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Vor dem Hochladen solcher intimer Kinderfotos sollten die Eltern gut abwägen. Bild: Picture-Alliance

Kinderfotos auf Instagram : Mama, lösch das bitte!

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Die Tochter hat das erste Mal ins Töpfchen gemacht, der Sohn sieht in seinem Bienen-Kostüm besonders süß aus: Viele Eltern teilen das Leben ihrer Kinder auf Instagram. Doch wer fragt eigentlich die Kleinen?

          Im Kreißsaal. Eine schweiß-verschmierte Frau hat gerade ein Kind zur Welt gebracht. Sie ist erschöpft aber glücklich, dem Vater stehen Tränen in den Augen. Das Kind schreit das erste Mal. Ein intimer Moment – oder ein Moment, den Hunderttausende von Instagram-Nutzern verfolgen.

          Im Mai erlaubten Instagram und Facebook, Fotos und Videos von Geburten zu posten. Der Gedanke hinter der Initiative „Empowered Birth Project“, die das möglich gemacht hat, ist ein durch und durch positiver: Das negative Bild von Geburten bekämpfen. Der Sieg wird gefeiert, Schritt für Schritt werden zuvor stigmatisierte Situationen normalisiert.

          Doch wer fragt eigentlich die Kinder? Eine 2016 veröffentlichte Studie der Universität Michigan über Ansprüche von Kindern gegenüber ihren Eltern stellte fest, dass viele Kinder nicht wollen, dass Fotos von ihnen ohne Erlaubnis veröffentlicht werden. Dabei geht es nicht nur um vermeintlich extreme Fotos wie von der Geburt, sondern auch um Alltagssituationen. Die Kinder fühlen sich in ihrer Intimsphäre verletzt. Und sie haben Recht. „Jeder Mensch, auch ein Kind, hat Grundrechte. Das allgemeine Persönlichkeitsrecht gehört dazu“, erklärt der Mindener Rechtsanwalt Markus Rassi Warai.

          Warai ist auf Datenschutz- und Internetrecht spezialisiert und weiß, was auf Eltern zukommen kann, die ungeachtet der Konsequenzen Bilder posten. Als spezielle Ausprägung des allgemeinen Persönlichkeitsrechts greife zivilrechtlich auch das Kunsturheberrecht, das konkret Lichtbilder betreffe. Abgebildete Personen dürfen demnach nicht bloßgestellt werden. Ob eine Bloßstellung bei einer gefilmten Geburt, bei einem Foto auf dem Töpfchen oder schon einem Bild im Halloween-Kostüm anfängt, entscheidet die Person. Grundsätzlich ist rechtlich immer eine Einwilligung der Person nötig. Bei Kindern ist das schwierig, da sie die Instagram-Sphäre nicht durchblicken können. „Die Eltern können die Einwilligung dann stellvertretend geben. Das heißt aber nicht, dass sie tun können, was sie wollen“, stellt der Rechtsanwalt klar. Das Elternteil müsse immer einen Blick in die Zukunft werfen und überlegen, ob sich das Kind für ein bestimmtes Foto schämen könnte.

          Kinder könnten gegen ihre Eltern klagen

          Iulia Huber-Purdea betreibt seit 2017 den Instagram-Kanal „DerZwuckundich“. Mittlerweile folgen diesem über 13.500 Menschen, seit Kurzem führt sie auch einen Blog. Dort zeigt sie das Leben des „Zwuck“, wie sie ihren 20 Monate alten Sohn nennt, aus seiner Perspektive. Es gehe ihr nicht primär um die Darstellung des „Zwuck“, sondern darum „die Zweisamkeit zwischen einer Mutter und ihrem Kind und die tagtäglichen Erlebnisse, die man mit Kind hat, in humorvolle und – nicht immer ganz ernst gemeinte – Geschichten zu verpacken.“ Die Österreicherin hat allerdings einen Grundsatz bei dem Hochladen von Bildern: Der „Zwuck“ wird nur von hinten oder von der Seite gezeigt. „Das hat mit dem einfachen Grund der Wahrung seiner Privatsphäre zu tun“, erläutert sie.

