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Geht auch zuhause: Nichtstun in der eigenen Badewanne Bild: Picture-Alliance

Müßiggang : Von Nichts kommt nichts – oder?

  • -Aktualisiert am

Wie die Künstlerin Jenny Odell zur Ehrenrettung des Nichtstuns ansetzt. Und welche Rolle Vögel dabei spielen.

          Arbeitsmails, die aufs Handy geliefert werden und Anrufe von Kollegen, die weit nach Feierabend noch im Büro sitzen und unbedingt jetzt noch eine Zuarbeit brauchen. Zeit ist Geld, lautet die Devise der modernen, westlichen Arbeitswelt und wer seine Zeit mit Nichtstun verplempert, verdient eben kein Geld. Das miese Image des süßen Nichtstuns ist aber kein Produkt moderner Zeiten. Als „Acedia“ ist Untätigkeit sogar Teil der sieben Todsünden. Und Friedrich Nietzsche warnte schon 1882 in der Fröhlichen Wissenschaft: „Es könnte bald soweit kommen, dass man einem Hange zur vita contemplativa (das heißt zum Spazierengehen mit Gedanken und Freunden) nicht ohne Selbstverachtung und schlechtes Gewissen nachgäbe“.  Nietzsches Warnung scheint heute aktueller denn je. Statt in der Freizeit den Gedanken nachzuhängen, wird einfach weitergearbeitet, nur eben am eigenen Instagram-Profil oder an der Körperoptimierung im Fitnessstudio.

          Auch die Orte, die eigentlich dem Müßiggang dienen sollen, sind bedroht: Öffentliche Parks wecken immer wieder das Interesse von Stadt- und Immobilienplanern. Ein Phänomen, dass sich nicht nur in den Vereinigten Staaten beobachten lässt. Auch in deutschen Städten werden die Freiräume kleiner. Parks, Wiesen und Brachflächen weichen in vielen Städten für Eigentumswohnungen und Bürohäuser. Bestes Beispiel ist Berlin: Dort streiten Anwohner und Stadtverwaltung seit Jahren um das Tempelhofer Feld, eine gigantische Freifläche mitten in der Stadt. Zwar haben die Berliner sich bei einem Volksentscheid deutlich gegen eine Bebauung ausgesprochen, der regierende Bürgermeister Michael Müller will den Plan aber nicht ganz aufgeben.

          „Die Geschichte der öffentlichen Parks ist immer auch die Geschichte der Leute, die sich gegen solche Bauprojekte gewehrt haben“, sagt Jenny Odell. Sie ist Künstlerin, Journalistin und unterrichtet in Stanford künstlerische Praxis. Außerdem hat sie ein Buch mit dem Titel „How To Do Nothing“ geschrieben, das im April erscheint. Darin erzählt sie, wie die moderne Aufmerksamkeitsökonomie den Müßiggang immer schwerer macht. Smartphones bänden unsere Aufmerksamkeit; ständig eintrudelnde Hiobsbotschaften und Arbeitsmails lösen bei uns eine dauernde Angespanntheit aus, schreibt Odell. Aber das Smartphone für alles verantwortlich zu machen, ist ihr dann doch etwas zu einfach: „Eine Sache, die ich im Buch herauszuarbeiten versuche, ist, dass nicht die Technologie das Problem ist. Ich glaube, dass es die kommerziellen sozialen Medien sind, deren Geschäftsmodell darauf basiert, uns mit Benachrichtigungen und Clickbait immer wieder dazu zu bringen, da reinzuschauen.“

          Per App Pflanzen und Tiere bestimmen

          Dabei könne man das Telefon auch nutzen, um mit der Umwelt in Kontakt zu treten und mehr über sie zu erfahren. Zum Beispiel mit der App iNaturalist, mit der sich Pflanzen und Tiere bestimmen lassen. „Man hat sein Telefon zwar dabei, aber man benutzt es, um mehr über den Ort zu erfahren, an dem man sich befindet. Das stößt vielleicht die Tür zu weiteren Fragen auf und zu einer nachdenklicheren Einstellung.“ Die Natur und Umwelt zu beobachten, sei generell ein guter Weg, findet Odell. Einen Großteil ihrer Zeit verbringt sie in einem kleinen Park in der Nähe ihres Hauses in Oakland in Kalifornien und beobachtet dort das Treiben. Vor allem Vögel haben es ihr angetan: Seit zwei Jahren ist Odell als Hobbyornithologin unterwegs. „Die meisten Leute, die mich durch meine Arbeit kennen, sind furchtbar enttäuscht, wenn sie mir dann auf Twitter folgen und sehen, dass es dort nur um Vögel geht“, erzählt sie und lacht. Sie habe dadurch Geduld gelernt und glaubt sogar, dass sich ihre Sehkraft verbessert hat. Selbst an den unmöglichsten Orten findet Odell Zeit dafür: „Es gibt diesen fürchterlichen Freeway, den wirklich jeder hier in der Bay Area hasst. Ich habe schon so viel Zeit damit verbracht, dort im Stau zu stehen. Aber ich habe dort in den Bäumen am Straßenrand auch schon beeindruckende Vögel beobachten können.“

          Nichtstun lässt sich gut in den Alltag integrieren, das ist Odells Ansatz. Und sie gibt Tipps, wie das funktioniert: Man könnte sich auf dem Arbeitsweg zum Beispiel einen kleinen Umweg durch einen Park gönnen. Im Stau im Auto, statt Gedudel zu hören, versuchen, introspektive Denkübungen zu betreiben. „Wenn ich im Stau stehe, dann versuche ich zum Beispiel, meine Gedankengänge soweit wie möglich zurückzuverfolgen und herauszufinden, woher die Gedanken in meinem Kopf kommen“, erzählt Odell. Wer die Möglichkeit hat, dem empfiehlt sie, sich einfach einen Block „Nichts“ in den Kalender einzutragen. „Das Schlimmste, was ich mir vorstellen kann, ist, dass sich jeder Tag gleich anfühlt“, sagt sie, „und ich glaube, dass man viel gewonnen hat, wenn man immer wieder neue Fragen findet, die man sich zu den altbekannten Dingen stellen kann.“

          Zum Buch

          Jenny Odell: How to Do Nothing – Resisting the Attention Economy, erscheint am 9. April bei Melville House und kostet um 22 Euro.

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