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Im Gespräch mit Karl Lagerfeld : „Der Zopf bleibt dran“

Manchmal zeichnen Sie aber nur halbe Köpfe.

Das ist schwieriger, als einen ganzen zu zeichnen, weil man den ganzen Ausdruck in einen halben tun muss.

Von Hüten auf dem Laufsteg sind Sie abgekommen.

Im Allgemeinen ja. Das wirkt einfach zu damenhaft. Das kann man mal machen auf wilde Art, aber im Moment liegt es nicht in der Luft. Als Kind mochte ich selbst Tirolerhüte, aber meine Mutter sagte zu mir: Setz keine Hüte auf, Du siehst aus wie eine alte Lesbierin.

Sie sprach ziemlich offen darüber, obwohl sie doch katholischer Herkunft war.

Im Berlin der zwanziger Jahre war die katholische Herkunft nicht wichtig. Mein Vater und meine Mutter haben darunter gelitten, daher sind sie aus der katholischen Kirche ausgetreten. Die Eltern meines Vaters und die Mutter meiner Mutter waren ja hysterisch, deshalb hatten meine Eltern das satt. Meine Mutter sagte: Es gibt einen Gott für alle, und Religion ist nur ein Laden.

Die Frisuren in Ihrer Salzburg-Kollektion vom vergangenen Dezember erinnern sehr an die Achtziger.

Aber es sieht nicht danach aus bei Mädchen von 2015. Da habe ich Filme und vieles mehr evoziert. Ich tue das einfach in den Look. Ich mache ja kein Marketing, ich mache das einfach so. Das ist improvisiert.

Und wie sieht's generell mit aufgedonnerten Frisuren aus?

Nein, furchtbar. Natürlicher ist es besser. Wie die Pariserinnen es halten. Schauen Sie sich Inès an! Aber es war mal Mode. Und niemand kommt gegen die Mode an.

Nochmal zum Zopf. Wollten Sie damals Ihre Haare bändigen oder sich ein Logo erschaffen?

Weder das eine noch das andere. Bequemlichkeit war der Grund. Und eine Vorliebe für das 18. Jahrhundert, als alle noch einen Zopf hatten. Aber der "aile de pigeon" mit Locken an den Seiten, der ging ein bisschen zu weit. Das hat man beim Maskenball gemacht.

Den Zopf können Sie nun nie mehr abschneiden.

Der bleibt dran. Ich bin nicht begabt für Frisuren. Ich muss nur bürsten, Gummiband dran, dann hat sich das.

Ihr Zopf hat einen Marktwert von Millionen.

Ja, aber das habe ich nicht absichtlich gemacht. Da habe ich Schwein gehabt. Ich bin da ein unschuldiges Opfer, das von seiner Unschuld profitiert. Mein ganzer Look hat sich natürlich entwickelt. Die hohen Kragen hatte ich schon vor 40 Jahren. Die liebte ich wegen meines Patenonkels. Das war der schickste Mann, den ich je gesehen habe, und der einzige Mensch, der mich je geohrfeigt hat: der berühmte Professor Conrad Ramstedt. Und meine Mutter hatte zwei Vorbilder, so müsse man aussehen, meinte sie: Walter Rathenau und Harry Graf Kessler.

Vom Styling her sehen Sie ähnlich aus.

Aber das Styling mache ich nicht bewusst. Das ist eine unmeditierte natürliche Entwicklung.

Wie lange brauchen Sie, um die Haare morgens zu machen?

Zwei Minuten. Ich muss Puder drauftun, dann Lack, dann wieder Puder auf den Lack. Sonst stehen die Haare ab wie bei einer Merengue.

Sie sind doch ein Mann der Veränderung. Hat es Sie nie gereizt, die Haare zu verändern?

Habe ich doch. Die waren ganz kurz, als ich jung war, in den Sechzigern waren sie gelockt, dann habe ich sie zusammengesteckt, und damit hat sich das.

Und heute?

Wenn ich begabter im Frisieren wäre! Aber das bin ich nicht. Offen gestanden: Ich habe keine Zeit, daran zu denken.

Haben Sie überhaupt einen Friseur?

Ja, eine Friseuse, die zu mir ins Haus kommt. Allein kriege ich die Haare gar nicht auf die richtige Art trocken - wenn ich sie wasche, werden sie gelockt. Sie kommt schon seit 35 Jahren zu mir. Ich gehe ja gar nicht mehr auf die Straße, gehe in keinen Frisiersalon mehr. Nee, nee, das geht nicht.

Haare sind ja auch eine religiös-ideologische Frage. Wenn man an Musliminnen denkt, die ihre Haare verstecken wollen oder sollen.

Ja, die Frau meines Hauswarts auf dem Land versteckt auch ihre Haare und verschleiert sich.

Da sieht man, wie politisch Haare sein können.

Ja, und die Männer mit ihren grauenhaften Bärten! Im Moment möchte ich wirklich keinen Bart tragen. Das ist eine Rückkehr in ganz dunkle Zeiten. Eine Unkultur. Sie machen damit ihre eigene Kultur kaputt.

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