https://www.faz.net/-hrx-a3rqo
Nicola Schmidt vor ihrem Zuhause
Nicola Schmidt vor ihrem Zuhause

Macht das Land wirklich froh?

Nicola Schmidt vor ihrem Zuhause


Viele Städter träumen von einem besseren Leben auf dem Dorf – ein Realitätscheck.

8. Oktober 2020
Text und Protokolle: SILKE WEBER
Fotos: ROBERT RIEGER

Die Städte sind zu voll und zu teuer. Nicht jeder findet hier mehr Platz. Zusätzlich lassen die heißen Sommer und die Corona-Pandemie die Sehnsucht nach geschützteren Orten wachsen. Und so lockt es viele ins Grüne, nicht bloß in die sogenannten Speckgürtel mit S-Bahn-Anschluss, sondern richtig raus, auf die Dörfer.

Lange schienen Stadt und Land getrennte, unvereinbare Welten zu sein. Und jene, die es nur vom Wochenende oder aus dem Urlaub kannten, tendierten dazu, das Leben fern der Metropolen als das gute und einfache zu mystifizieren. Doch die Probleme in der vermeintlichen Idylle waren groß: Die Menschen verließen ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit, mancherorts war der Schwund so gewaltig und die Restbevölkerung so stark gealtert, dass kaum noch Hoffnung für die Dörfer bestand. Das Land dünnte aus, die städtischen Zentren explodierten. Doch die Verhältnisse haben sich verändert: Die Dörfer urbanisieren sich; die Digitalisierung hat das Potential, ihnen neues Leben einzuhauchen. Solange es nur Glasfaser neben jeder Milchkanne gibt, muss niemand in die Städte pendeln, das Homeoffice funktioniert überall. Und wenn es im Dorfzentrum ist, kehrt auch das Leben zurück aufs Land. 

Eine Geschichte aus der aktuellen Ausgabe des Magazins der F.A.Z. „Frankfurter Allgemeine Quarterly“

Jetzt abonnieren

Hier erproben Städter neue Wohn- und Arbeitsformen und gründen in leerstehenden Höfen Co-Livingund Co-Working-Spaces. Das Berlin Institut hat zusammen mit der Initiative Neuland21 im vergangenen Jahr in der Studie „Urbane Dörfer“ untersucht, wie vielfältig Städter digitales Arbeiten aufs Land bringen: „Unsere kleine Farm“ im 21. Jahrhundert. Das Coconat im brandenburgischen Bad Belzig, ein ländlicher Co-Working-Space mit Gästehaus, gilt inzwischen als Vorzeigebeispiel. Aber hoffnungsvolle Versuche gibt es von der Nordseeküste bis zu den Alpen. 

Der Fischexperte ist mit seiner Räucherei „Glut und Späne“ von der hippen Kreuzberger „Markthalle Neun“ nach Gerswalde in die Uckermark gezogen.
Der Fischexperte ist mit seiner Räucherei „Glut und Späne“ von der hippen Kreuzberger „Markthalle Neun“ nach Gerswalde in die Uckermark gezogen.


„Es ist alles nicht so hektisch wie in Berlin, es bleibt Zeit für ein Pläuschchen. Es ist ein Ort für Angler wie mich.“

Michael Wickert, 40

Manchmal gehe ich direkt morgens angeln, aber am liebsten gehe ich abends und sitze danach mit Permakulturgärtnern noch am Lagerfeuer. Es ist ziemlich ruhig hier. Ab und zu kommen mir auf der Dorfstraße Landwirtschaftsmaschinen entgegen, manchmal niemand. An den Sommerwochenenden ist es allerdings voll, dann kommen die Berliner. Viele Besucher kennen mich noch aus der Markthalle Neun in Kreuzberg. Ich habe meinen begehrten Stand dort aufgegeben und hier in Gerswalde in dem alten Heizhaus der ehemaligen Schlossgärtnerei ein kleines Gartenrestaurant mit Räucherofen und ein paar Biertischen aufgebaut. Manche sagen, das hier sei Berlins Hipsterdorf mitten in der Uckermark. Ich finde, es ist ein sehr buntes Publikum hier, von Aussteigern bis zu Leuten, die sehr coole urbane Berufe haben. Künstler, Musiker, Filmschaffende, aber auch Landwirte. Wenn der Uckermärker abends in die Kneipe kommt und neben ihm sitzt der Filmregisseur Wim Wenders am Tisch, dann weiß er das gar nicht, oder es ist ihm auch einfach egal. 

Julia Paaß ist mit ihrem Partner und ihrem Sohn von Berlin-Neukölln in das Dorf Prädikow in Brandenburg gezogen.
Julia Paaß ist mit ihrem Partner und ihrem Sohn von Berlin-Neukölln in das Dorf Prädikow in Brandenburg gezogen.


„Mir gefällt die Verbindlichkeit und Direktheit. Aber ich glaube, manchmal denken die hier schon, wir Städter seien komisch.“

Julia Paaß, 44

Wir sind vor sieben Jahren nach Prädikow gezogen. Da fing der Mietmarkt in Berlin schon an, zu teuer zu werden. Die Wohnungssuche war ein Albtraum. Ich habe dann den Suchradius auf 50 Kilometer erweitert, und mir wurde diese tolle Wohnung auf einem Grundstück mit Streuobstwiese für 5,50 Euro Miete pro Quadratmeter gezeigt. Ich wollte nicht mehr in der überfüllten Stadt wohnen, ich hatte das Bedürfnis nach Natur und mehr Bewegungsfreiheit, gerade für mein Kind. 

Nicola Schmidt lebt in einer Jurte in einer Dorfgemeinschaft nahe dem baden-württembergischen Kreßberg im Landkreis Schwäbisch Hall.
Nicola Schmidt lebt in einer Jurte in einer Dorfgemeinschaft nahe dem baden-württembergischen Kreßberg im Landkreis Schwäbisch Hall.


