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Vitamintabletten : „Ausgewogene Ernährung reicht“

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Schmaler Grat zwischen Nutzen und Schaden: Nahrungsergänzungsmittel sind nicht immer gleich gut für den Körper. Bild: JALAG

Millionen Deutsche nehmen Nahrungsergänzungsmittel zu sich, im Glauben, damit gesünder zu leben. Ein Endokrinologe spricht im Interview über Sinn und Unsinn von Vitamintabletten.

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          Herr Professor Schatz, Millionen Deutsche nehmen Nahrungsergänzungsmittel und geben dafür viel Geld aus. Muss das wirklich sein?

          Für manche Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente gibt es medizinisch klare Indikationen, das heißt Krankheitsbilder, mit nachgewiesenen Mangelzuständen, bei denen die Zufuhr angezeigt ist. Sogenannte „Nahrungsergänzungsmittel“, also Mischungen von meist geringeren Dosen an Vitaminen und Spurenelementen, nützen da wohl nicht. Sie bringen einem gesunden, normal lebenden Menschen meiner Meinung nach keinen Nutzen. Diese Substanzen sind, mit Ausnahme von Jod, in unserer normalen Mischkost in Deutschland ausreichend vorhanden. Mangelzustände gibt es allenfalls bei Sondergruppen der Bevölkerung wie etwa Veganern. Deshalb lautet mein Credo, in vielerlei Hinsicht: Zurück zur Natur.

          Reden wir von ein paar Beispielen. Über das Spurenelement Selen hat man jahrelang gelesen, es schütze vor Krebs. Nun zeigt eine neue Studie: Das ist Unsinn.

          Nein, so kann man das nicht sagen. Die Studie zeigt, dass es auf den Selen-Ausgangsstatus im Körper ankommt und auf die - generell - schwer überschaubaren Interaktionen zwischen den Ausgangsspiegeln im Körper und der Dosis von zugeführten Spurenelementen und Vitaminen. Die Studie, die Sie ansprechen, zeigt unter anderem, dass Selen auch negative Effekte auf die Krebsentwicklung haben kann, statt vor der Erkrankung zu schützen.

          Gilt das im Allgemeinen für Krebs oder nur für bestimmte Arten?

           In der sogenannten SELECT-Studie, von der wir hier reden, hat man festgestellt, dass Männer, die zu Beginn der Untersuchung ausreichend mit Selen versorgt waren und dann zusätzlich Selen in Präparaten zu sich genommen haben, also ihre Selenkonzentration im Körper bewusst gesteigert haben, häufiger eine aggressive Variante vom Prostatakrebs mit gehäufter Metastasenbildung entwickelt haben als andere.

          Aber eigentlich benötigt der menschliche Organismus doch Selen für viele Körperfunktionen.

          Ja, zum Beispiel für den Stoffwechsel der Schilddrüse. Dafür braucht er das Spurenelement aber nur in geringer Menge, die er bei uns in Deutschland in der Regel ausreichend über eine ausgewogene Ernährung erhält. In höherer und hoher Dosierung kann Selen aber dem Organismus in vielerlei Hinsicht schaden.

          Wie erklärt man sich diesen schmalen Grat zwischen Nutzen und Schaden?

          Selen hat eine enge therapeutische Breite. Der Konzentrationsbereich, in dem es dem Körper nützt, ist sehr klein. Das gilt nicht nur in Bezug auf die Krebsgefahr. In der Werbung, insbesondere im Internet, wird Selen gerne auch als Mittel für schöne, glänzende Haare angepriesen. Steigt die Konzentration von Selen im Körper aber stärker an, kann dies zu Haarausfall führen.

          War die SELECT-Studie, die in Amerika durchgeführt wurde, nicht vor einigen Jahren schon mal in den Schlagzeilen?

          Diese Studie läuft schon einige Zeit, und es sollte ursprünglich auch untersucht werden, ob die Einnahme von Vitamin E und Selen vor Krebs schützt. Diese Untersuchung hat man aber schon vor rund sechs Jahren abgebrochen, weil Zwischenergebnisse gezeigt haben, dass nicht vor Krebs geschützt wurde, sondern Vitamin E - zusätzlich eingenommen - das Krebsrisiko sogar erhöhte. Bei einer neuen Analyse der Daten hat man aber nun auch noch eine überraschende Wechselwirkung dieser beiden Substanzen im Bezug auf das Krebsrisiko festgestellt.

          Zwischen Selen und Vitamin E? Welche?

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