          Ein Kind ohne das Gesicht zeigen mache laut Warai aber nur bedingt einen Unterschied. Rechtlich bedeutend sei ein Foto, sobald der abgebildete Mensch eindeutig zu identifizieren sei. „Erkennen kann man eine Person aber nicht nur durch das Gesicht, auch ein markantes körperliches Merkmal, wie ein Muttermal, kann ausreichend sein“, sagt der Rechtsanwalt. Der möglicherweise abgebildete familiäre Kontext verrate ebenfalls viel.

          Wenn ein Heranwachsender sich auf publizierten Kinderfotos gedemütigt fühlt und die Eltern kein Einsehen haben, kann er, repräsentiert durch einen gesetzlichen Vertreter, auf Unterlassung, Schadensersatz oder Löschung klagen. Doch selbst wenn die Eltern die Fotos anschließend löschen, kann das Bild bereits von anderen Nutzern gespeichert und sogar auf anderen Plattformen veröffentlicht worden sein. „Die Eltern sind zivilrechtlich gesehen die Täter. Doch an den Betreiber einer Internetseite ist nicht so leicht heranzukommen, da ihm nicht zugemutet werden kann, jedes hochgeladene Bild zu sichten und dessen Unbedenklichkeit zu prüfen“, gibt der Rechtsanwalt zu bedenken. Wenn das Foto andernorts erscheint, kann der Betreiber nicht haftbar gemacht werden. Außerdem könne ein vermeintlich harmloses Bild auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen: 2014 wurde der Paragraph zur Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs angepasst. Ungenehmigte, veröffentlichte Foto-Aufnahmen, die an einem geschützten Ort, wie einer privaten Wohnung, gemacht werden oder eine hilflose Person zur Schau stellen, können demnach mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. Ein kleines Kind könne im Extremfall als hilflose Person in einem geschützten Bereich eingestuft werden. Hinzu komme, dass bei einem strafrechtlich relevanten Verhalten auch ein Kind Anzeige erstatten kann.

          Und nicht nur das Persönlichkeitsrecht des Kindes könnte durch Bloßstellung gefährdet sein. Dem Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger zufolge entstehen aus dem stetigen Streben nach „Likes“ und „Follower-Zahlen“ ganz reale Risiken. Rüdiger nennt das „digitalen Narizissmus“, der treibe die Nutzer an, unreflektiert Dinge zu veröffentlichen, die besonders gut ankommen: „Das können Bilder des eigenen Hauses bei der letzten Geburtstagsfeier sein, das neue Familienauto einschließlich Kennzeichen oder halt auch die neue Arbeitsstelle – am besten alles noch mit Ortsangabe.“ Potentielle Täter könnten diese „vulnerablen Informationen“ dann nutzen, um mit Kindern Kontakt aufzunehmen und ihr Vertrauen zu gewinnen.

          „Findest du mich nicht schön, weil du mich nicht postest?“

          Auch das Argument, außerhalb des Elternhauses könne der Schutz ebenso nicht immer gewährleistet sein, sieht Rüdiger kritisch. Er sagt: „Stellen Sie sich vor, der nächste Mann oder die nächste unbekannte Frau würde einfach ein Foto Ihres Kindes machen. Vielleicht noch mit dem Hinweis: Ihr Kind sieht aber toll aus, ich mache mal ein Foto von ihm, Daumen hoch.“ Eine solche Situation würde wahrscheinlich jeder Vater und jede Mutter ablehnen.

          Die Instagramerin Huber-Purdea gibt an, noch mehr auf die Sicherheit ihres Sohnes zu achten, da sie sich der Reichweite der Fotos bewusst sei. Aber auch das andere Extrem, Kinder völlig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, kann dem Cyberkriminologen nach ein Dilemma bergen: „Mittlerweile ist es so weit, dass Kinder auch hin und wieder ihre Eltern fragen, ob diese sie nicht schön finden, da sie diese nicht posten würden.“ Bei online publizierten Schul- oder Vereinsfotos könnten zudem Ausgrenzungseffekte entstehen, wenn ein Kind nicht mit abgebildet werden darf.

          Die Lösung, sämtliche Kinderfotos aus dem Internet dauerhaft zu entfernen, halten sowohl Warai als auch Rüdiger für wenig realistisch. Bedeutend sei es vor allem – und da stimmt auch Huber-Purdea zu – dem Kind frühestmöglich grundlegende Medienkompetenzen beizubringen, damit es sich eine eigenverantwortliche Internetpräsenz aufbauen kann.

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