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Umstrittene Karikaturen : Warum denn nicht?

  • -Aktualisiert am

Haben Sie körperliche Einschränkungen?

Bei meiner Zeichnerei bin ich nicht groß beeinträchtigt. Ich bin zwar oft müde, aber ich kann mir meine Zeit und meine Pausen ja frei einteilen. Ansonsten habe ich feinmotorisch in der rechten Hand etwas Probleme - aber ich bin Linkshänder.

Und jenseits des Zeichnens?

Nach der Diagnose habe ich erst einmal wieder Fußball gespielt. Ich hab mir eine Bandage ums Knie gemacht und gedacht, dass das funktioniert. Das war ein Jahr, und das war Quatsch. Mit dem Sport ist es tatsächlich vorbei. Ich kann ein bisschen Fahrrad fahren, in meinem langsamen Tempo. Aber das sind Nichtigkeiten. Ich kenne viele Mitpatienten, die sitzen im Rollstuhl, andere sind inzwischen verstorben.

Diese schlimme Vorstellung von seiner Erkrankung haben viele Menschen, die Hubbe nicht kennen. Als er im vergangenen Jahr mit dem Zug zu einer Lesung nach Chemnitz gefahren ist, hat ihn die Frau, die ihn abholen sollte, erst einmal ignoriert. Und offensichtlich nach jemand anderem Ausschau gehalten: Draußen vor dem Bahnhof stand ein Behindertentransporter.

Sind Ihre Cartoon eigentlich nur okay, weil Sie selbst krank sind?

Das sagen die anderen immer: „Wenn einer sich aufregt, dann kannst du sagen, ich bin selbst betroffen.“ Stimmt zwar irgendwie, aber ich finde, es sollte um den Witz gehen und nicht darum, ob derjenige, der ihn zeichnet, behindert ist. Das wäre für mich eine Ausgrenzung - und davon haben wir in unserer Gesellschaft schon genug.

Was stört sie als Betroffener mehr: übermäßige Rücksichtnahme oder demonstrative Gleichgültigkeit?

Das nimmt sich nicht viel. Es ärgert mich schon, wenn Gesunde sagen: Das Thema interessiert mich nicht, das geht mich nichts an. Der Großteil der Rollstuhlfahrer ist verunfallt, es kann also jeden treffen. Behinderung und Nichtbehinderung finden nicht in zwei verschiedenen Welten statt.

Sie machen sich oft lustig über das „positive Denken“.

Den Spruch hört man dauernd, und ich hasse ihn. Wenn in Selbsthilfegruppen die schlechte Laune in Tütchen gepackt und weggeworfen wird, ist das verlogen. Es gibt ein Recht auf schlechte Laune. Wenn Filme über Behinderte gemacht werden, sind das immer Erfolgsgeschichten. Dabei machen die auch viel Mist, wie jeder andere Mensch.

Wie haben die Verlage auf die behinderten Comics reagiert?

Selbst der „Eulenspiegel“, immerhin ein Satiremagazin, war da anfangs enorm vorsichtig. Die fanden die Cartoons zwar ganz gut, hatten aber Angst, wie ihre Leser das sehen. Einmal haben sie dann eine Zeichnung von mir gedruckt, da fiel ein Einbeiniger aus dem Bett, und seine Frau sagte: „Oh, bist du mit dem falschen Bein aufgestanden?“ Schöner Witz. Da kam dann aber tatsächlich ein Leserbrief von einem, der wegen dieser Zeichnung sein Abo kündigte. Auf die erste Einsendung beim Lappan- Verlag habe ich damals übrigens auch keine Antwort bekommen. Jetzt ist da gerade mein sechster Band erschienen.

Sind die Reaktionen heute anders?

So richtig okay sind Witze über Behinderte immer noch nicht. Tageszeitungen von mir würden die Cartoons zum Beispiel nie alleinstehend drucken. Vor zwei Jahren durfte ich Entwürfe zeichnen für eine Sonderbriefmarke des Deutschen Behindertensportbundes, im Auftrag des Finanzministeriums. Genommen wurde am Ende aber kein Witz, weder einer von mir noch von den anderen Zeichnern. Sie haben etwas Harmloses ausgewählt, etwas Illustratorisches.

Gerade wirbt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit Cartoons auf großen Plakaten um Aufmerksamkeit für Geschlechtskrankheiten.

 Ja, das ist gut und mutig. Das ist ein Zeichen, dass inzwischen schon öfter mit Humor gearbeitet wird. 2006 habe ich für die Aktion Mensch eine Plakataktion machen dürfen. Auch der Erfolg des Films „Ziemlich beste Freunde“ mit der vom Hals abwärts gelähmten Hauptfigur steht dafür, dass sich etwas tut. Da lachen die Zuschauer vom Anfang bis zum Ende. Allerdings würde ich gerne mal sehen, ob das noch so wäre, wenn man im Kino das Licht anmachte.

Mehr von Phil Hubbe

„Mein letztes Selfie: Behinderte Cartoons 6“ mit Zeichnungen von Phil Hubbe ist Ende Juli im Lappan-Verlag erschienen; 80 Seiten, 9,99 Euro.

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