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Berühren ja, verführen nein : Ich war bei einer Profi-Kuschlerin und so war es

Wer viel kuschelt, hat ein besseres Immunsystem. Bild: Marina Pepaj

In Zeiten, in denen soziale Kontakte ins Digitale verlagert werden, erblühen neue Gewerbe – wie etwa das professionelle Kuscheln. Bringt das was? Wir haben’s ausprobiert.

          7 Min.

          Ich liege auf dem Rücken, auf einer breiten Matratze. Der kleine Raum ist sehr warm und in dunkles, weiches Licht getaucht. Leise Musik ist zu hören. Shayla, die ich seit 15 Minuten kenne, schmiegt sich seitlich an mich, so dass ihr Kopf an meiner Schulter liegt und ihr linker Arm auf meinem Oberkörper. Ich bin aufgeregt, aber wir liegen sehr lange in dieser Position, sicherlich zehn Minuten, und mit der Zeit legt sich meine Aufregung, und ich entspanne mich.

          Katrin Hummel

          Redakteurin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Shayla, 51, blonde kinnlange Haare, eckige schmale Brille, ist professionelle Kuschlerin. Eine Stunde mit ihr kuscheln kostet 70 Euro, etwa so viel wie eine Stunde Physiotherapie. Eigentlich heißt „Shayla“ Simone Münster, sie ist zweifache Mutter, lebt getrennt von ihrem Partner und war früher Inhaberin eines Ladens für Schmuck und Geschenkartikel in Darmstadt. Vor zwei Jahren hat sie ihn verkauft, stattdessen kuschelt sie nun. „Es wirkt vielleicht von außen ein bisschen komisch, aber es tut so gut, gehalten und angenommen zu sein“, sagt sie. Und ist sich sicher: „Es wäre Heilung für die Welt, wenn die Leute sich mehr so begegnen würden.“

          Kuscheln für den globalen Frieden? Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber fest steht, dass das Angebot auf Nachfrage stößt. Vor fünf Jahren gründete die amerikanische Personal Trainerin Samantha Hess in Portland, Oregon, das erste Kuschelstudio der Welt. In der ersten Woche kamen laut der britischen Zeitung „The Independent“ 10.000 Kunden. In Deutschland gibt es seit 2016 die Website „Die Kuschel Kiste“; 41 Kuschler aus ganz Deutschland, Österreich und der Schweiz warten dort auf Kundschaft. Zehn Anfragen pro Woche bekomme sie ungefähr, sagt Betreiberin Elisa Meyer. Auch Shayla kann man über die Kuschelkiste buchen.

          „Ich will hier nie mehr weg“: Shayla (links) beim Kuscheln mit einer Kundin.

          Shayla bietet mir nun an, mir noch eine andere Kuschelstellung zu zeigen. Dazu wenden wir uns einander zu, ihr Kopf liegt unter meinem Kinn, so dass wir uns wie auch in der ersten Kuschelposition nicht ansehen. Sie legt einen Arm über meinen Oberkörper und streicht ganz sanft mit den Fingernägeln über meinen Rücken. Es ist angenehm, doch es gibt mir nichts, was ich brauchen würde. Aber ich bin ja auch nicht unterkuschelt.

          Es entsteht geistige und körperliche Nähe

          Menschen wie Stefan hingegen, die fürs Kuscheln Geld ausgeben, genießen Shaylas Berührungen sehr. Er ist 49, Single ohne Kinder, Verwaltungsbeamter und wegen einer chronischen Erkrankung in Frühpension. Eigentlich, sagt er, habe er genügend Berührungen in seinem Alltag, weil er einen „kleinen, aber guten Freundeskreis“ habe: „Die Frauen, mit denen ich befreundet bin, nehmen mich zur Begrüßung und zum Abschied in den Arm, das fühlt sich gut an. Aber es ist natürlich nicht das Gleiche, wie zu kuscheln“, sagt Stefan, der eigentlich anders heißt. Bei Shayla, mit der er regelmäßig kuschelt, kann er sich fallenlassen, er fühlt sich geborgen und hat ein warmes Gefühl. Einmal ist er in ihren Armen eingeschlafen, und als er aufwachte, war sie immer noch da. „Das hatte fast schon etwas Mütterliches“, findet er.

