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Beziehungskolumne : Wenn die neue Liebe wichtiger ist als Freundschaft

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Aus der Nähe wird Distanz: Wenn sich einer von beiden neu verliebt, kann das eine Freundschaft belasten (Symbolbild). Bild: ZB

Wenn wir frisch verliebt sind, vernachlässigen wir oft selbst langjährige Freundschaften. Wann ist Eifersucht da angebracht? Und wie halten Freundschaften das aus? Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“

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          Ich hatte mal eine sehr gute Freundin, nennen wir sie hier Hannah. Wir haben uns jeden Tag Nachrichten geschrieben und uns fast jede Woche getroffen, meist am Wochenende. Im Juni vergangenen Jahres lernte Hannah einen Mann kennen, mit dem sie kurz darauf eine feste Beziehung einging. Sie hatten sich Hals über Kopf ineinander verliebt. Seitdem haben Hannah und ich nie wieder einen Samstagabend miteinander verbracht.  

          Es gibt Menschen, für die ist ihr Partner wichtiger als jeder Freund. Bei anderen bleiben die Freunde immer die Nummer eins. Und beides ist vollkommen in Ordnung. Denn jeder Mensch hat andere Vorstellungen vom Leben. Aber wie ist es, wenn eine Person in unser Leben tritt und von jetzt auf gleich alle anderen Beziehungen, die schon vorher bestanden, an Bedeutung verlieren?

          Weil ich verstehen will, was zwischen Hannah und mir genau passiert ist, frage ich bei Christian Stegbauer nach, er ist Soziologe an der Goethe-Universität in Frankfurt. „In dem Moment, in dem die neue Person hinzukommt, entsteht auch eine neue Priorisierung“, erklärt Stegbauer. „Die bereits bestehenden Beziehungen, die auch eng waren, fährt der Verliebte ein Stück zurück. Die Aufmerksamkeit ist nicht mehr so da, und die Gedanken der anderen Person drehen sich eher um die neue, romantische Beziehung – auch dann, wenn man mit Freunden zusammen ist“, so Stegbauer. Dadurch verliere die Freundschaft an Gelegenheiten und Substanz.

          Lass mich dein Samstagabend sein

          Hannah hielt mich auf dem Laufenden. Wir schrieben weiterhin miteinander, und sie erzählte mir viel von ihrer neuen Beziehung. Aber für unsere Treffen hatte sie kaum noch Zeit. Jedes Mal, wenn ich sie gefragt habe, ob wir uns am Wochenende sehen wollen, hatte sie es schon verplant – mit ihrem neuen Freund. „Lass mich doch mal wieder dein Samstagabend sein“, hätte ich ihr am liebsten geschrieben. Doch ich wollte sie nicht unter Druck setzen. „Man gerät mit der Person, die hinzukommt, in eine gewisse Konkurrenz, was Zuneigung und Zeit, die miteinander verbracht wird, angeht“, sagt Stegbauer. Dadurch entstehe bei den guten Freunden ein ähnliches Gefühl wie Eifersucht – und das aus gutem Grund. „Von der Zeit, die man vorher gemeinsam verbracht hat, ist nun viel weniger übrig als zuvor“, so Stegbauer. 

          „Übernächste Woche Dienstag oder Donnerstag klappt“, schrieb Hannah mir schließlich, als es darum ging, ein Treffen zu vereinbaren. Wenn ich jemanden date, und diese Person sich grundsätzlich nie am Wochenende mit mir verabredet, kommt mir das schnell merkwürdig vor. Aber ist es nicht viel tragischer, wenn sich gute Freunde, mit denen wir uns regelmäßig genau dann getroffen haben, auf einmal ausschließlich nur noch unter der Woche Zeit für uns nehmen? Und woran liegt das?

          „Ähnliches passiert, wenn ein Paar ein Kind bekommt. Das Kind nimmt auf einmal die Aufmerksamkeit ein und die beiden vormals romantisch verbundenen Partner haben nicht mehr so viel Zeit für einander“, sagt Stegbauer. Dann müsse sich die Liebesbeziehung neu definieren. Genauso müssten Freundschaftsbeziehungen in Bezug ausgehandelt werden – eine dritte Person ist dazugekommen.  

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