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Plastischer Chirurg : „In Deutschland ist das Künstliche ein Makel“

In einer Operationspause: Riccardo Giunta Bild: Jan Roeder

Der Plastische Chirurg Riccardo Giunta spricht im Interview über die Transplantation von Händen, die Rekonstruktion von Körperteilen und zweifelhafte ästhetische Eingriffe.

          Herr Giunta, vor zehn Jahren, im Sommer 2008, gehörten Sie zu den Chirurgen am Universitätsklinikum der TU München, die einem Mann zwei Arme eines Verstorbenen transplantierten. Der Landwirt war mit einem Arm in einen Häcksler geraten. Als er den Arm mit dem anderen herausziehen wollte, wurde auch der zweite Arm zerfetzt. Diese erste Operation auf der ganzen Welt, bei der zwei Arme transplantiert wurden, schrieb Medizingeschichte.

          Karin Truscheit

          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          Es war eine sehr große Herausforderung für uns als Plastische Chirurgen. 15 Stunden lang, bis zum nächsten Tag, haben wir in einem großen interdisziplinären Team operiert, um das Geflecht aus Nervenbahnen, Muskelfasern, Blutgefäßen und Sehnen der beiden Armstümpfe mit den beiden Spender-Armen zu verbinden. Aber es ist geglückt. Der Mann kann seitdem wieder alleine essen, sich waschen und anziehen, ein Handy bedienen, Ballspielen, Fahrradfahren, mit zwei Fingern etwas greifen. Eine Hand, das ist einem gesunden Menschen kaum bewusst, ist äußerst kostbar: Wie kein anderes Körperteil ermöglicht sie uns durch Tasten, Halten, Greifen, Abwehren überhaupt erst, dass wir uns orientieren und in der Welt zurechtkommen. Wem Hände und sogar Arme fehlen, der ist der Hilflosigkeit ausgeliefert. Es war damals also für uns Ärzte ein gutes Gefühl, einem Menschen diese Fähigkeiten zurückzugeben.

          Bei der Transplantation von Gliedmaßen muss der Patient die Risiken abwägen, da er meist ein Leben lang Immunsuppressiva einnimmt, um zu verhindern, dass zum Beispiel die fremde Hand abgestoßen wird. Ist es eine schwere Entscheidung für Patienten, sich gegen die Prothese zu entscheiden?

          Bei der Arbeit: Chirurg Riccardo Giunta führt am Klinikum der Ludwig-MaximiliansUniversität in München eine Operation durch.

          Diese Operationen sind auch nach fast 20 Jahren seltene Ausnahmeoperationen bei besonders geeigneten Patienten. Sie bedeuten zwar einen großen Zugewinn an Lebensqualität, es folgen aber eben auch Konsequenzen. Wenn man sein Immunsystem immer unterdrückt, kann es zu Folgeerkrankungen wie schweren Infektionen oder Tumorerkrankungen kommen. Das muss man zuvor dem Patienten genau erklären und ein großes interdisziplinäres Therapieteam einbinden. Doch mit einer Hand aus Fleisch und Blut mit all den medizinischen Risiken kann der Patient fühlen und Dinge „erfassen“ - im Gegensatz zu einer Prothese.

          Die Transplantation der beiden Arme steht in der Tradition des 19. Jahrhunderts, als Ärzte den Sinn und Zweck der Plastischen Chirurgie als das „Wiederherstellen verloren gegangener Theile“ umschrieben. Das hat wenig mit dem „Brazilian Butt Lift“ zu tun, der aktuell zu den Trends der sogenannten Schönheitschirurgie gehört, die im Fahrwasser der Plastischen Chirurgie fährt.

          Die Plastische Chirurgie schaut auf eine jahrhundertealte Tradition zurück und zielte von Anbeginn auf eine bestmögliche Rekonstruktion, nicht ausschließlich auf eine wie auch immer geartete Ästhetik. Nasen wurden durch Syphilis zerstört oder im Duell abgeschlagen, Gliedmaßen in Kriegen verstümmelt. Die Körperteile mussten ersetzt werden. In Indien haben Ärzte schon vor rund 3000 Jahren mit Nasenplastiken gearbeitet, sie haben aus der Stirn Gewebe entnommen und eine neue Nase geformt. Im Ersten Weltkrieg hat der englische Arzt Sir Harold Gillies Dutzenden Soldaten geholfen, deren Gesichter zerschossen wurden. Er hat Kiefer aus Gewebe und Knochenspänen wiederhergestellt und so ebenfalls Pionierarbeit für die Plastische Chirurgie geleistet. Es ging und geht in erster Linie darum, einem versehrten Menschen zu helfen, nicht darum, einen gesunden Menschen neu zu formen.

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