          Beim Kuscheln reden Shayla und Stefan die ganze Zeit miteinander, so entsteht eine geistige und körperliche Nähe, vielleicht auch eine emotionale. Aber keine Erotik, das ist Stefan sehr bewusst: „Eine echte Beziehung würde wesentlich tiefer gehen, das ist kein Vergleich.“ Dennoch, nachdem er mit Shayla gekuschelt hat – meist so um die Mittagszeit herum –, fühlt er sich den Rest des Tages anders als sonst: „Da ist eine Wärme und eine Zärtlichkeit in mir, es ist schwer zu beschreiben.“ Zu Prostituierten geht er inzwischen gar nicht mehr, denn er sucht keinen Sex, sondern Geborgenheit, „und das geben einem Prostituierte überhaupt nicht“, so seine Erfahrung.

          Tatsächlich belegen wissenschaftliche Studien, dass wir Menschen zwar keinen Sex brauchen, um gesund zu bleiben – Berührungen aber schon. Der menschliche Körperkontakt, einhergehend mit einer Verformung der Haut, einer Wärmeübertragung, einem Geruch, Geräuschen und vielleicht auch Blicken, „ist ein biochemisches Großereignis“, sagt der Psychologe Martin Grunwald, der am Haptik-Labor der Universität Leipzig untersucht, wie taktile Reize auf den Menschen wirken. Im Einzelnen geschieht Folgendes: Das Cortisol-Level, also der Stress, nimmt ab, wenn wir berührt werden. Das Bindungshormon Oxytocin und Neuropeptide, die Angstempfindungen senken, werden ausgeschüttet. Die Atmung wird flacher, die Herzfrequenz nimmt ab, der Blutdruck sinkt, die Muskulatur entspannt sich. Und der Botenstoff Serotonin sorgt für Glücksgefühle im Gehirn.

          Wäre es Heilung für die Welt, wie Shayla sagt, wenn die Leute sich mehr so begegnen würden?

          Grunwald hat ein Buch darüber geschrieben, warum der Mensch ohne Berührung nicht leben kann: „Homo hapticus“. Darin schreibt er über Kinder in rumänischen Waisenhäusern, die zwar genug zu essen bekamen, aber keine liebevollen Berührungen erfuhren. Viele starben in den ersten Lebensjahren, die Überlebenden litten lebenslang unter körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen.

          Wer viel kuschelt, hat ein gutes Immunsystem

          Wer heute als Erwachsener nicht berührt wird, leidet häufiger unter psychosomatischen und psychischen Erkrankungen, zum Beispiel unter Depressionen. Und Kinder, denen es an Berührungen mangelt, werden öfter verhaltensauffällig. Umgekehrt ist Berührung sogar heilsam. Frühgeborene, die regelmäßig massiert werden, entwickeln sich schneller als Frühchen, die nicht berührt werden. Und Ärzte, die die Kraft der Berührung gezielt einsetzen, können die körperliche Befindlichkeit ihrer Patienten verbessern, bevor sie sie überhaupt untersucht haben. Generell gilt: Wer viel kuschelt, hat ein gutes Immunsystem.

          Leute von der „Kuschel Kiste“ setzen sich daher dafür ein, dass die Krankenkassen Kuscheln als Teil der Körpertherapie bezahlen. Und Martin Grunwald ist sich sicher: Im klinisch-psychologischen Bereich wird es in den nächsten Jahrzehnten Ausbildungsstrukturen geben, in denen das professionelle Kuscheln gelehrt wird. Denn in unserer Gesellschaft nehme die körperliche Nähe ab, weil immer mehr soziale Kontakte nur noch virtuell seien.

