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Beziehungskolumne : Warum wir ohne unseren Partner in den Urlaub fahren sollten

Nachdenklich aufs Meer gucken – geht auch gut ohne Partnerin (Archivbild). Bild: Picture-Alliance

Stundenlanges Anschweigen ohne Reue und ein neues altes Gefühl. Unser Autor war ohne seine Freundin auf Reisen – und ist sich sicher: Die Partnerschaft hat davon profitiert. Die Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“.

          2 Min.

          Ich liebe meine Freundin. Wir sind seit drei Jahren ein Paar, seit mehr als anderthalb Jahren teilen wir Bett, Bad und Briefkasten. Ich habe mit ihr die beste Zeit meines Lebens. Und trotzdem habe ich erst vor wenigen Wochen eine ganz neue und angenehme Erfahrung gemacht, die ich nur jedem, der seit längerer Zeit in einer Beziehung ist, empfehlen kann. Ich war im Urlaub. Ohne sie. Es war eine unfassbar gute Zeit. Wie passt das zusammen?

          Dass bei Paaren um die dreißig, die auch noch zusammenwohnen und wo beide einem festen Job nachgehen, die Abende meist mit Netflix enden und die Wochenenden zum gemeinsamen Ausschlafen und ausgiebigen Frühstücken genutzt werden, ist kein Geheimnis mehr – und das ist auch gut so (Lesen Sie dazu unbedingt diesen Text zum „Joy of Missing Out“). Dass man diese „Quality-Time“ zu zweit allerdings nur so richtig genießen kann, wenn man auch mal getrennt voneinander unterwegs ist, ist ebenfalls bekannt. Ich meine damit allerdings weniger den Fußball-Abend in der Kneipe oder den Shopping-Samstag mit der besten Freundin, um einmal die volle Klischee-Breitseite rauszuhauen. Ich fordere alle Paare dazu auf, einen Schritt weiterzugehen – und getrennt voneinander Urlaub zu machen. Mindestens einmal im Jahr. Und mindestens für zwei Wochen.

          Urknall, Kinderkriegen und die AfD

          Ich für meinen Teil war mit einem meiner besten Kumpel in Panama. Zwei Wochen sind wir durch das Land gereist, sind auf Berge gestiegen, haben uns nachts am Strand mit Dosenbier betrunken und über den Urknall, Kinderkriegen und die AfD diskutiert. Es ist nicht so, dass ich all das nicht auch mit meiner Freundin tun könnte. Ich habe auch oft daran gedacht, wie schön es doch wäre, diesen bestimmten Moment jetzt mit ihr zu teilen. Und trotzdem hat es seine Vorteile, dass sie in diesem Urlaub nicht dabei gewesen ist.

          So wurde eine wegen unterschiedlicher Wohnorte etwas angestaubte Freundschaft neu belebt. Im Studium hatten mein Kumpel und ich viel Zeit miteinander verbracht und uns auf langen Laufrunden oder an siffigen Kneipentheken gegenseitig gutgemeinte Ratschläge für Leben, Liebe und Karriere gegeben. Diese Gespräche sind in den vergangenen Jahren deutlich seltener und kürzer geworden. Nun war es einfach mal wieder an der Zeit, sich auf den neuesten Stand (Hochzeit, Nachwuchs, Gehalt) zu bringen und die Meinung des anderen zu hören. Außerdem konnten wir uns über Stunden hinweg auch einmal herrlich anschweigen. Einem Pärchen-Urlaub täte das wohl nicht so gut.

          Der Kumpel-Trip hat außerdem den Willen in mir geweckt, sich auch mit meiner Freundin deutlich häufiger gemeinsam zumindest in ein kleines Abenteuer zu stürzen. Nichts schweißt mehr zusammen, als sich in der Pampa zu verfahren oder für eine Nacht in einem miesen Hotel zu landen. Erst zickt man sich an, dann zieht man es gemeinsam durch. Eine All-Inclusive-Pauschalreise nach Mallorca oder an den Sonnenstrand zu buchen ist zwar deutlich stressfreier als zwei Wochen Rundreise mit Unterkünften und fahrbarem Untersatz zu organisieren. Viel zu erzählen hat man einander und anderen danach jedoch nicht.

          Und dann hat die Reise um die halbe Welt noch ein Gefühl in mir ausgelöst, das ich seit meiner ersten Klassenfahrt nach Cuxhaven in der vierten Klasse nicht mehr kannte: Heimweh. Spätestens zu Beginn der zweiten Urlaubswoche habe ich regelmäßig die Stunden gezählt, bis der Flieger nach Hause wieder abhebt. Ich fand es grandios, mit meinem Buch in der Hand an diesem einsamen Strand zu liegen – und habe mir gleichzeitig gewünscht, am Abend wieder daheim auf dem Sofa zu liegen und mit meiner Freundin über den Alltag zu quatschen. Irgendwie absurd, aber im Nachhinein ein schönes Gefühl.

          Es muss ja nicht immer gleich Panama oder eine monatelange Selbstfindungstour sein. Doch selbst wenn man sich in vielen Dingen, die das eigene Leben betreffen, schon sicher ist, lohnt es sich, von Zeit zu Zeit wenigstens kurz einmal räumlichen Abstand von den Dingen und Menschen zu nehmen, die uns wichtig sind – damit sie uns auch wichtig bleiben. Ich habe jedenfalls von dieser Reise profitiert. Und unsere Beziehung hoffentlich auch.

          Bald fahre ich übrigens wieder für ein paar Tage weg. Diesmal mit Freundin und ganz bestimmt ohne Heimweh. Das wird wunderbar.

          Kolumne auf FAZ.NET

          Im wöchentlichen Wechsel erscheinen im Stil-Ressort mittwochs die Beziehungskolumne Ich. Du. Er. Sie. Es.“, die „Fünf Dinge“-Kolumne und die Kolumne „Der Moment“. In der Beziehungskolumne „Ich. Du. Er. Sie. Es.“ geht es um Liebe, Sex, Partnerschaft, das Single-Dasein – eben um alles, was uns in Beziehungsdingen so beschäftigt.

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