https://www.faz.net/-hrx-9cnxt

Kinderfotos auf Instagram : Mama, lösch das bitte!

  • -Aktualisiert am

Wenn ein Heranwachsender sich auf publizierten Kinderfotos gedemütigt fühlt und die Eltern kein Einsehen haben, kann er, repräsentiert durch einen gesetzlichen Vertreter, auf Unterlassung, Schadensersatz oder Löschung klagen. Doch selbst wenn die Eltern die Fotos anschließend löschen, kann das Bild bereits von anderen Nutzern gespeichert und sogar auf anderen Plattformen veröffentlicht worden sein. „Die Eltern sind zivilrechtlich gesehen die Täter. Doch an den Betreiber einer Internetseite ist nicht so leicht heranzukommen, da ihm nicht zugemutet werden kann, jedes hochgeladene Bild zu sichten und dessen Unbedenklichkeit zu prüfen“, gibt der Rechtsanwalt zu bedenken. Wenn das Foto andernorts erscheint, kann der Betreiber nicht haftbar gemacht werden. Außerdem könne ein vermeintlich harmloses Bild auch strafrechtliche Konsequenzen nach sich ziehen: 2014 wurde der Paragraph zur Verletzung des höchstpersönlichen Lebensbereichs angepasst. Ungenehmigte, veröffentlichte Foto-Aufnahmen, die an einem geschützten Ort, wie einer privaten Wohnung, gemacht werden oder eine hilflose Person zur Schau stellen, können demnach mit einer Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren geahndet werden. Ein kleines Kind könne im Extremfall als hilflose Person in einem geschützten Bereich eingestuft werden. Hinzu komme, dass bei einem strafrechtlich relevanten Verhalten auch ein Kind Anzeige erstatten kann.

Und nicht nur das Persönlichkeitsrecht des Kindes könnte durch Bloßstellung gefährdet sein. Dem Cyberkriminologen Thomas-Gabriel Rüdiger zufolge entstehen aus dem stetigen Streben nach „Likes“ und „Follower-Zahlen“ ganz reale Risiken. Rüdiger nennt das „digitalen Narizissmus“, der treibe die Nutzer an, unreflektiert Dinge zu veröffentlichen, die besonders gut ankommen: „Das können Bilder des eigenen Hauses bei der letzten Geburtstagsfeier sein, das neue Familienauto einschließlich Kennzeichen oder halt auch die neue Arbeitsstelle – am besten alles noch mit Ortsangabe.“ Potentielle Täter könnten diese „vulnerablen Informationen“ dann nutzen, um mit Kindern Kontakt aufzunehmen und ihr Vertrauen zu gewinnen.

„Findest du mich nicht schön, weil du mich nicht postest?“

Auch das Argument, außerhalb des Elternhauses könne der Schutz ebenso nicht immer gewährleistet sein, sieht Rüdiger kritisch. Er sagt: „Stellen Sie sich vor, der nächste Mann oder die nächste unbekannte Frau würde einfach ein Foto Ihres Kindes machen. Vielleicht noch mit dem Hinweis: Ihr Kind sieht aber toll aus, ich mache mal ein Foto von ihm, Daumen hoch.“ Eine solche Situation würde wahrscheinlich jeder Vater und jede Mutter ablehnen.

Die Instagramerin Huber-Purdea gibt an, noch mehr auf die Sicherheit ihres Sohnes zu achten, da sie sich der Reichweite der Fotos bewusst sei. Aber auch das andere Extrem, Kinder völlig aus der Öffentlichkeit herauszuhalten, kann dem Cyberkriminologen nach ein Dilemma bergen: „Mittlerweile ist es so weit, dass Kinder auch hin und wieder ihre Eltern fragen, ob diese sie nicht schön finden, da sie diese nicht posten würden.“ Bei online publizierten Schul- oder Vereinsfotos könnten zudem Ausgrenzungseffekte entstehen, wenn ein Kind nicht mit abgebildet werden darf.

Die Lösung, sämtliche Kinderfotos aus dem Internet dauerhaft zu entfernen, halten sowohl Warai als auch Rüdiger für wenig realistisch. Bedeutend sei es vor allem – und da stimmt auch Huber-Purdea zu – dem Kind frühestmöglich grundlegende Medienkompetenzen beizubringen, damit es sich eine eigenverantwortliche Internetpräsenz aufbauen kann.

Weitere Themen

FBI soll „FaceApp“ untersuchen

Beliebte Alterungs-App : FBI soll „FaceApp“ untersuchen

Die „FaceApp“ schafft mithilfe Künstlicher Intelligenz, dass Menschen älter oder jünger aussehen. Die russische Anwendung liegt voll im Trend – gerät jetzt aber wegen Bedenken zum Datenschutz unter politischen Druck.

Topmeldungen

Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.