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Verschwörung im Alltag : Wenn man mit Corona-Leugnern verwandt ist

„Querdenker“-Demo im Mai 2020 in Stuttgart Bild: dpa

Unser Autor gefiel sich darin, Verschwörungsmythen rund um Corona und die Flüchtlingskrise süffisant zu belächeln – bis sie in sein eigenes Umfeld eindrangen. Wie geht er damit um? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es“

          3 Min.

          Als man noch an die Notwendigkeit von Klopapierhamsterkäufen glaubte, stand ich in der langen Schlange draußen vor dem Supermarkt und überlegte, wen ich anrufen könnte, um mir die Zeit zu vertreiben. Ich entschied mich für ein weibliches Familienmitglied, das ich lange nicht mehr gehört hatte. Ein schwerer Fehler.

          Patrick Schlereth

          Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

          Vom obligatorischen „Wie geht’s Dir“ und „Was macht die Arbeit?“ kamen wir schnell zum Thema des Jahres: Corona. Sie hatte eine Doku über Bill Gates gesehen, sie wusste nicht mehr, wo. Diverse Youtube-Videos vervollständigten ihr Bild vom profitgeilen Bösewicht, der uns mit gesundheitsgefährdenden Impfungen und Chipimplantaten unterjochen will. „Dem geht’s nur um die Kohle“, schrie sie ins Telefon, ich schaute mich um und fürchtete, die ganze Hauptstraße hörte zu. Ich ging ein paar Meter und giftete zurück, warf mit Fakten um mich und zweifelte an der Gesundheit ihres Geisteszustands. Gut, dass ich unter freiem Himmel stand, sonst wäre ich an die Decke gegangen.

          „Hygienedemo“-Bilder hatten sich immer surreal angefühlt

          Das süffisante Lächeln über Corona-Leugner, Impfgegner und Aluhutträger ist mir seitdem vergangen. Die Bilder von den „Hygienedemos“ hatten sich immer surreal angefühlt, als ob eine Gruppe von Kindern nur ein bisschen aufbegehren wollte, bevor sich die Vernunft durchsetzt. Nun hatte ein Telefongespräch das geschafft, was Tausende Demonstranten nicht geschafft hatten: mir meine eigene Filterblase bewusst zu machen, mich persönlich betroffen zu machen, mir Angst zu machen. Das Eindringen in das eigene Umfeld machte den Wahnsinn plötzlich real.

          Dabei hätte mir schon in der sogenannten Flüchtlingskrise auffallen können, dass sich die zunehmende Polarisierung nicht nur in den Feuilletons der Tageszeitungen, sondern auch in der eigenen Realität abspielt. Entfernte Bekannte erzählten mir beim Schnitzel-Essen, dass sie der AfD keine Regierungsverantwortung zutrauten, sie aber trotzdem gewählt hätten, weil alles besser sei als die „Diktatorin Merkel“. Auf der Hochzeit eines Freundes bedrängte mich ein Gast, die „Lügen der Mainstreampresse“ offenzulegen, als deren Vertreter er mich ausgemacht hatte. Was für Leute er da eingeladen habe, wollte ich vom Bräutigam wissen. Der streitlustige Gast sei „eigentlich ein netter und hilfsbereiter Kerl“, man kenne sich aus dem Schrebergartenverein, „gewisse Themen sollte man bei ihm meiden“. Das kam für mich nicht infrage, mit „solchen Leuten“ wollte ich nichts zu tun haben.

          Diese Verweigerungshaltung durchzuhalten wird aber umso schwieriger, je näher mir die Person steht. Und eigentlich möchte ich auch nicht derjenige sein, der fremde Meinungen niederschreit und mit Tunnelblick durchs Leben geht. Im Alltag eines linksliberalen Akademikermilieus bin ich unverfänglichere Diskussionen gewohnt, die Mitdiskutanten teilen einen Großteil meines Weltbilds. Man debattiert über einen Veggie Day in den Kantinen, Tempo 30 in den Großstädten oder den bemitleidenswerten Zustand der SPD oder FDP.

          Natürlich geht es immer öfter auch um Corona: Sind die Maßnahmen zu strikt oder zu lasch? Wie schützt man Risikogruppen vor dem Virus, ohne andere Gesellschaftsgruppen in den Ruin zu treiben? Darf man seine Oma noch besuchen, ins Ausland reisen und Geburtstagspartys feiern? Ein unausgesprochener Konsens bleibt dabei immer Grundlage der Diskussion.

          „Ich bin Wissenschaftler, habe sogar ein Buch geschrieben!“

          Es ist für mich dann richtig ungewohnt, jemandem seelenruhig erklären zu müssen, warum Merkel keine Diktatorin ist und das Coronavirus keine Verschwörung internationaler Superkonzerne. Es hängt von meiner Tagesform ab, ob ich die Kraft dazu habe. Es hängt vom Grad des Wahnsinns ab, ob ich die Person zu überzeugen versuche. Vor allem muss sie es mir wert sein.

          Wenn sie es mir wert ist, ergeben sich oft erstaunliche Gespräche. Erschreckend viele meiner Gesprächspartner staunen ob der Qualitätsstandards, die wir in den Redaktionen pflegen und mit denen wir uns von Corona-Leugner-Videos auf Youtube abheben, die so oder so ähnlich beginnen: „Ich bin kein Corona-Leugner, sondern Wissenschaftler, ich habe auch ein Buch geschrieben!“ Den Wahnsinn im eigenen Bekanntenkreis bekämpfen bedeutet also nicht immer Frustration und Stress. Es kann mir auch dabei helfen, die eigene Arbeit zu hinterfragen und mich daran erinnern, wie wichtig es ist, was wir da täglich machen.

          Mit meiner Verwandten kann ich über die Maßnahmen und die Berichterstattung nun etwas gelassener reden, auch wenn sie Bill Gates immer noch nicht so ganz über den Weg traut. Sie habe sich „in Internetforen aufwiegeln lassen“, gibt sie zu. Zurück auf dem Pfad der Vernunft zu sein, muss nicht heißen, mit allem einverstanden zu sein. Aktuell stört sie sich an der Unsinnigkeit des Beherbergungsverbots, nachdem es „im Sommer noch hieß, wir sollen alle an die Nordsee. Jetzt darf keiner mehr in den Urlaub, und in der Kneipe um die Ecke hocken sie sich gegenseitig aufm Schoß.“ Ich hätte es anders ausgedrückt, aber widersprechen mag ich ausnahmsweise nicht.

          Kolumnen auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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