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Beziehungskolumne : Wer bin ich – nach der Trennung?

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Nach der Trennung sich selbst finden: Unsere Autorin steht nun gern rauchend am Fenster und ist für sich allein glücklich (Archivbild). Bild: Picture-Alliance

Verliebt mit 18, zusammengezogen mit 19 – und das ganze Leben geplant. Nach der Trennung fragt sich unsere Autorin: Wer bin ich eigentlich, außerhalb dieser Beziehung? Und begibt sich auf die Suche. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

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          Meine Freunde hatten mir gesagt, dass irgendwann der Tag kommen würde, an dem ich aufwache – und alles wieder so ziemlich ok ist. Bis es soweit ist, höre ich Adele und halte stundenlang Krisengipfel in der WG-Küche ab. Und dann ist er irgendwann da, der Moment: Ich kann den Kummer ertragen. Aufstehen. Weitermachen.

          Und frage mich, nach all dieser Zeit: Wer bin ich eigentlich? Mit 18 hatte ich mich Hals über Kopf verliebt und jetzt, mit 25, ist es, als sei ich aus einem Dornröschen-Schlaf erwacht. Ich war so lange Teil eines Wirs, dass ich nun erst einmal nach dem Ich suchen muss. Dass ich mich fragen muss, was ich will, was ich mag, und: Wer ich sein will. Das beginnt bei Kleinigkeiten: Welche Musik mag ich? Hätte ich unabhängig von der Beziehung angefangen, Hoodies zu tragen? Und mag ich tatsächlich Football?

          Letzteres kann ich nun eindeutig mit „Nein“ beantworten. Aber aus Liebe setzt man sich unzählige Stunden vor den Fernseher und verfolgt einen Sport, von dem man nicht die geringste Ahnung hat. Auch die Sache mit dem Musikgeschmack und der Kleidung hatte sich relativ schnell erledigt – Adele hilft, und Hoodies sind in manchen Lebenssituationen einfach sehr praktisch. Zurück bleibt das Gefühl, als müsste ich nun in eine Kugel, wie die in der Mini Playback Show, um dann nach einem Make-over, als neue und fabelhafte Version meiner Selbst hinauszukommen. Nur in dem Part, in dem einem sonst Marijke Amado tatkräftig zur Seite steht, bin ich auf mich allein gestellt.

          Als ich mich mit 18 verliebte, hatte ich mich noch nicht selbst gefunden. Ich wurde nicht allein erwachsen, sondern mit meinem Freund. Ein bisschen auch in Abhängigkeit dieser anderen Person. Das kann schön sein – und war es auch. Ich fühlte mich sicher, aufgehoben und fand es absolut romantisch, dass ich mich schon so früh so langfristig für jemanden entschieden hatte. Doch meine Selbstfindung litt. Wir entwickelten gemeinsame Vorlieben, Vorstellungen – während wir zusammen erwachsen wurden. Wir beschlossen gemeinsam, in welche Stadt wir ziehen würden, suchten zu zweit Ikea-Möbel für die erste Wohnung aus, wohnten nicht erst einmal allein. Und setzten, ganz nebenbei, eine Altersgrenze fest, ab der wir frühestens an eine Hochzeit denken wollten. Wir halfen einander dabei, den richtigen Studiengang zu finden, wurden uns einig über Reiseziele und hatten ein gemeinsames Lieblingsrestaurant.

          Nun erwischt mich eiskalt die Erkenntnis, dass ich in den letzten Jahren kaum eine Entscheidung allein getroffen habe. Damals dachte ich: Ja, mir gefällt der weiße Schrank wirklich. Und das ist eben auch der, der ihm zufällig am besten gefällt. Der braune hätte nicht so gut zu der gemeinsam ausgesuchten Wandfarbe gepasst, für die ich mich aber auch unabhängig von ihm entschieden hätte. Bestimmt. Aber hätte ich das wirklich?

          Und es geht nicht nur um Einrichtung. Ich finde mich selbst, und ich bin unentschlossen in fast jeder Situation, weil ich mich nicht auf den anderen einschießen muss – oder verlassen kann. Will ich tatsächlich irgendwann heiraten? Wer hat eigentlich gesagt, dass Monogamie der einzige Weg zum Glück ist? Und, die vielleicht nicht essentielle, aber doch nicht unwichtige Frage: Ist unser Restaurant wirklich mein Lieblingsrestaurant?

          Eindeutige Antworten werde ich so schnell nicht finden auf die großen Fragen des Lebens. Ich könnte nun alles planen – und mich dann doch wieder in einer Beziehung verlieren. Und so anstrengend es auch ist, meinen eigenen Weg zu finden, so aufregend und so befreiend ist es auch. Ich gehe auf Rendezvous mit mir selbst, stehe rauchend am Küchenfenster und genieße Momente, in denen ich plötzlich glücklich bin, nur für mich. Und höre dabei genau die Musik, die mir gefällt.

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          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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