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Junge Jagdfreunde : Der eine isst kein Fleisch, der andere schießt es selbst

Waidsmann im Münchner Umland Bild: Stock4B

Es klingt kurios: Immer mehr Deutsche entscheiden sich, Vegetarier zu werden - und doch gibt es hierzulande inzwischen so viele Jäger wie noch nie zuvor. Auch sie sehnen sich nach einer Veränderung im Leben. Ein Tag auf dem Hochsitz.

          Vom Auto bis zum Hochsitz sind es nur ein paar hundert Meter. Philipp Wilken* schultert den vollgepackten Rucksack, setzt den grünen Jägerhut auf den Kopf und macht sich auf zur Lichtung, es geht einmal den schmalen holprigen Waldweg hinunter. Wilken steigt die wackeligen Sprossen zur Kanzel hoch und öffnet die Tür der Box auf Stelzen. Einen Meter Platz hat er hier in der Breite, zwei in der Länge. Er stellt den Rucksack neben sich ab. Er packt das Magazin aus, lädt seine Waffe. An einem typischen Jagdtag hat er sich spätestens nach zehn Minuten eingerichtet. Im Umkreis von 100 Metern dürften rund fünf Rehe unterwegs sein. Irgendwo zwitschert eine Amsel. Seine Waffe ragt aus der Öffnung der Kanzel hervor. Dann greift Philipp Wilken in die Hosentasche. Er zückt sein Handy und tippt sich zur WhatsApp-Gruppe „Jagd & Angel“. Seinen sechs Freunden schreibt er, dass er im Wald sitzt, während die vielleicht gerade im Büro am Schreibtisch hocken. „Jagdneid wecken.“ Wilken schmunzelt.

          Jennifer Wiebking

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist fast schon kurios: Obwohl sich immer mehr Menschen dafür entscheiden, Vegetarier zu werden, obwohl selbst Veganer heute nicht mehr als Freaks gelten, obwohl Waffen mit jedem Schulmassaker einen schlechteren Ruf kriegen, hat das Jagen alles andere als ein Nachwuchsproblem. Das begreift man schon, wenn man jemandem wie Wilken, 31, hier auf dem Hochsitz über die Schulter schaut, der auf dem Handy-Display die Gruppe junger Jagdfreunde sieht.

          Seit die Großväter zum letzten Mal die Büchse von der Garderobe nahmen und mit Dreispitzhut auf dem Kopf das Haus verließen, sind ein paar Jäger dazugekommen. Im Jahr 1973 waren 241.885 Menschen im Besitz eines Jagdscheins; 1993, nach der Wende, stieg die Zahl der Statistik des Deutschen Jagdverbandes zufolge auf 326.410. Die letzte Hochrechnung stammt aus dem Jahr 2013: 361.557 Deutsche besitzen heute einen Jagdschein. So viele wie noch nie zuvor. Darunter sind rund 20 Prozent Frauen.

          „Ich würde gerne ein entschleunigteres Leben führen“

          Und immer mehr Stadtmenschen. Die brauchen heute weder Jagdzimmer noch einen grünen Range Rover. Wilken zum Beispiel fährt einen schwarzen Audi A3, und die Klimaanlage läuft darin an diesem Samstag, kurz bevor er im Pfälzerwald eintrifft, auf Hochtouren. So bekommt man die Natur schon beim Öffnen der Autotür wirklich zu spüren. Es ist knallheiß, die Luft steht. Statt Geräuschen ist hier allein Geruch. Holz? „Das sind die Nadeln“, ruft Wilken und ist schon halb auf dem Hochsitz.

          Er flüstert hier jetzt, damit die Tiere nicht sofort weglaufen. „Obwohl“, sagt er leise, „wenn ich ein Reh wäre, würde ich mich heute bei dieser Hitze auch nicht zeigen.“ Es dauert keine Viertelstunde, in der man geradeaus ins Grüne schaut, da sagt Wilken plötzlich: „Ich führe nicht das Leben, das ich mir eigentlich vorstelle.“ Dabei ist an seinem nichts falsch. Er hat Medizin studiert, arbeitet als Arzt in Frankfurt, er hat genug Freunde, genug Geld. „Ich würde gerne ein entschleunigteres Leben führen und noch viel mehr draußen sein. Eine Blockhütte in Alaska, das wäre etwas.“

          Seinen Blick heftet er auf einen dicken Nadelbaum. „Das hier ist wie eine Welt, in die man fliehen kann“, meint er, lacht und sagt im nächsten Moment: „Schon mal am Obststand am Schweizer Platz gewesen?“ Er zieht einen Plastikbecher mit servierfertig geschnittenen Obststücken aus dem Rucksack, spießt Ananas, Weintrauben und Erdbeeren mit einer Pommesgabel auf. „Total toll.“

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