sich das.

          Und heute?

          Wenn ich begabter im Frisieren wäre! Aber das bin ich nicht. Offen gestanden: Ich habe keine Zeit, daran zu denken.

          Haben Sie überhaupt einen Friseur?

          Ja, eine Friseuse, die zu mir ins Haus kommt. Allein kriege ich die Haare gar nicht auf die richtige Art trocken - wenn ich sie wasche, werden sie gelockt. Sie kommt schon seit 35 Jahren zu mir. Ich gehe ja gar nicht mehr auf die Straße, gehe in keinen Frisiersalon mehr. Nee, nee, das geht nicht.

          Haare sind ja auch eine religiös-ideologische Frage. Wenn man an Musliminnen denkt, die ihre Haare verstecken wollen oder sollen.

          Ja, die Frau meines Hauswarts auf dem Land versteckt auch ihre Haare und verschleiert sich.

          Da sieht man, wie politisch Haare sein können.

          Ja, und die Männer mit ihren grauenhaften Bärten! Im Moment möchte ich wirklich keinen Bart tragen. Das ist eine Rückkehr in ganz dunkle Zeiten. Eine Unkultur. Sie machen damit ihre eigene Kultur kaputt.

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