https://www.faz.net/-hrx-9gsuq

Plastischer Chirurg : „In Deutschland ist das Künstliche ein Makel“

Kann man mit diesen Wünschen auch zu Ihnen kommen?

Im Prinzip ja. Wir führen alle Operationen der Ästhetischen Chirurgie schon allein aus der Notwendigkeit durch, die nächste Generation an Plastischen Chirurgen weiterzubilden. Patienten mit dem Wunsch nach Lidstraffung, Brustvergrößerungen oder Gesichtsstraffungen schätzen vor allem die Sicherheit einer Universitätsklinik mit allen vorhanden medizinischen Disziplinen. Mitunter helfen wir auch, den Schaden zu minimieren, wenn bei einer sogenannten Schönheitsoperation andernorts etwas schief gelaufen ist, wenn zum Beispiel Infektionen mit Hautdefekten entstanden sind. Doch der Schwerpunkt einer großen Universitätsklinik liegt nicht auf der Operation gesunder Menschen aufgrund rein ästhetischer Erwägungen. In unserer täglichen Arbeit helfen wir vielmehr dabei, Körperteile nach Unfällen, Tumorerkrankungen oder Fehlbildungen zu rekonstruieren.

Wann ist das Bedürfnis, seinen Körper umformen zu wollen, eher ein Fallfür den Therapeuten?

Es gibt ein bestimmtes Suchtphänomen, die Dysmorphophobie. Der eigene Körper wird als fehlerhaft, als hässlich und entstellt wahrgenommen. Daraus entwickelt sich der Zwang, ihn ändern zu müssen. Das ist dann ein Problem der Selbstwahrnehmung und wird nicht durch eine Operation geheilt. Hier ist der Plastische Chirurg immer auch Gutachter und zieht im Zweifel einen Psychologen oder Psychiater hinzu. Die Plastische Chirurgie ist in vielen Grenzbereichen tätig, die oft eine sorgfältige Abwägung in einem Therapieteam benötigen. Auch bei einer Geschlechtsumwandlung ist nicht nur der Chirurg gefragt. Da stellt der Psychiater primär die Diagnose.

Brasilien gilt traditionell als Kernland der Plastischen Chirurgen, die sich überwiegend der Schönheit widmen. Wollen andere Länder da mithalten?

Anfang der neunziger Jahre gab es 3000 Plastische Chirurgen in Brasilien und gerade mal 300 in Deutschland. Die Zahl hat sich hierzulande in den vergangenen 25 Jahren mehr als verdreifacht. In Asien ist Südkorea das Land mit der höchsten Anzahl an Plastischen Chirurgen. Das liegt vor allem daran, dass sich so viele Menschen dort die Lidfalten an das westliche Schönheitsideal anpassen lassen wollen. Und in Iran werden die meisten Nasen-Operationen vorgenommen.

Kommen Schönheitstrends immer noch aus Amerika?

Ja, und es ist in Amerika zudem gesellschaftsfähig, wenn man deutlich sieht, dass man etwas „hat machen lassen“. Es ist sogar mittlerweile erwünscht, dass man es sieht, nach dem Motto: „Ich kann mir ein Facelifting leisten.“ Etwa so wie ein großes Auto. In Deutschland sind zwar auch schon viele Tabus gefallen, doch so offen wie in Amerika wird noch nicht mit Schönheitsoperationen umgegangen. Man soll den Eingriff hierzulande noch nicht wahrnehmen. Das Künstliche ist vielmehr ein Makel. Und die Kunst der Plastischen Chirurgie ist ja gerade, dass man nicht sieht, dass etwas chirurgisch gemacht wurde.

Also gilt in Europa weiter das Ideal der natürlichen Schönheit?

Sicherlich. Doch Schönheit ist und bleibt immer weit mehr als nur gutes Aussehen. Keine Operation kann einen schönen Menschen formen.

FAZ.NET komplett

Zugang zu allen exklusiven F+Artikeln und somit zur ganzen Vielfalt von FAZ.NET – für nur 2,95 Euro pro Woche

Mehr erfahren

Riccardo Giunta

Er trägt einen tintenblauen Anzug unterm blütenweißen Kittel, sitzt in seinem Büro und schaut auf seine Hände. Ob er in seiner Freizeit Buddelschiffe baut oder Uhren repariert? Nein, Handchirurgen-Klischees erfüllt dieser Handchirurg nicht. Welche Herausforderungen die menschliche Hand mit ihren feinsten Nervenverästelungen für die Hand des Chirurgen bedeutet, erfuhr der Zweiundfünfzigjährige früh, als junger Assistenzarzt während seiner Zeit in der Anatomie. Wie sehr Form und Struktur des Körpers dessen Robustheit und Verletzbarkeit zugleich bedingen, hat ihn seitdem für die Plastische Chirurgie mit all ihren Ausprägungen eingenommen: Rekonstruktive Chirurgie, Handchirurgie, Ästhetische Chirurgie, Verbrennungschirurgie. Nicht nur im Operationssaal. Riccardo Giunta, der an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität die Abteilung für Handchirurgie, Plastische Chirurgie und Ästhetische Chirurgie leitet (auf unserem Foto ist er in der Lobby des Klinikums zu sehen), ist zudem Präsident der Deutschen Gesellschaft der Plastischen, Rekonstruktiven und Ästhetischen Chirurgen (DGPRÄC). Die größte wissenschaftlich ausgerichtete Gesellschaft dieses Fachgebiets feiert in diesem Jahr ihr fünfzigjähriges Bestehen.

Weitere Themen

Überleben mit Lepra

In Nepal : Überleben mit Lepra

Noch immer erkranken in Nepal Menschen an Lepra. Die Krankheit ist nicht ihr einziges Problem. Nach einer Heilung finden viele von ihnen keine Arbeit. Ein Unternehmen leistet Hilfe.

Gefährlicher Tablettenmix

Multimedikation : Gefährlicher Tablettenmix

Millionen Menschen nehmen verschiedene Arzneimittel ein. Eine Frankfurter Stiftungsprofessorin für Multimedikation will Ärzten ermöglichen, einen Gesamtüberblick über die Medikamente ihrer Patienten zu bekommen. Mit einem bestimmten Ziel.

Topmeldungen

Ein Feuerwehrmann löscht ein brennendes Auto am Place d’Italie.

Gelbwesten-Proteste : Massive Krawalle zum Einjährigen

In Paris ist es zu schweren Ausschreitungen gekommen. Die in der Vergangenheit stark an Zuspruch verlorene Bewegung der „Gelbwesten“ hatte am ersten Jahrestag ihrer Proteste zu neuen Demonstrationen aufgerufen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.