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Katzencafé : Kaffee und Kuscheln

  • -Aktualisiert am

Dreisam: Im Münchner Café Katzentempel gibt es nur vegane Speisen – und eben Katzen. Bild: © Reinhard Schmid/Schapowalow

In Deutschland gibt es immer mehr Katzencafés. Gestresste Städter suchen dort Streicheleinheiten. Hilft das?

          3 Min.

          Meäh, meäh, meäh“, surrend tönen Corinna Hönes Katzenlaute über den Balkon. „Ich kann Kätzisch“, fügt die 41 Jahre alte Geschäftsführerin des „Cats Café“ in der Karlsruher Innenstadt hinzu. „Hallo, ich bin da, heißt das.“ Blinzelnd richtet sie ihren Blick auf Kater Snoopy. Der liegt zusammengerollt auf dem Boden an der Wand und zwinkert zurück, jedenfalls interpretiert das Corinna Hönes so. „Du bist mein Freund“, übersetzt sie auf Nachfrage. Eine Weile taucht sie schnurrend in die Katzenwelt ein, was als Geschäftsführerin eines Katzencafés wohl zur Jobbeschreibung dazugehört.

          Weniger bilingual im Mensch-Tier-Dialog als Corinna Hönes wirken ihre Gäste, die an diesem heißen Sommertag das puristisch eingerichtete Lokal besuchen, das vor einem halben Jahr eröffnet hat. Den Weg zum Katzencafé haben ihnen Katzentatzen aus einer Einkaufspassage heraus gewiesen. Die Gäste treten durch eine Schleusentür, eine Auflage des Veterinäramts, damit die Katzen nicht entwischen. Wer die zweite Tür passieren möchte, muss sich die Hände desinfizieren und wird schriftlich gebeten, Regeln einzuhalten wie: „Katzen bitte nicht am Schwanz ziehen“. Das sollten sich besonders Eltern mit Kleinkindern zu Herzen nehmen, sagt Hönes. Denn diese würden ihre Kleinen gerne mal unbeobachtet in der Spielecke abladen, um sich für ein paar Minuten ganz entspannt veganen und glutenfreien Kuchen, Snacks und Getränken zuzuwenden. Die meisten Gäste nehmen auf dem Balkon Platz, der mit einem feinmaschigen Netz gesichert ist.

          Katzencafés müssen viele Vorschriften beachten. Die Tiere dürfen die Küche nicht betreten, die frei verfügbare Bodenfläche muss für eine bis zwei Katzen fünfzehn Quadratmeter oder mehr betragen, für jede weitere Katze sind zwei zusätzliche Quadratmeter erforderlich. Die Räume müssen mindestens zwei Meter hoch sein. Außerdem brauchen die Tiere einen Rückzugsraum. Elf Katzen streunen in Karlsruhe durch das Café. Sie stammen aus russischen Tierheimen. Tierschutzvereine vor Ort wollten Corinna Hönes keine Tiere überlassen – aus Sorge vor möglicher Tierquälerei. Die Tiere machen aber einen recht gelassenen Eindruck.

          Ein träger Kater hat sich zu Füßen einer kleinen Studentengruppe niedergelassen. Ein angehender Ingenieur lässt eine Kugel an einer Spielangel vor dem Tier in der Luft baumeln. „Am besten kommt man dienstags. Nach dem Ruhetag sind sie zutraulicher und weniger abgestumpft“, sagt er. Der junge Mann ist mit Katzen auf dem Land groß geworden. Doch in seiner kleinen WG ist kein Platz für die Tiere. Ähnlich zielstrebig wie er sucht eine junge Frau die Nähe zu den anmutigen Tieren. Sie mag eine verspielte Kätzin namens Baghira besonders gern. Mit einem puscheligen Spielzeug kniet sie auf dem Boden - und findet Zerstreuung und Ruhe. „Hier herrscht eine ganz andere Atmosphäre als draußen. Ich komme hier runter“, sagt sie.

          Der Trend kommt aus Taiwan

          Gestresste Städter suchen kuschelige Kätzchen: „Es entschleunigt“, sagt Sevim Bäuerle, eine Frau mittleren Alters, und bestätigt damit, was der Großteil der Gäste empfindet. „Die Anwesenheit der Katzen wirkt sehr beruhigend. Es ist wie eine heilsame Therapie.“ Um diesen positiven Effekt weiß auch der ehemalige Investmentbanker Thomas Leidner, der Geschäftsführer des Münchner „Cafés Katzentempel“. Begegnungen mit Katzen senken den Stresslevel, erklärt er am Telefon.

          Leidner hat den Trend, bei Kaffee oder Tee mit Katzen zu schmusen, aus Taiwan nach Deutschland geholt. Auf die Eröffnung seines ersten „Katzentempels“ vor fünf Jahren in München folgte der Aufbau von Filialen in Hamburg und Nürnberg. Geplant sind weitere in nahezu allen deutschen Großstädten. Franchise à la Starbucks. Das Geschäftsmodell aus Asien, bei dem Eintritt zu zahlen ist, lehnt Leidner ab. Es soll keine unangemessene „Erwartungshaltung gegenüber den Tieren“ entstehen. Seine Katzencafés seien keine Streichelzoos, sagt der Mittdreißiger, die Gäste hätten keinen Anspruch auf Kontaktaufnahme mit den Tieren, die aus örtlichen Tierschutzprojekten stammen. Leidner versteht sich als Gastronom, der vegane Bioprodukte auf die Karte setzt. „Man kann nicht eine Katze auf dem Schoß haben und dabei ein Steak essen“, findet er. Von der Nahrungskonkurrenz ganz abgesehen.

          Auch in Berlin sorgen Katzen für behagliches Ambiente rund um den Cappuccino. Bei „Barista Cats“, dem größten Katzencafé der Hauptstadt, das im Bezirk Hohenschönhausen liegt, erzählt die Mitarbeiterin Franziska Hüttner, wer alles in dem Lokal mit der schwedischen Wohnküchenatmosphäre vorbeischaut: Familien mit Kindern, ältere Leute, die sich nicht mehr zutrauen, eine Katze zu halten, Berufstätige, die viel reisen, und Touristen. Ein Rentner, der sich als Joachim vorstellt, könnte die Tiere stundenlang beobachten. „Katzen haben einen sechsten Sinn, das macht sie so spannend. Die Katze meiner Cousine, die im elften Stock wohnte, wusste irgendwie immer, wenn ihre Halterin unten in den Fahrstuhl stieg. Minuten vor ihrer Ankunft erwartete sie diese bereits an der Wohnungstür.“ In Amerika macht sich übrigens schon der nächste Trend breit: Yoga mit Katzen.

          Dieser Artikel stammt aus der Frankfurter Allgemeine Woche.

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