          Ohne Berührungen, sagen Wissenschaftler, kann der Mensch nicht leben.

          Tatsächlich ergab eine Studie der Ruhr-Universität in Bochum, dass sich in Deutschland jeder Siebte zwischen 45 und 65 Jahren einsam fühlt. Gerade auch alte Menschen werden oft viel zu wenig berührt. Physiotherapeuten haben Martin Grunwald beschrieben, dass manche ältere Patienten auf der Massageliege anfangen zu weinen, sie sagen dann zum Beispiel: „Mich hat seit drei Jahren niemand mehr angefasst.“ Kuscheln könnte also als Dienstleistung wie eine Massage zählen. Und andere Formen käuflicher körperlicher Nähe ohne Bezug zur Sexualität werden vielleicht folgen. Man könnte sich zum Beispiel Mitschläfer vorstellen, die neben anderen Menschen schlafen, damit die nicht allein sind.

          Ein Kunde hat sich mal in Shayla verliebt

          Shaylas Kunden eint, dass sie unter Berührungsarmut leiden. Es kommen oft Langzeit-Singles ohne Kinder, so wie Stefan. Sie hat aber auch eine Kundin, die psychisch krank ist und als Kind sexuell missbraucht wurde. „Sie muss erst wieder lernen, Berührung mit etwas Positivem zu verknüpfen“, sagt Shayla. „Sie hat ganz, ganz viel Angst und fühlt sich sehr verkehrt auf diesem Planeten. Einmal lag sie zum Schluss in meinen Armen und sagte: ,Ich möchte hier nicht mehr weg.‘“

          Ein Kunde hat sich mal in sie verliebt und war dann der Meinung, er müsse fürs Kuscheln nichts mehr bezahlen. Shayla hat zu ihm gesagt: „Das ehrt mich, aber von meiner Seite aus ist da nichts. Es fühlt sich für dich an, als gäbe es sehr viel Nähe zwischen uns, aber es ist keine private Geschichte zwischen uns.“ Manche Kuschler fragen Shayla im Vorfeld auch, ob sie nackt kuscheln können. Denn Shayla ist nicht nur Kuschlerin, sondern auch Tantramasseurin und macht Sexualbegleitung. Aber beim Kuscheln ist tatsächlich alles, was mit Sex zu tun hat, tabu: keine Berührungen in der Bikinizone, kein Küssen, kein Eindringen in Körperöffnungen. Die Kunden müssen vorher einen Vertrag unterschreiben; noch nie hat sich jemand über diese Regeln hinweggesetzt. Und wenn ein Mann beim Kuscheln eine Erektion bekommt, dann hört Shayla auf, ihn zu streicheln, und nimmt eine neue Kuschelposition ein. „Ich bleibe aber ganz cool und spreche es auch meistens an, ich frage dann: ,Wie geht es dir gerade?‘“

          Ekeln tut sie sich nie. Aus einer tantrischen Haltung heraus, sagt Shayla, nimmt sie prinzipiell keine Wertungen vor. „Ich sage auch nicht: Der ist mir zu fett oder zu haarig.“ Und wenn jemand Mundgeruch hat? „Dann muss ich mich so hinlegen, dass ich den Kopf in eine andere Richtung drehe. Ich muss gut auf mich achten, so dass es mir gutgeht dabei.“

