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Make-up : Die Macht der schönen Augen

Lange Wimpern, dramatischer Augenaufschlag: In Italien ist das auch sonntags angesagt. Bild: Picture-Alliance

Lieber mehr als weniger: Italienerinnen lieben Make-up, sie schminken und tricksen. Die Augen spielen dabei eine wichtige Rolle. Das können deutsche Frauen noch lernen.

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          Die Schönheitsregeln hat Alessandra von ihrer Mutter. Alessandra heißt eigentlich anders, aber sie ist so typisch italienisch wie dieser Vorname, obwohl sie seit Jahren in Deutschland lebt. Schönheitsregel Nummer eins von Alessandras Mutter: Im April ist die Haut bedeckt, egal wie warm die Frühlingssonne auch sein mag. Bloße Beine, bloße Arme gibt es nicht. „Im Mai kann man sich langsam auf den Sommer vorbereiten, im Juni lässt man überflüssige Kleidung dann endgültig fallen.“ Die Regel hat ihre Berechtigung: Blasse Winterhaut ist nicht schön anzusehen, also sollte man es langsam angehen, sich alleine im Garten bräunen – und zwar im Mai.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Schönheitsregel Nummer zwei der Mutter: Trage ein bisschen Gesundheit im Gesicht. Mit diesem Ratschlag ging es los, als Alessandra Jugendliche war. Seitdem schminkt sie sich. Heute sagt sie: „Ohne Mascara auf den Wimpern würde ich noch nicht mal zur Mülltonne gehen.“ Gesundheit im Gesicht bedeutet also nicht, überschminkt auszusehen. Und dennoch: Welche deutsche Mutter würde ihrer Teenager-Tochter raten, Brauntöne auszuprobieren? Oder es mit Wimperntusche zu versuchen? Sie erschrecken eher, wenn sie die Töchter zum ersten Mal geschminkt sehen. Aber deutsche Mütter sind eben keine Italienerinnen, von denen viele Make-up lieben, und zwar besser zu viel als zu wenig.

          Die Betonung liegt auf den Augen. Man sieht das zum Beispiel an einem Donnerstagmorgen, wenn man in der Mailänder U-Bahn steht und die Frauen ringsum Lidschatten tragen, in Beige und Grau, aber auch in Grün, Gelb und Himmelblau. Man bekommt das bestätigt, wenn man sich mit zwei anderen Italienerinnen, Margherita aus Sizilien und ihrer Freundin Grazia aus Apulien, in einem Düsseldorfer Café trifft, um über das Thema zu sprechen und Margherita ihre Augen mit schwarzem Lidstrich dick umrandet hat, an einem Sonntagnachmittag. „Wie? Sonntag?“ Margherita versteht die Bemerkung nicht, die typisch deutsche Auffassung, an einem Ruhetag eher weniger als mehr Make-up zu tragen. „So sehe ich immer aus, Montag bis Sonntag.“ Alle vier Monate verbraucht sie einen schwarzen Kajalstift. Und man sieht das auch Anfang März auf dem Laufsteg von Giorgio Armani, zur Schau der kommenden Herbstkollektion: Die Visagistin Linda Cantello hat die Lidfalten in Dunkelgrau nachgezeichnet und die Zwischenräume bernsteinfarben ausgemalt.

          Grau zu braun: Mit den Models bei Etro lässt sich gut Blickkontakt halten.
          Grau zu braun: Mit den Models bei Etro lässt sich gut Blickkontakt halten. : Bild: Stefan Knauer Photographie

          Das Motto: „Bella Ragazza“, schönes Mädchen. „Italienerinnen sind einfach gerne zurechtgemacht“, sagt Cantello. „Die Augen spielen dabei eine wichtige Rolle.“ Schön geschminkte Augen gehören gewissermaßen zur Kulturgeschichte des Landes. Sophia Loren, Gina Lollobrigida und Claudia Cardinale, drei der berühmtesten Italienerinnen, zeigten sich in ihrem Leben jedenfalls kaum ohne den schwarzen Lidstrich. Bis tief in die Augenwinkel setzten sie ihn, was noch heute dramatisch aussieht und längst als Symbol für die italienische Diva gilt. Dabei soll es ursprünglich angeblich Kleopatra gewesen sein, die während ihres Besuchs in Rom mit ihrer Erscheinung eine Zäsur herbeiführte. Wer weiß, vielleicht sind die mittlerweile typisch italienischen, dunkel umrandeten Augen und die bunten Lidschatten eigentlich noch immer eine heimliche Reverenz an den Schönheitstrick und -tick der ägyptischen Herrscherin?

          Eine Gemeinsamkeit zwischen dem Besten, was Italien in Sachen Schönheit zu bieten hat, nämlich den Filmdiven der sechziger und siebziger Jahre, und dem Schlimmsten, nämlich den frauenverachtenden Looks der Bunga-Bunga-Girls aus jüngster Vergangenheit, dürfte der Lidstrich auf jeden Fall sein. Und drumherum klimpern lange Ohrringe sowie dicke Ketten, und die Farben leuchten. Die italienische Beauty-Marke Collistar kooperiert jetzt gleich mit dem bunten Möbelhersteller Kartell. „Und der schwarze Eyeliner erlebt dazu ein großes Comeback“, bestätigt Collistar-Geschäftsführerin Daniela Sacerdote. „Den Italienern ist alles wichtig, was mit der Erscheinung zu tun hat“, sagt Alessandra. Dazu gehört auch das Make-up. „Viele versuchen, stets das Beste aus ihrem Typ zu machen. Das habe ich in Deutschland lange vermisst.“ Mittlerweile habe sich das geändert, heute seien Nägel und Augenbrauen gepflegt. Die Lippen sind dieser Tage bei jungen Mädchen sogar oft knallrot. Aber Grazia aus Apulien bemerkt auch noch heute: „Man muss sich nur in deutschen Büros im Vergleich zu italienischen umschauen. Der Unterschied ist deutlich zu erkennen.“

          Lidstrich in Perfektion bei Conchita Wurst
          Lidstrich in Perfektion bei Conchita Wurst : Bild: Reuters

          Am einen Ort allenfalls getönte Tagescreme über der Winterblässe, brauner statt schwarzer Mascara, Rouge in Apricot – sowie die Meinung, ein allzu starkes Make-Up könne unprofessionell wirken und womöglich die Karriere behindern. Am anderen Ort: Farben! Schimmer! Düfte! „Die Deutschen schminken sich noch immer viel weniger. Ich sehe jedenfalls nicht viele deutsche Mädchen mit Lidschatten und Puder im Gesicht. Abends vielleicht – aber nur abends.“

          „Italienerinnen sind südländisch“, sagt Giorgio-Armani-Visagistin Linda Cantello. „Das Wetter ist besser, das Licht ist anders, sie verführen gerne.“ Sie tricksen. Sie schminken. Aus deutscher Sicht sind das zwei verschiedene Dinge. Aus italienischer ist es ein Verb: truccare.

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