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Deutsche Sprache : „Dialekt schafft Nähe, Identität und Vertrauen“

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Viele von ihnen verlassen den ländlichen Raum und ziehen in die Stadt.

In der Sprachgeschichte haben Städte schon immer andere Auswirkungen auf die Art des Sprechens gehabt. Städte sind seit jeher Innovationszentren, Orte der gesteigerten kommunikativen Interaktion. In denen mehr Zuzug und Ausgleich stattfindet. Der Dialekt spielt dort eine viel geringere Rolle als auf dem Dorf, wo die Kommunikationsgemeinschaft einfach viel überschaubarer ist.

Gibt es Dialekte, die negativer bewertet werden als andere?

Das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim hat eine Arbeitsgruppe, die sich gerade mit solchen Sprachbewertungen beschäftigt hat, und witzigerweise finden wir in ihrer Liste der Top- und Flopdialekte oft die gleichen Namen.

Welche sind das?

Bairisch, Schwäbisch und Sächsisch sind sowohl in der Beliebtheits- als auch in der Unbeliebtheitsskala ganz oben. Daran sehen wir, dass es weniger davon abhängt, ob man einen Dialekt schön oder furchtbar findet, sondern eher von dem Kenntnisgrad. Westfälisch zum Beispiel ist in den Medien viel weniger prominent als Bairisch, deswegen taucht der unbekanntere Dialekt nicht in diesen Umfragen auf. Ob ein Dialekt schön oder hässlich klingt, sollte aber nicht die Frage sein, die wir uns stellen müssen.

Ihr Fachkollege Prof. Hubert Klausmann aus Tübingen ist wenig optimistisch, was die Zukunft der Dialekte betrifft. Droht uns ein Dialekttod?

Der Tod des Dialekts wird seit 300 Jahren heraufbeschworen. So einfach ist das nicht. Ja, die Dialekte verändern sich, so wie sich auch unsere Art des Kommunizierens verändert hat. Aber das regionale Sprechen wird es immer geben. Weil es eine ganz wichtige soziale Funktion erfüllt. Wenn Sie in Ihrem Freundeskreis, in dem alle Dialekt sprechen, auf einmal nicht mehr im Dialekt sprechen, wird das sozial interpretiert, nach dem Motto: „Jetzt macht der aber auf ganz schlau“ – es sei denn, ein formeller Anlass verbietet die derbe Mundart in diesem Moment. Der Dialekt dient ja auch der Identifikation mit einer Gruppe und einer Region. Wenn man eine sprachliche Form übernimmt, gehört man eher dazu, als wenn man sich ihr verweigert.

Kretschmann bezeichnet seinen schwäbischen Dialekt als seine „mobile Heimat“. Schließt man damit nicht automatisch Zugezogene oder Migranten aus?

Dieses Gruppenidentitätsgefühl basiert auf einem simplen Konzept: Ich höre, dass du Formen verwendest, die ich auch kenne. Indem ich diese dann auch verwende, kann ich dir signalisieren: Wir beide teilen einen gemeinsamen Erfahrungshorizont, eine gemeinsame Herkunft, gemeinsame Traditionen. Daraus erschließt sich innerhalb von wenigen Augenblicken eine ganze kulturelle Identität. Wenn du „icke“ sagst, kommst du wahrscheinlich aus Berlin, bist also aus der Großstadt und kennst den ein oder anderen Lieblingsplatz, vielleicht warst du sogar schon mal in meiner Lieblingsbar. Und weil Berliner gerne auch mal etwas ruppiger sind, bist du jetzt auch nicht beleidigt, wenn ich dir einen Spruch drücke. Genauso funktioniert das. Weil ich merke, dass du einen ähnlichen Hintergrund hast, kommen wir schneller auf die Sachebene, weil wir nicht erst noch ausloten müssen, wie wir sozial zueinander stehen. Man bekommt einen Vertrauensvorschuss. Wenn sich zwei Schwaben treffen und anfangen, auf Schwäbisch zu schwätzen, kann der Dritte aus Norddeutschland nicht mitreden. Welche sozialen Funktionen Sprache haben kann, sollte auch in der Schule stärker thematisiert werden. Wenn ich nicht möchte, dass ich einen Dritten ausschließe, muss ich mich kommunikativ darum bemühen, denjenigen zu integrieren. Entweder indem ich mit meinem schwäbischen Kommunikationspartner in die Standardsprache wechsle oder dem Dritten etwas Schwäbisches beibringe. Ich handle in dem Moment automatisch auch sozial. Und dessen sollte man sich auch im Hinblick auf die Integration von Migranten bewusst sein.

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