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Interview mit Psychiater : Warum Scham so wichtig ist

Scham ist unangenehm, hat aber durchaus Positives. Bild: dpa

Es gibt kaum ein intensiveres und unangenehmeres Gefühl als das der Scham. Wir sollten das Schämen trotzdem nicht verteufeln, sagt ein Psychiater – wohl aber die Beschämung.

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          Herr Hell, wann haben Sie sich zuletzt geschämt?

          Leonie Feuerbach

          Redakteurin im Frankfurter Allgemeine Magazin.

          Erst neulich, da habe ich einen Geburtstag vergessen und jemandem nicht gratuliert. Es wäre mir wichtig gewesen, das zu tun, es entspricht meinen Wertvorstellungen, aber ich habe es verpasst: Da habe ich mich geschämt.

          Sie sind 75 Jahre alt. Schämen Sie sich seltener als früher?

          Ich schäme mich heute für Anderes, weniger für gesellschaftliche Normbrüche und mehr für persönliche Ungereimtheiten. Aber es ist schon so, dass sich Menschen in verschiedenen Lebensaltern unterschiedlich stark schämen. Als Kind schämt man sich besonders intensiv, auch die Pubertät ist eine heikle Zeit. Aber auch ältere Menschen schämen sich, etwa, weil sie mit Jüngeren nicht mehr mithalten können, Falten bekommen, nicht mehr diejenigen sind, die sie mal waren.

          Sie haben ein Buch mit dem Titel „Lob der Scham“ geschrieben. Was ist zu loben an einem so unangenehmen Gefühl?

          Scham alarmiert und schützt, wenn unser Selbst in Gefahr ist. Wir schämen uns, wenn wir unsere eigenen Werte missachten – oder die allgemeinen Werte der Gesellschaft, in der wir leben. Wie wichtig Scham ist, bemerken wir vor allem dann, wenn sie fehlt, wenn sich jemand schamlos, unverschämt verhält. Scham ist ein Bote, der uns wie ein Sensor darauf aufmerksam macht, dass wir an Selbstachtung und auch an Achtung Anderer verlieren. Wenn wir sie ernst nehmen, kann die Scham dazu dienen, uns in Zukunft so zu verhalten, dass wir uns nicht mehr schämen müssen.

          Daniel Hell ist emeritierter Professor für Klinische Psychiatrie. Sein Buch „Lob der Scham“ ist am 12. Oktober im Herder-Verlag erschienen.

          Aber es gibt doch auch falsche Scham?

          Ja, wobei dann genauer gesagt nicht die Scham falsch ist – die Gründe der Scham sind es. Manche Menschen schämen sich, weil sie homosexuell sind oder psychisch krank oder Schönheitsidealen nicht entsprechen. Im besten Fall können sie die Scham als Hinweis nehmen, diese Werte zu überprüfen – und abzulegen.

          Scham kann man also auch verlieren?

          Ja. Allerdings nicht nur in einem positiven Sinne, sondern auch durch Krankheiten. Demenz und schwere Psychosen etwa zerstören das Selbstgefühl und damit auch die Scham. Nach Abklingen einer Psychose oder Manie, in der sich jemand enthemmt verhalten hat, schämt er sich oft dessen, was er angestellt hat: Wutausbrüche, Geld verprassen, Andere aus Selbstüberschätzung heraus heruntermachen.

           Welche Rolle spielt Scham in der Psychotherapie?

          Eine wichtige. Ich hatte zum Beispiel eine Patientin, die Scham nicht zulassen konnte und sich dementsprechend nicht abgegrenzt hat, wenn jemand sie beschämt hat. Erst durch die Therapie hat sie zu Selbstachtung gefunden – und sich geschämt, wenn sie vorübergehnd wieder an Selbstachtung verlor. Ich glaube, dass nicht primär Scham krank macht, sondern eher die Abwehr von Scham.

          Vor allem in Amerika ist heute oft von einer Beschämungskultur die Rede. Was ist damit gemeint?

          Wenn wir uns schämen, uns unserer eigenen Fehler bewusst sind, dann beschämen wir Andere nicht so ohne weiteres. Wenn wir Scham aber abwehren und stattdessen narzisstisch gekränkt reagieren, dann attackieren und beschämen wir leichthin Andere. Ohne konstruktiven Umgang mit der Scham entwickelt sich eine Kultur der Beschämung, wie wir sie leider derzeit beobachten.

          Donald Trump ist das perfekte Beispiel für jemanden, der aus narzisstischer Kränkung Andere attackiert. Aber auch Liberale neigen dazu, Andersdenkende zu beschämen.

          Genau. Im Mittelalter wurden Menschen am Pranger öffentlich beschämt. Heute gibt es zwar keine solchen Pranger mehr. Aber das Internet multipliziert die Möglichkeiten der Beschämung.

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