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Deutsche Sprache : „Dialekt schafft Nähe, Identität und Vertrauen“

  • -Aktualisiert am

Unnötig oder schützenswert: Sollten Dialekte in Deutschland gestärkt werden? Bild: dpa

Winfried Kretschmann will die deutschen Mundarten retten. Geht es denen denn so schlecht? Hanna Fischer vom Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Uni Marburg verrät im Interview, ob es Grund zur Sorge gibt.

          Winfried Kretschmann hat sich jüngst dafür ausgesprochen, die Dialekte zu stärken – auch an Schulen. „Sprachliche Vielfalt ist ein Wert an sich“, so der grüne Ministerpräsident; das müsse man schützen wie gefährdete Flora und Fauna. Wie steht es denn um die Mundarten?

          Die Dialekte sind in Bewegung. Sie werden großräumiger, was bedeutet, dass Einzelformen, die nur in einem kleinen Örtchen charakteristisch sind, langsam, aber stetig abgebaut werden. Weil die kommunikative Reichweite heutzutage größer sein muss. Wir kommunizieren heute nicht nur, wie noch vor hundert Jahren, innerhalb von Hof und Familie, sondern in größeren Radien. Was Kretschmann und seine Kollegen hier anstoßen, ist eine Gegenbewegung zur Stigmatisierung und sozialen Bestrafung von Dialekt-Sprechern. Sie emanzipieren sich und verweisen auf die wichtigen Funktionen, die Dialekte immer noch haben, nämlich Identität zu stiften und Nähe zu schaffen.

          Wer Dialekt spricht, wird zwar nicht immer von jedem verstanden, aber wird er auch ausgegrenzt?

          Bastian Sick zum Beispiel, Autor von „Der Genitiv ist dem Dativ sein Tod“ und anderem, bezeichnet das doppelte Perfekt, also das „Ich habe es gesagt gehabt“, als „Hausfrauenperfekt“. Das ist ziemlich unverschämt. Diese Form gibt es in vielen Regionen Deutschlands, verstärkt im Süden, und sie hat durchaus eine sinnvolle Funktion – wenn man beispielsweise ausdrücken möchte, dass etwas abgeschlossen ist. Auch Professoren verwenden sie, das können Sie mir glauben (lacht). In der „heute-show“ machte man sich zuletzt über einen Bauern lustig, der sich im bayerischen Dialekt über das schlechte Mobilfunknetz beschwerte: Das mache nichts, weil man ihn sowieso nicht verstehe. In Norwegen, wo es normal ist, in den jeweiligen Dialekten zu sprechen, wäre das undenkbar. Da hätte man die Sendung jetzt abgesetzt.

          Im „Tatort“ spielen diejenigen, die Dialekt sprechen, auch meist untergeordnete Rollen.

          Das wurde zwar noch nicht systematisch untersucht, deckt sich aber mit unseren Beobachtungen. Wie gut man die Standardsprache beherrscht, hat vor allem etwas damit zu tun, wie lange man zur Schule gegangen ist. Wenn die Kinder in Familien aufwachsen, in denen dialektal gesprochen wird, und dann erfahren, dass dieses Sprechen falsch oder gar dumm sei, wird da eine Bewertung vollzogen, die nicht angemessen ist. Das Ziel der Schulen ist klassischerweise der Erwerb der Standardsprache, und da wird schnell mit Begriffen wie „falsch“ oder „richtig“ hantiert. Davon sollten wir wegkommen.

          Hanna Fischer ist Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum Deutscher Sprachatlas der Uni Marburg.

          Was sagt die Wissenschaft dazu?

          Die ist da schon weiter. Wir sprechen von „Situationsangemessenheit“. Natürlich schreibt man eine Bewerbung in Standarddeutsch, um auch über die Grenzen der Region verstanden zu werden und professionell zu wirken. Aber es spricht nichts dagegen, die Whatsapp-Nachricht an den Kollegen im Dialekt zu verfassen.

          Kinder sollten also lernen, wann sie Dialekt und wann sie Standarddeutsch sprechen können?

          Seit 2003 ist in den Bildungsstandards für den Deutschunterricht festgelegt, dass Schüler die Sprachen in der Sprache kennenlernen sollen. Kretschmanns Anliegen existiert also eigentlich schon seit 15 Jahren in den Schulbüchern. Wir sollten das nur nicht abtun, sondern uns ernsthaft darum kümmern. Wenn Kinder lernen, wann sie welche Sprache einsetzen können und sollten, dann sind sie bestens gewappnet und können sprachlich flexibel und selbstbewusst agieren. Mit Fremden Hoch- und mit Oma Plattdeutsch zu sprechen fördert die sprachlichen Fähigkeiten.

          Welche Rolle spielt dabei das Alter der Dialekt-Sprecher?

          Je jünger die Leute sind, desto weniger sind sie noch im Dialekt aufgewachsen und desto weniger verfügen sie über eine Dialektkompetenz. Wir haben in unserem Forschungsprojekt „Regionalsprache.de“ Erhebungen mit Vertretern aus drei Generationen gemacht und sehen systematisch, dass die ältesten Sprecher besser und regelmäßiger Dialekt sprechen als die jüngeren Generationen. Allerdings gibt es hier natürlich auch Einzelfälle. Sie finden immer einen jungen Menschen, der in einem sehr dialektkonservativen Haushalt auf dem Dorf aufgewachsen ist und im Dialekt sozialisiert wurde. Der ist aber kein typischer Vertreter seiner Generation.

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