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Umstrittene Karikaturen : Warum denn nicht?

  • -Aktualisiert am

Phil Hubbe beim Zeichnen in seinem Atelier in Magdeburg. Bild: Patrick Slesiona

Der Karikaturist Phil Hubbe zeichnet Cartoons über Behinderte. Die sind witzig und böse. Und fast alle, die finden, das ginge nicht, sind gesund.

          Über die Witze von Phil Hubbe lachen die Menschen lieber im Dunkeln. Oder wenigstens dann, wenn sie nicht beobachtet werden. Am herzhaftesten, erzählt Hubbe, haben sie vor Jahren einmal gelacht, als der Zeichner seine Cartoons in Kassel ausstellte, bei der „Nacht der Museen“.

          Im Raum war viel los, man ging hinein und hinaus, ein großes Gewusel, in dem die Leute vor den Bildern an der Wand nicht weiter auffielen. Hubbe saß in der Ecke und hat sich alles angeschaut. „Die Leute haben viel mehr gelacht als bei meinen Lesungen“, sagt er. Da trauten sich die Gäste erst über ein Schmunzeln hinaus, wenn der Rollstuhlfahrer neben ihnen auch lache.

          Phil Hubbe ist Karikaturist, hat Multiple Sklerose und zeichnet „behinderte Cartoons“. So nennt er das selbst, und auch der Untertitel seiner Buchreihe, in der gerade ein neuer Band erschienen ist, lautet so. Als wir in der Redaktion über das Thema sprechen, darüber, wie wir es selbst nennen wollen, meint die Kollegin: „Behinderte Comics, darf man das sagen?“

          Hubbe hört diese Frage seit 1999 immer wieder. Damals hat er angefangen, Witze über Behinderungen und Krankheiten zu zeichnen. Jetzt sitzt er in seinem Atelier in einem sanierten Industriegebäude in Magdeburg, aus den Fenstern kann man bis zu den Windrädern im Umland gucken, und beantwortet schon wieder diese Frage. Bringen wir es also hinter uns.

          Warum sollte es Witze über Behinderte geben?

          Warum nicht? Humor ist wichtig. Zu einem meiner Comics über Multiple Sklerose, „MS Rainer“, hat mir eine Frau aus der Schweiz eine Mail geschrieben: Ihr Mann habe das erste Mal seit fünf Jahren über seine Krankheit lachen können, als er „MS Rainer“ gesehen hat. Das finde ich toll. Da können sich andere aufregen, wie sie wollen. Es war eh nie meine Absicht, die Welt besser zu machen. Ich zeichne nicht, um irgendeine pädagogische Botschaft zu vermitteln. Die Leute sollen einfach nur lachen.

          Und das tun sie?

          Ja, die Betroffenen tun es ganz besonders. Das freut mich auch total. Diejenigen, denen es am schlechtesten geht, haben den schwärzesten Humor. Denen kann es gar nicht böse genug sein. Sie beschweren sich eher darüber, dass ich ihre Krankheit noch nicht bearbeitet habe. Zuletzt kritisierte einer, dass es noch keinen Witz über Schuppenflechten gebe.

          Ihr Humor ist oft ziemlich schwarz. Wo ist Ihre Grenze?

          Die verschiebt sich. Wenn es mir schlechter geht, wird der Humor schwärzer. Ich zeichne aber nur das, wovon ich Ahnung habe. Ich bin zum Beispiel vorsichtig mit tödlichen Krankheiten. Ich würde aber nie sagen, dass man darüber grundsätzlich keine Witze machen darf, es gibt auch ein paar Zeichnungen von mir über Krebs.

          Aber keine über geistige Behinderung.

          Das ist schwer, ohne sich bloß lustig zu machen. Ich glaube nicht, dass man das so umsetzen kann, dass es die Betroffenen selbst verstehen. Ich hatte auch erst Hemmungen bei psychischen Erkrankungen. Ich war dann aber total überrascht, wie gut Depressive Witze über ihre Krankheit aufnehmen.

          Bilderstrecke

          Phil Hubbe wollte schon immer Zeichner werden. In der DDR war das nicht so einfach, also studierte er Mathematik. Er arbeitete als Schichtarbeiter in einem Keramikwerk, dann kamen die Jahre 1989, 1990, und die Möglichkeiten wurden größer. Das Problem: Kurz zuvor war bei Hubbe Multiple Sklerose diagnostiziert worden, eine Nervenerkrankung, die unterschiedlich verläuft, aber zu schweren Behinderungen führen kann.

          1988 hatte Hubbe nicht seinen ersten, aber einen schweren Krankheitsschub. In der Zeit konnte er quasi gar nichts machen. Sein Arzt sagte ihm damals: „Hören Sie auf mit dem Zeichnen, Sie werden das irgendwann nicht mehr können.“ Heute, fast 30 Jahre später, zeichnet Hubbe immer noch.

          Sie sagen, das Zeichnen hat Ihnen mit Ihrer Krankheit geholfen. Wie das?

          Ich habe eine Arbeit, die mir Spaß macht. Die meisten, die diese Krankheit haben, denen bricht der Job weg. Die Gefahr, sich in die Krankheit hineinzusteigern, ist dann groß. Und ich kann in meinem Beruf sogar noch meine Krankheit verarbeiten, das ist ein großes Glück. Wie sehr das alles den bei mir relativ guten Verlauf der Multiplen Sklerose beeinflusst, weiß ich aber nicht.

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