          Psychologe Grunwald weiß aus Gesprächen mit Kuschlern um diese Schwierigkeiten und hat vor professionellen Kuschlern darum großen Respekt: „Das ist eine ganz harte Arbeit, das müssen starke Persönlichkeiten sein.“ Shayla zum Beispiel hilft ihre Tätigkeit als Tantramasseurin dabei, professionell zu bleiben. Zudem hat sie eine Ausbildung bei „Kuschel Kiste“ absolviert. Die sah so aus: Gründerin Elisa Meyer trug ihr auf, ihr Buch „Berührungshunger“ zu lesen. Darin steht viel über die Wirkung von Oxytocin oder das Ausbleiben von Berührungen bei Affen und Menschen. Anschließend musste Shayla eine schriftliche Prüfung ablegen. Dann kam Meyer nach Darmstadt und zeigte ihr verschiedene Kuschelpositionen: Löffelchen oder Vollkontakt-Kuscheln mit Rückenstreichler. Danach tat Meyer so, als sei sie eine Kundin. Darauf folgte Shaylas Zertifizierung als professionelle Kuschlerin.

          Wer zu wenig berührt wird, kann sich ein Haustier zulegen. Mit ihm zu kuscheln hat einen ähnlichen Effekt.

          Aber hat das Kuscheln mit Fremden den gleichen gesundheitlichen Effekt wie das Kuscheln mit jemandem, der einen gern hat und zu dem man sich selbst auch hingezogen fühlt? „Zumindest einen ähnlichen“, sagt Martin Grunwald. Die biochemischen Effekte vollzögen sich bloß langsamer, als wenn wir Körperkontakt zu vertrauten Menschen hätten. Soll heißen: Wenn wir mit Fremden kuscheln, müssen wir länger kuscheln als mit vertrauten Personen, um den gleichen Effekt zu erzielen.

          Haustiere sind eine gute Alternative

          Haben wir gar niemanden zum Kuscheln und scheuen wir uns, fürs Kuscheln zu bezahlen, haben wir noch drei weitere Möglichkeiten: Entweder wir arbeiten den Berührungsmangel eher robust weg „mit viel Sport oder Drogen oder einer übertriebenen Sexualität – die den Berührungsmangel auch ausgleichen kann“, sagt Grunwald. Oder wir buchen eine Wohlfühlmassage. Oder wir kuscheln mit Tieren. Haustiere sind eine gute Alternative – oder auch Kühe. Was in den Niederlanden unter dem Begriff koe knuffelen schon länger angeboten wird und in Amerika unter dem Begriff cow cuddling läuft, bieten inzwischen auch verschiedene Bauernhöfe in Deutschland an: Kuhkuscheln. Vor allem bei Kindern mit ADHS und bei Burnout-Patienten führe das Zusammensein mit Kühen zu großer Ruhe und Entspannung, so die Anbieter.

          Weil es aber nicht jedermanns Sache ist, sich an Tiere anzuschmiegen, hat „Kuschel Kiste“-Betreiberin Elisa Meyer nun noch eine andere Idee entwickelt: Sie hat eine Crowdfunding-Kampagne gestartet, mit der sie eine Kuschel-Datingplattform gründen will. Dort sollen sich Menschen finden, die sich im Alltag mehr Kuschelgelegenheiten wünschen: Kuscheln ohne Romantik, Kuscheln als bloße Berührung. Also genau das, was Shayla auf ihrer Matratze mit mir macht.

          Als Letztes – wir kuscheln jetzt schon seit einer knappen Stunde – zeigt sie mir noch die Kuschelposition namens Boot. Dazu setzt sie sich mit angewinkelten Beinen hinter mich und legt sich ein Kissen in den Schoß. Darauf lege ich, nun wieder auf dem Rücken liegend, meinen Kopf. Sie massiert sanft meine Kopfhaut und streichelt mein Gesicht. Als die Zeit um ist, überlege ich, was ich nun vom professionellen Kuscheln halten soll. Finde ich es gut oder schlecht? Also: Dadurch, dass wir einander nicht angeschaut haben, war das Kuscheln nicht so peinlich und unangenehm, wie ich es mir vorgestellt hatte. Ich konnte es sogar genießen. Und für Menschen, die nicht genügend von anderen berührt werden, ist es wohl wirklich das Richtige.

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