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Verhütungsinitiative : „Wir verhüten noch genauso wie vor 60 Jahren“

„Wir verhüten noch wie vor 60 Jahren“ - eine Initiative will das ändern Bild: dpa

Die Berliner Studentinnen Jana Pfenning und Rita Maglio haben die Initiative „Better Birth Control” gegründet. Sie fordern Alternativen zur Antibabypille und kostenlose Verhütungsmittel für alle.

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          Frau Maglio, Frau Pfenning, Sie setzten sich für mehr Gerechtigkeit und Gleichberechtigung in der Verhütung ein. Was ist denn an den bisherigen Lösungen so ungerecht?

          Natalia Wenzel-Warkentin

          Redakteurin vom Dienst bei FAZ.NET.

          Rita Maglio: Wenn man sich den Ist-Zustand und die Palette an Verhütungsmitteln anschaut, dann sieht man vor allem ein ganz großes Ungleichgewicht. Für Frauen gibt es viele hormonelle und kupferbasierte Methoden, die aber oftmals mit Nebenwirkungen einher gehen. Männer haben neben der Vasektomie nur eine einzige massentaugliche Verhütungsmethode: das Kondom. Jetzt gerade kümmern sich vor allem die Frauen um die Verhütung. Sie gehen zum Frauenarzt und bringen die finanziellen Mittel auf, um sich beispielsweise die Pille zu holen oder eine Spirale legen zu lassen. Wir brauchen massentaugliche Optionen für Männer, um den Wandel, der sich gerade in der Gesellschaft vollzieht, zu unterstützen. Die alten Geschlechter- und Rollenstrukturen bröckeln, Männer sind immer häufiger bereit, mehr Care-Arbeit zu übernehmen. Es kann nicht sein, dass wir immer noch nicht über neue Verhütungsalternativen nachdenken.

          Wie sind wir als Gesellschaft in diese Schieflage geraten?

          Jana Pfenning: Wir glauben, dass die Pharmaindustrie das Interesse der Männer, zu verhüten, ganz lange unterschätzt hat. Es fehlt häufig an finanziellen Ressourcen, um Studien dazu zu starten oder zu Ende zu führen. So ein Produkt auf den Markt zu bringen, kostet natürlich viel Geld. Auch der Absatzmarkt wurde bisher unterschätzt – zu Unrecht. Studien belegen, dass Männer ein Interesse haben, mehr Verantwortung bei der Verhütung zu übernehmen. Eine repräsentative Umfrage aus dem Jahr 2005 hat ergeben, dass über 60 Prozent der Männer ein Verhütungsmittel nehmen würden, wenn es eines gäbe. Heute – über 16 Jahre später – wären es wahrscheinlich noch mehr Männer, weil wir uns als Gesellschaft weiterentwickelt haben.

          Das würde bedeuten, das im Zuge der sogenannten neuen Männlichkeit und dem Auf- und Wegbrechen alter Stereotype auch immer mehr Männer ein Interesse daran haben, eine aktive Rolle in der Verhütung zu übernehmen und mitzuentscheiden.

          Rita Maglio: Wir glauben nicht nur, dass sie nicht nur mehr Verantwortung übernehmen wollen, sondern auch auf ihr Recht pochen, zu wissen, ob sie ein Kind in die Welt setzen oder nicht. Wenn das Kondom reißt, zum Beispiel bei einem One-Night-Stand, ist die Unsicherheit groß. Selbst über ihre Reproduktion entscheiden zu können, liegt vor allem in ihrem Interesse.

          Auch die Entwicklung der Pille wurde damals von einer feministischen Revolution begleitet, in deren Rahmen Frauen mehr sexuelle Selbstbestimmung forderten. Ihre Initiative will außerdem, dass die Krankenkassen die Kosten für Verhütungsmittel übernehmen – und zwar zu hundert Prozent.

          Jana Pfenning: In Frankreich und Großbritannien werden die Kosten für Verhütungsmittel erstattet. Und in Südafrika beispielsweise liegen überall Kondome kostenlos aus. Das ist also keine Utopie. Außerdem geht es bei Verhütung ja um unsere Gesundheit, sowohl um physische als auch psychische Gesundheit und daran dürfen wir nicht sparen. Jetzt gerade wird Verhütung bis zum 22. Lebensjahr erstattet – eine total willkürliche Zahl. Keiner der Fachleute konnte uns erklären, warum ausgerechnet bis zum 22. Lebensjahr. Das hat keinen medizinischen Grund.

          Rita Maglio: Gerade tragen überwiegend Frauen die finanziellen Kosten, die Verhütung mit sich bringt. Und auch mit 23 stecken viele noch im Studium oder in der Ausbildung. Sich eine Spirale legen zu lassen, kostet auf einen Schlag 400 Euro. Wie soll sich eine Auszubildende oder eine Studentin das leisten? Verhütung kann und darf nicht an finanziellen Barrieren scheitern.

          Sie fordern nicht nur finanzielle Entlastung, sondern auch mehr und bessere Aufklärung. Wer sollte hier in die Pflicht genommen werden?

          Jana Pfenning Wir haben uns in den letzten Monaten mit vielen Menschen über Verhütung unterhalten und ganz viele Frauen haben uns erzählt, dass sie mit 14 oder 15 das erste Mal zum Gynäkologen gegangen sind und sofort die Pille verschrieben bekommen haben, ohne über Nebenwirkungen Bescheid zu wissen. Das Wissen über den weiblichen Zyklus ist immer noch lächerlich gering, auf allen Seiten. Ärzte müssen besser über mögliche Nebenwirkungen aufklären, aber auch in Schulen muss das Thema präsenter werden.

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