„In der Stadt fehlt menschliche Nähe. Hier sieht man sich jeden Tag wie früher in der Schule. Das habe ich mir immer gewünscht.“

Nicola Schmidt, 44

Ich würde mich selbst als eine luxuriöse Jurtenbewohnerin beschreiben. Natürlich ist es eher alternativ, in einer Jurte zu wohnen. Aber ich mag es schön und genieße eine hohe Lebensqualität. Die Jurte hat etwa 50.000 Euro gekostet. Klar gibt es günstigere Jurten für 20.000 Euro, allerdings mit weniger Ausstattung. Meine hat viele Fenster, der Fußboden ist aus Eichenholz, die mit neun Zentimeter Schafwolle isolierten Wände halten auch im Winter mollig warm. Die Wände sind mit 1,90 Meter auch höher als normal. Bis hoch zum Dachfenster misst die Jurte 4,50 Meter. Sie ist 50 Quadratmeter groß und hat eine Empore mit vier Meter Liegefläche. Dort schlafe ich mit meinen beiden Kindern. Die Kinder haben aber auch jeweils ein eigenes Zimmer. Ich habe ein großes Wohn-Ess-Arbeitszimmer mit Sofa, Sesseln, Schränken, einem Schreib- und einem Esstisch. Ich bin gelernte Physiotherapeutin, Atemtraininerin und Cantienica-Instruktorin, eine Fitnessmethode, mit der Entspannung und gute Haltung trainiert werden. Auf dem Gelände habe ich mein eigenes Studio, wo ich unterrichte.

Irina Bartmann und Manuel Dingemann sind aus Hamburg nach Lägerdorf nahe Itzehoe gezogen und eröffnen dort einen ländlichen Co-Working-Space.
Irina Bartmann und Manuel Dingemann sind aus Hamburg nach Lägerdorf nahe Itzehoe gezogen und eröffnen dort einen ländlichen Co-Working-Space.


„Das Überangebot an allem hat mich genervt. Ich habe mich nach geistigem und physischem Freiraum gesehnt.“

Irina Bartmann, 30 und Manuel Dingemann, 34

Wir leben seit Mai hier. Momentan sind wir noch zu zweit. Aber ein paar Leute besuchen uns mal für eine Nacht, manche kommen auch jede Woche für ein paar Tage zum Arbeiten her, und andere kommen nur tagsüber zum Co-Worken. Designer, Fotografen, Leute, die im Online-Geschäft sind. 

Viele arbeiten heute sowieso mit ihrem Laptop von überall, sie können sich entscheiden, worauf sie gerade Lust haben, Stadt- oder Landleben. Hauptsache, es gibt schnelles Internet. Irina gibt Seminare in Entrepreneurship. Ich bin auch selbständig, produziere Marketingvideos für nachhaltige Unternehmen, außerdem bin ich hier jetzt der Communitymanager. 

Nicole Müller hat mit ihren Freundinnen in Ballenstedt in Sachsen-Anhalt ein modernes Gemeindezentrum gegründet.
Nicole Müller hat mit ihren Freundinnen in Ballenstedt in Sachsen-Anhalt ein modernes Gemeindezentrum gegründet.


„Viele hier meckern nur. Wir aber wollten etwas Tolles anstoßen!“

Nicole Müller, 38

Hier bei uns im Ort nennen sie meine Freundinnen und mich „die jungen Wilden“. So jung sind wir alle gar nicht mehr, aber wir wollen etwas bewegen. Die Leute hier meckern und schimpfen viel darüber, was es alles nicht gibt, was man alles machen müsste, aber wenige haben den Mut, etwas zu tun. Es gibt wenige Orte, wo man sich begegnen und Gemeinschaft fühlen kann. Es gibt keine richtige Kneipen- und Gastwirtschaftskultur wie anderswo. Jeder sitzt in seinem Garten und grillt. Irgendwann dachten meine Freundinnen und ich, wir haben eigentlich alle Begabungen und Fähigkeiten unter uns und könnten etwas Tolles für uns, unsere Kinder und unsere Stadt anstoßen. Eine ist Medieninformatikerin an der Universität in Magdeburg, eine Tourismuskauffrau, eine Verkäuferin, eine Landwirtin, ich bin Qualitätsmanagerin in einer Stiftung, habe Betriebswirtschaft studiert und kenne mich mit Finanzen aus. Wir wollten etwas Gemeinnütziges im Ort schaffen und sind auf Immobiliensuche gegangen. Eine Architektin schlug uns das Gut Ziegenberg in der Altstadt von Ballenstedt vor. Ein ehemaliger Vierseitenhof mit einer riesigen Gartenanlage, drei Scheunen und einem Haupthaus. Darin gab es früher einmal eine Pension und eine Gastwirtschaft. Der Hof war in Besitz einer großen Erbengemeinschaft, die auf ganz Deutschland verteilt ist und nicht in Ballenstedt sesshaft.   

Testen Sie unsere Angebote.
Jetzt weiterlesen

Testen Sie unsere Angebote.
F.A.Z. PLUS:

  FAZ.NET komplett

: 65% günstiger

Diese und viele weitere Artikel lesen Sie mit F+

Impfen gegen Corona : „Das wird noch einige Jahre dauern, fürchte ich“

Bis zu 1,4 Milliarden Impfdosen will Biontec bis Ende 2021 herstellen. Aber wie lange dauert es, bis die Menschheit geimpft ist? Aufsichtsratschef Helmut Jeggle spricht im Interview über den Corona-Impfstoff seiner Firma und den Hype, den dieser an der Börse ausgelöst hat.